Zeitung Heute : Was ist so schön am Schießen?

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Von Tanja Stelzer

Kapiert man sofort: Ist was für praktische Menschen, die Glock 17. Ingenieurtechnisch genial. 32 Einzelteile, hat man in drei Minuten auseinandergenommen. Mit Polymer-Griffstück, deshalb so leicht. Kann man den ganzen Tag am Gürtel tragen, stört kein bisschen. „Kann ich Ihnen zeigen.“ Karsten Mohaupt holt eine Art Tupperdose aus dem Regal, schwarzes Plastik. Er zieht den Deckel ab. Darin liegt die Pistole, daneben das Magazin für 17 Patronen und ein Bürstchen zum Reinigen. „In den USA verkaufen sie irrsinnige Stückzahlen davon. Da haben Sie eine ellenlange Wartezeit, wenn Sie eine bestellen.“

Er zeigt, wie das geht mit den 32 Einzelteilen in drei Minuten. Erzählt, dass er sie gestern mal ausprobiert hat. Wollte er eigentlich immer schon, „Erfurt war der letzte Kick“, mit der Glock 17 hat ja der Steinhäuser geschossen. Mal wissen, wie das ist. Der Schützenkollege am Schießstand neben ihm hatte eine, den hat er gefragt, ob sie kurz tauschen wollen. Also, wie ist die Glock 17? Karsten Mohaupt wiegt den Kopf. Schießt gut, lässt sich gut händeln, aber nix für mich. Der Reiz ist jetzt weg. Die Glock 17 ist schon wieder zusammengesetzt. Er macht den Deckel auf die Tupperdose, legt sie zurück ins Regal, auf den Stapel mit den anderen Tupperdosen. Ist halt doch nur irgendeine Pistole, kommt an seine nicht ran. Ihr fehlt was. Vielleicht ist es ein bisschen so, wie wenn man einer perfekten Frau begegnet und sich doch nicht in sie verliebt.

Moment mal. Was hat jetzt das Wort „verliebt“ in dieser Geschichte zu suchen? Ist eine Waffe nicht das Gegenteil von Gefühl? Wenn man in die Welt der Waffen eintaucht, mit Karsten Mohaupt spricht, der Pistolen und Gewehre verkauft, wenn man die Redaktion der Zeitschrift „Visier“ besucht, die ihren Lesern die besten Waffen empfiehlt, oder einen Schützenverein in Uelzen, in dem Jugendliche lernen, ins Schwarze zu treffen, stellt man fest, dass das nicht stimmt, zumindest für manche Menschen nicht. Und man merkt, dass man selbst sich einer gewissen Faszination nicht entziehen kann.

„Es gibt Leute, die ihre Waffe mit ins Bett nehmen. Meine Frau hätte was dagegen“, sagt Karsten Mohaupt, Verkäufer in Hamburgs ältestem Waffengeschäft Eduard Hoerning & Co., gleich neben dem Hauptbahnhof, Waffen, Munition und Jagdartikel seit 1809. Er ist ein kleiner Mann, 40 Jahre, mit blonden, raspelkurzen Haaren und stahlblauen Augen, mit denen er einen fest anschaut, wie um zu zeigen: Ich habe nichts zu verbergen. Eher ein trockener Typ, und trotzdem verbindet ihn mit den Waffen so etwas wie Leidenschaft. Als er sich seine erste eigene Pistole kaufen wollte, hat er einen Schützenkollegen gefragt, ob der ihm ein Modell empfehlen könne. Geht nicht, sagte der Schützenkollege. Geh‘ in einen Laden, und nimm sie in die Hand, du musst es fühlen.

Also, was muss eine Waffe haben, damit sie sich gut anfühlt? Karsten Mohaupt sagt: perfekte technische Funktion, optimale Lauflänge im Verhältnis zum Griff, gute Handlage, exakter Druckpunkt. Mit so einer Waffe schießen, und „nach zwei Stunden ist das Schlechte aus dem Kopf“. Und dann erzählt er von seiner Lieblingswaffe, einer Kleinkaliber-Sportpistole, „mit der hatte ich meine größten Erfolge“. Aber jetzt muss er einen Kunden bedienen, vielleicht 20 ist der, blauer Anorak, Sneakers mit neongrüner Sohle, Eastpak-Rucksack, und sucht einen Schlagstock. Mohaupt holt ein Modell in Chromausführung aus dem Schaufenster, der Chef raunt vom anderen Ende der Theke: „Lieblingswaffe, wie sich das anhört.“

