Zeitung Heute : Was ist am Kopftuch religiös?

Antje Vollmer

TRIALOG

Als die iranische Menschenrechtlerin Schirin Ebadi in Stockholm den Friedensnobelpreis entgegennahm, trug sie kein Kopftuch. Das war eine Demonstration. Es war eine Demonstration gegen den Zwang, dem Millionen muslimischer Frauen ausgesetzt sind, die sich das Kopftuch nicht freiwillig gewählt haben. Es war auch eine Demonstration gegen manche falsche Toleranzvorstellung im Westen. Überhaupt lässt sich fragen, was am Kopftuch religiös ist, und warum es in manchen Kommentaren allmählich geradezu zum Inbegriff religiöser Toleranz wird. Im Koran ist das Kopftuch-Tragen nicht vorgeschrieben. Diese Kleidungsregel stammt zwar aus der Tradition und aus einer religiös begründeten Stellung der Frau in vielen islamischen Gesellschaften. Heute aber wird sie immer mehr zum politischen Symbol der Anhänger islamistischer Bewegungen. „Das Symbol des verhüllten Frauenhaars ist in der Moderne, spätestens seit Khomeini, ein Symbol gegen Toleranz, gegen Pluralismus und für eine rechtlich minderwertige Stellung der Frau. Wer das Kopftuch der Unterrichtenden zulässt, lässt diese Sichtweise im Klassenzimmer zu.“ (Rita Grießhaber).

Wir sollten genauer hinhören, wenn im Falle des Kopftuches mit der Forderung nach Gleichstellung der Religionen in einer säkularen Gesellschaft argumentiert wird. Geht es wirklich um Religion oder geht es nicht vielmehr um eine ideologische Position? Wo mit so viel Unerbittlichkeit um ein Symbol gekämpft wird, ist ein Blick in die Gesellschaften notwendig, wo die Frauen ohne das Kopftuch gelebt haben und wieder unter das Kopftuch gezwungen wurden. Die Frauen im Iran, die Frauen aus Afghanistan und die Frauen aus Algerien fordern uns auf, den Schock von Unfreiheit und die persönlichen Verletzungen ernst zu nehmen, die ihnen nicht im Namen der Religion, sondern im Rahmen einer Ideologie zugemutet wurden.

Selbst wer sagt: „Ohne das Kopftuch fühle ich mich nackt“, meint in der Regel nicht: ich möchte geschützt sein, sondern definiert Frauen, die das Kopftuch ablehnen, als ehrlos. Aus diesem Grunde genau ist der oft zu hörende Vergleich zwischen dem Kreuz am Halskettchen und dem Kopftuch oberflächlich und künstlich und trifft nicht den Kern. Wer ein Kreuz am Kettchen trägt, definiert damit nicht denjenigen zum Ungläubigen, zur ehrlosen Person, der diese Mode nicht mitmacht.

Wir sollten also etwas genauer hingucken und etwas genauer bestimmen, was religiöse Toleranz ist, die nicht nur bequem und beliebig ist. Selbstverständlich bleibt das Tragen des Kopftuches als individuelles Freiheitsrecht überall zu akzeptieren, wo es um das Alltagsleben von Frauen geht und selbstbestimmt geschieht – aus welchen Gründen auch immer. Bei einer Lehrerin allerdings, die dieses Symbol bewusst und mit Absicht wählt, sind doch einige Fragen erlaubt. Welche Vorbildfunktion hat sie? Für welche Art Integration steht sie? Wie unterstützt sie alle jene Schülerinnen, die die westliche Freiheit, kein Kopftuch tragen zu müssen, für sich beanspruchen? Wer mit dem Kopftuch demonstrieren will, kann dieses überall tun, auf der Straße, in der Öffentlichkeit, bei sich zu Hause. Die Schule ist dafür ganz sicher der falsche Ort.

Auf jeden Fall hat in Stockholm eine Iranerin, die an keinem Ort ihres Landes ohne Kopftuch akzeptiert wird, gesagt, wie sie – stellvertretend für Millionen muslimischer Frauen – vor die Welt treten möchte, wenn sie eine bedeutende Auszeichnung als Frau und Menschenrechtlerin erhält: ohne Kopftuch.

Die Autorin ist Vizepräsidentin des Bundestags und Grüne.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben