WAS ICH LIEBE, WAS ICH HASSE : Wie man sich setzt, so sieht man

Die Spielzeit-Kolumne von Rüdiger Schaper, Leiter der Kulturredaktion des Tagesspiegels

Wir testen heute Theaterbestuhlung. Ein schrecklich missverständliches Wort, manchmal auch ein großes Problem, mit vielen Facetten. Wer sitzt neben, wer vor mir? Das sind schon nicht zu unterschätzende Faktoren im Gesamtbild eines Theaterabends. Vor allem aber: Was ist unter mir, und was sagt der Rücken?

Es gibt natürlich Theatererlebnisse von solch einer Wucht und Kraft, Schönheit und Intelligenz, dass die physikalischen Gesetze und physischen Erscheinungen für ein paar Stunden außer Kraft gesetzt werden. Aber das geschieht leider nicht so oft; und immer weniger, wenn man etwas länger schon dabei ist.

Einer meiner Lieblingsplätze ist im HAU 1, erster Rang, erste Reihe. Fabelhafte Sicht, komplettes Raum- und Theatergefühl, auch wenn man dafür die Knie an der Garderobe abgeben muss. In der Volksbühne sitzt man eigentlich überall gut, jetzt, wo die unseligen Seesäcke wieder eingemottet sind. Mit dem Amtsantritt von Intendant Ulrich Khuon vor reichlich einem Jahr hat sich jedenfalls auf Anhieb die Sitzqualität im Deutschen Theater verbessert. Fabelhafte Beinfreiheit herrscht an der Schaubühne, der Preis dafür ist allerdings ein gewisses Konferenzraum-Gefühl.

Und jetzt eine Fanfare für die Berliner Festspiele! Endlich konnte das Haus renoviert werden. Die Besucher der „Spielzeit Europa“ werden es spüren: Es ist nicht nur ein neues Sitzgefühl in scheinbar unverändertem Ambiente (Denkmalschutz!). Es sind wirklich wieder Sitze, keine Rutschbahnen. Ich erinnere mich an ein Andrea-Breth-Gastspiel mit einem ewig langen finsteren russischen Schinken, da geriet ich auf die schiefe Bahn. Der Neigungswinkel der Sitzfläche war so groß, die Gravitation an diesem Punkt im Festspielhaus so stark, ich stemmte mich Stunde um Stunde gegen den Abgrund, in dem die Inszenierung bereits versunken war, und dachte über die Anschnallpflicht im Theater nach. Wie einst auf einem PanAm-Flug nach New York: Wir saßen hinten, tranken und rauchten und winkten mit den Sitzkissen, die locker im Gestänge lagen. „Denn wie man sich bettet, so liegt man“, heißt es bei Weill und Brecht. Oder im öffentlich-rechtlichen Fernsehjargon: Mit dem Hintern sieht man besser.

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