Das Messer-Magazin

Seit Erfurt klingt so ein Wort seltsam, selbst für einen, der sein Leben mit Waffen verbringt, der sein Geld damit verdient. Jens-Peter Kern, der Chef, ist 48, er führt den Laden in siebter Generation; der Gründer machte sein Geschäft noch mit Duellpistolen. Die Ladeneinrichtung ist von 1954: ein Kaufmannsladen, wie man ihn Kindern schenkt, nur für Große. Holzregale und -vitrinen rundum, grünes Linoleum am Boden, aufblasbare Lockenten und grüne Filzhüte stapeln sich unter der Decke. Kern ist kein Revolverheld. Er trägt eine beige Hose, über seinen Bauch spannt sich ein Karo-Wollhemd, und wenn er redet, langsam und bedächtig, stützt er sich mit beiden Händen auf die Theke. Unter dem Glas ruhen die Pistolen und Revoler auf grünem, zerschlissenem Samt, hinter Kerns Rücken ist das Gewehr-Sortiment hinter gläsernen Schiebetüren verstaut, vom Luftgewehr bis zur Pumpgun.

Vermutlich wird er weniger verkaufen, wenn sie das Mindestalter für den Waffenerwerb raufsetzen, Schützen einem psychologischen Test unterziehen. Aber dagegen wettern will er nicht, obwohl auf seiner Theke Flugblätter liegen: „Verhindern Sie den Ausstieg aus dem legalen Waffenbesitz!“ Natürlich kennt Kern wie jeder, der schießt, die Zahlen, die belegen sollen, dass das alles ganz harmlos ist. 2,5 Millionen Sportschützen gibt es in Deutschland. Die Verbrechen, die sie begehen – statistisch so gut wie nicht vorhanden. Legale Pistolen oder Gewehre sind gerade mal bei vier Prozent der Straftaten im Spiel, bei denen Schusswaffen eingesetzt werden. Aber wie soll man über Statistiken reden, nach allem, was passiert ist. Kern scheint zu ahnen, dass das Freizeitglück von 2,5 Millionen nicht den Tod von 17 Menschen aufwiegt.

Kern ist bedacht darauf, nicht das Terminator-Image zu befördern. Deshalb formuliert er vorsichtig, man kann fast sehen, wie er die Worte noch einmal überprüft, während er sie ausspricht: „Menschen, die sich für redliche Bürger halten, für staatsloyal, finden sich ungern in solchen Diskussionen wieder.“ An der Kasse nimmt jetzt ein graubärtiger Spitzbergen-Reisender sein neues Gewehr in Empfang, im schwarzen Hartschalenkoffer inklusive zwei Päckchen Munition. Das Gewehr braucht er, weil er mit dem Schiff an den Nordpol will, ist Vorschrift, wegen der Eisbären, die an der Bordwand hochklettern. „Und wir reden hier über die Verschärfung des Waffenrechts.“ Da schüttelt Kern doch den Kopf, und natürlich hat er Recht, wenn er sagt: „Bei einem anderen Waffengesetz hätte der junge Mann vielleicht einen Benzinkanister genommen und in die Pausenhalle geschleudert. Der Mensch an sich ist nicht gefeit davor durchzudrehen.“

Aber muss der Mensch überhaupt schießen? Was ist so spannend daran? Die Frage macht Kern ein bisschen hilflos. Naja, die Sammler wollen sammeln, die Jäger jagen, die Sportschützen treffen. Und dann gibt es natürlich die Leute, die sich selbst verteidigen wollen oder müssen. Nur über die Jungs wundert sich Kern manchmal, die in den Laden kommen und sich blendend auskennen auf dem amerikanischen Markt, Gewicht, Größe, Schusszahl von vollautomatischen Waffen, Modelle, die es hier gar nicht gibt. Es scheint, als sei dem Besitzer dieses alten Waffengeschäfts die Welt der Waffenfans fremd geblieben. Karsten Mohaupt sagt über seinen Chef, mit einem schrägen Blick und einem spöttischen Zug um den Mund: „Nee, mit Waffen hat der nichts am Hut, der sieht mehr das Geschäftliche.“ Mitten im Laden steht ein Regal mit Büchern und Zeitschriften. Die Titel lauten „Der perfekte Flintenanschlag“, „Schalldämpfer“, „Deutsche Sturmgewehre bis 1945“ und „K98k als Scharfschützenwaffe“. Im Zeitschriftenständer die neuesten Ausgaben von „Visier“, „Caliber“, „Deutsches Waffenjournal“ und „Messer-Magazin“. Kern blättert nur selten darin.

