WAS ICH LIEBE, WAS ICH HASSE : Vorsicht Kamera!

Die Spielzeit-Kolumne von Rüdiger Schaper, Leiter der Kulturredaktion des Tagesspiegels

FOTO:  MIKE WOLFF
FOTO:  MIKE WOLFF

Heute mal ein paar Anmerkungen über Bühnentechnik. Es geht mir jetzt nicht um versenkbare Orchestergräben oder superteure Lichtanlagen, sondern um technisches Gerät, das auf der Bühne zu sehen ist, genauer: um den Fotoapparat. Wir haben das Jahr 2011 erreicht, aber wenn irgendwo ein Journalist in einem Stück auftaucht, dann niemals ohne Kamera. Das Udo-Lindenberg-Musical „Hinterm Horizont“ wird am Potsdamer Platz mit allerlei Hightech-Tricks gefahren, da taucht die Berliner Mauer aus dem Nichts auf, und Udos Riesenschlapphut hebt und senkt sich wie ein Ufo. Also Hut ab, vor diesem Bühnenbild. Doch was ist das? Die – rothaarige – Reporterin (des Satans?) schleppt ein vorzeitliches Riesending mit sich herum, das ältere Zuschauer tatsächlich als Fotoapparat identifizieren können. Mit aufgepflanztem Blitzlicht und allem Drum und Dran; eine Waffe, wie man sie nur noch auf dem Flohmarkt findet.

Und damit geht die Kollegin nun wild auf ihr Opfer los, knipst, was das Zeug hält. Wahrscheinlich wird das Blatt, für das sie arbeitet, noch mit Blei gesetzt. Wie gesagt, die Szene spielt heute, nicht in den frühen siebziger Jahren, als man statt des Handys immer zwanzig Pfennig für die Telefonzelle in der Tasche hatte. Für jüngere Leser: Telefonzellen standen früher mal in den Städten herum und waren leicht an den zerfetzten Telefonbüchern zu erkennen, und am Uringestank. Telefonbücher? Das waren dicke Schwarten, gefüllt mit Augenpulver ... Aber das führt jetzt zu weit zurück.

Manchmal sieht man in billigeren Filmen eine Armbanduhr am Handgelenk eines Römers, oder im Western fahren Sattelschlepper am Horizont entlang. Da wird man nachdenklich und fliegt aus der dramaturgischen Kurve.

So ging es mir mit der antiquarischen Kamera bei Lindenbergs. Es gibt aber auch den umgekehrten Effekt, der durch intensive Mobilfunknutzung zum Beispiel bei einer Shakespeare-Aufführung entsteht. Die Klassiker-Flatrate! In Andreas Kriegenburgs „Sommernachtstraum“ am Deutschen Theater erkennt man die liebesunfähige Gesellschaft daran, dass alle permanent mit dem Handy spazieren gehen. Ach ja, dem Requisiteur ist nichts zu schwör. Oder war’s der Regisseur?

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