Der Chefredakteur von „Visier“ lässt sich tief in seinen Drehsessel sinken, im Rücken die waldigen Hügel von Bad Ems, im Arm eine Pumpgun, das Vorgängermodell der Mossberg 590 Mariner, die Robert Steinhäuser benutzte. Die Pumpgun ist nicht irgendeine Waffe, sie ist ein Hollywood-Star, und obwohl der Amokläufer sie nur über der Schulter hängen hatte und gar nicht mit ihr geschossen hat, ist sie ein Symbol für Erfurt geworden. Warum das so ist, versteht man sofort, wenn man jetzt David Schiller zuschaut. In der Hand hält er eine Patrone mit der Aufschrift „Rottweil Express 12 P 7,5 mm“. Zwölf Kugeln mit einem Durchmesser von 7,5 Millimetern, heißt das. Wenn Schiller die Patrone schüttelt, klingt das, als hielte er ein Überraschungsei in der Hand. Die Mündung des Gewehrs ist groß wie ein Kreis, den man mit Daumen und Zeigefinger bildet. Er setzt die Patrone ein und lädt durch, mit dieser ruckartigen Arnold-Schwarzenegger-Armbewegung. Ritschratsch, das Geräusch kennt man vom Moorhuhn-Spiel, nur dass man sich jetzt augenblicklich fragt, wie schnell wohl aus Spiel Ernst werden kann. Es gibt modernere Gewehre, schon seit über hundert Jahren, die weitaus praktischer sind, da muss man nur den Finger am Abzug bewegen. Aber sie jagen einem nicht dieses Gefühl ein. „Die extreme psychologische Wirkung der Pumpgun“, sagt David Schiller, „hat Millionen von Straftaten verhindert.“ Die Pumpgun ist die Waffe der amerikanischen Streifenpolizisten. Die so gefährlich aussieht, dass man gar nicht damit schießen muss. Und wenn man doch damit schießt, ist sie eben so gefährlich wie jede andere Großkaliberwaffe. Also sehr. Vor zwei Jahren, in einer Spezialausgabe zum Thema Flinten, titelte Schiller mal: „Wer pumpt, hat mehr vom Leben“.

David Schiller ist die Waffenlobby. Das sagt er selbst. Als Waffenlobbyist ist man nicht sehr beliebt, deshalb hat er einen himmelblauen Waffenschein und darf eine scharfe Pistole tragen. Wenn er vor die Tür geht, und sei es nur zum Spargelessen im Restaurant auf dem verschlafenen Platz schräg gegenüber der Redaktion, trägt er links am Gürtel das Handy und rechts die Waffe. Die Dekorationsobjekte in seinem Büro: ein Kalaschnikow-Modell und ein paar Handgranaten in Schwarz, Blau und Grün, von der grünen Sorte hat er ein paar Splitter im Körper, von einem Einsatz am Suezkanal 1973. Schiller hat das „Forum Waffenrecht“ mit aufgebaut, das mehr Freiheiten für Schützen fordert, er hat seine Leser aufgerufen, Bundestagsabgeordneten zu schreiben, man werde sie nicht wählen, wenn sie für die Vorlage des Waffengesetzes stimmen, die den Schützen zu restriktiv war.

Schiller – randlose Brille, blaues Hemd, beige Jeans, Krawatte mit grünen, orangefarbenen und gelben Käfern – ist promovierter Politologe, er zeichnet seine Artikel mit Dr. David Th. Schiller. Er war mal in einer Eliteeinheit der israelischen Armee, hat Sondereinsatzkommandos geschult und Jean-Jacques Annaud bei seinem Stalingrad-Film beraten. Heute hält er manchmal Vorträge bei der Bundeswehr. „Ich kann Ihnen sagen, warum ich Waffen liebe“, sagt er. „Ich bin Jude.“ Überall wo sie einmarschiert sind, hätten die Nazis den Juden alle Waffen abgenommen, bis hin zum Küchenmesser. Eine entwaffnete Gesellschaft, sagt Schiller, sei ein Polizeistaat. Und hätten die Leute in der DDR Waffen gehabt, hätte der Staat es nie so lange gemacht.

Er ist ein geübter Redner, alte Demagogen-Schule, sagt er, bin ja ein 68er. Mitten in seinen Ausführungen klopft es, der Grafiker kommt rein. Baggy-Pants, lila T-Shirt, Seglerschuhe; in der Hand hält er das Titelbild für das neue Spezialheft über Michail Kalaschnikow. Schiller schiebt die Brille auf die Stirn, studiert den Titel mit dem sehr freundlich blickenden grauhaarigen Herrn und dem weniger freundlich aussehenden Maschinengewehr: „Kalaschnikow und seine Waffen Doppelpunkt, Unterzeile: vom AK 47 zum PK. AK 47 ohne Bindestrich.“

Im Prinzip, erklärt Schiller, machen sie „Focus“ für Waffenfreunde. Die Optik ist wichtig in seinem Magazin, Kästen, Tabellen, Service. Die Auflage: zwischen 50 000 und 60 000, verschickt in neutralem Umschlag. Die Leser: zu 86,7 Prozent Männer, viele aktive Soldaten, Polizisten, Reservisten, Leute aus dem Sicherheitsgewerbe. Die Themen: Langwaffen, Kurzwaffen, Schießtests, Gebrauchtpistolen, die Mischung muss stimmen. Gern schreiben sie bei „Visier“ auch historische Geschichten, wie die über das Sturmgewehr 44 der Nazis, dessen Karriere „das Kriegsende ein Ende setzte, bevor es Serienreife erlangte“. Keine Waffe ist böse, noch nicht mal eine Naziwaffe, findet Schiller, höchstens der Mensch, der mit ihr schießt. Die Waffe dient dem Menschen, „Visier“ nennt ein Gewehr deshalb auch schon mal „reinrassige Dienstmagd“ oder „Mädchen für alles“. Trotzdem hat Schiller beobachtet, dass Geschichten über Waffen, die man nicht kaufen kann, besonders gut ankommen. Verbotene Früchte. Vielleicht sind sie ja doch ein bisschen böse? Jedenfalls haben sie irgendwie einen besonderen Reiz.

Die Redaktion belegt anderthalb Etagen in einem Neubau, draußen vor der Tür Kurstadtruhe, drinnen in jedem Büro ein Waffenschrank. Redakteur Siegfried Schwarz, Spezialgebiet: Gewehre und historische Themen, mit verblichenem weißem Hai auf der T-Shirt-Brust, hat gerade ein Manuskript von einem freien Mitarbeiter reinbekommen, der im Hauptberuf Physiklehrer ist. Eine begeisterte Rezension des Selbstladegewehrs SIG 550 Kempf: „Abzug: tadellos weich mit gutem Druckpunkt, Visierung: wunderbar klares Zielbild“. Der freie Mitarbeiter hat nachgemessen und in sauberer Handschrift notiert, wie die Erhitzung des Gewehrlaufs nach mehrmaligem Schießen die Flugbahn des Geschosses beeinflusst.

Gegenüber von Siegfried Schwarz sitzt Redakteur Sascha Numßen, am geflochtenen Ledergürtel ein Messer, dessen Klinge nicht blitzt, weil sie schwarz ist. Ein neuer Superstahl. Numßen, Spezialgebiet: Jagd, macht einen viertägigen Trageversuch mit dem Messer. Der Auftrag: Gucken, ob der an der Hüfte baumelnde Superstahl irgendwann stört. Heute ist Tag zwei des Versuchs, und Numßen sieht zufrieden aus. Weil er auch feststellen muss, ob das Messer gut schneidet, will er später noch auf die Jagd, eine Geiß schießen und mit dem Superstahl aufschneiden. Gestern war nur eine trächtige Geiß da und außerdem ein alter Bock an der Grenze des Jagdreviers. Trächtige Geißen und alte Böcke, die sich davonmachen, müssen die Jäger leben lassen.

Am Schießen, sagt Numßen, macht einfach das Knallen Spaß. Große Kaliber. Einen Rückstoß kriegen, dass einem fast die Schulter abfällt. Die Sache mit dem Rückstoß löst jetzt eine kleine Diskussion aus. Siegfried Schwarz ruft: „Nee, nix über drei-null-acht!“ Sascha Numßen geht an den Waffenschrank, tippt den fünstelligen Code ein, klappt die Flügeltür auf. 16 Gewehre sind darin, Recherchematerial fürs nächste Sonderheft „Jagdliche Repetierbüchsen“; in der Tür klemmt das Putzzeug. Numßen greift sich eine Flinte. Kostet 10 000 Euro, sagt er, und streicht langsam mit dem rechten Zeigefinger über den Lauf. „Gucken Sie mal, die Gravur hier, der Büffel. Die hätt‘ ich schon gern.“

„Ich brauch‘ deine Gravuren nicht. Ich mag’s militärisch, praktisch, gut.“

„Ach, Siggi, Gravur ist doch nicht Gravur. Im Standardmodell sieht ’n Rehkopf aus wie ’n Hundekopf, das ist da so reingeritzt.“

Kollege Siggi hat jetzt die Lust an der Diskussion verloren. Er muss an seinen Computer, im Internet ein Counterstrike-Spiel für die Redaktion ersteigern, sie wollen mal gucken, worüber die Leute jetzt alle reden. In der Redaktion wird ja nur mit echten Waffen geschossen. Von diesen Ballerspielen hatten sie bisher keine Ahnung.

„So ganz ohne ist das ja nicht mit diesen Counterstrike-Sachen“, sagt Numßen.

„Die Tötungshemmung geht flöten. Der Steinhäuser wollte mal ’ne richtige Show machen“, sagt Schwarz.

„Nur die stehen nicht mehr auf“, sagt Numßen und gestikuliert mit dem Superstahl-Messer.

Seltsam. Ein Spiel, bei dem man auf der Computertastatur herumtippt, soll gefährlich sein, eine echte Waffe nicht. Ein bisschen hat man den Eindruck, die Waffenbesitzer sind froh, dass sie nicht die Einzigen sind, die jetzt die Schurkenrolle spielen.

Schützenfest in Uelzen-Oldenstadt, Niedersachsen, mit echten Waffen. Wer eine 9 oder eine 10 schießt, wird mit Musik vom Vereinshaus quer über den Festplatz mit Autoscooter und Zuckerwatte-Stand ins Zelt geleitet, mit Querflöten, Marschtrommeln, Becken. Dafür muss er aber auch einen ausgeben. Irgendwie wirkt das auch wie ein Spiel, und noch vor einem Monat hätte man nie den Verdacht gehabt, das selbst gebaute Vereinsheim der Schützengilde Oldenstadt mit seinen rustikalen Eckbänken und Energiesparlampen könnte ein Hort des Fanatismus sein.

Im Aufsichtsraum, durch eine Scheibe von der Schießbahn getrennt, stehen die Wanderpokale in Plastikkisten. Der Waffenmeister, ein Schild „Ich bin doof“ an den Filzhut geklemmt, repariert gerade die Prinzessinnenkette. Die Prinzessin vom letzten Jahr hat sie kaputt gemacht. Die Männer tragen grüne Uniformen mit weißen und rosa Nelken am Revers, die Frauen schwarze Faltenröcke und rote Jacken, schwarze Handtaschen schräg über die Schulter gehängt, zum Schießen ziehen manche ihre Lackschuhe aus und stehen dann in Nylons da, das Gewehr in der Hand. Die meisten Jacken sind schon ein wenig aus der Form gegangen; es ist ein Verein mit Tradition, dieses Jahr feiern sie hier 150. Jubliäum.

Ständig klirrt es, das sind die Plaketten und Leistungsnadeln, die sich die Schützen an die Brust geheftet haben. Das Klirren bestimmt die Hierarchie im Verein: Je mehr es klirrt, desto besser schießt einer. Wenn der Ehrenpräsident kommt, weißhaarig, braun gebrannt, klirrt es besonders laut. Er lebt auf Mallorca, wie jedes Jahr ist er extra zum Schützenfest angereist, den Langhaardackel hat er auch dabei. Der Ehrenpräsident spendiert dem Spielmannszug und der Jugendschießgruppe je 50 Euro, sagt, die Politiker sollen sich nicht so aufgeilen, die sollen lieber mehr Geld für Kindergärten ausgeben und ansonsten dankbar sein, dass die Jugendlichen hier eine sinnvolle Beschäftigung haben.

Eine sehr zarte Bewegung

Wieder drängt sich die Frage auf, was wohl sinnvoll daran ist, einem Jugendlichen eine Waffe in die Hand zu geben. Natascha, 16 Jahre, zierlich, lange blonde Locken, goldene Kreolen in den Ohren, zaghaft aufgetragener blauer Lidschatten, leuchtende Wangen, rosa Nelke am grünen Vereins-Sweatshirt, ist die beste Schützin des Vereins. Durchs Schießen lernt man sich zu konzentrieren, sagt sie. Seit sie schießt, ist sie besser in der Schule. André, 19 Jahre, groß, blond, kräftiger Händedruck, wohnt im Nachbarort mit 45 Einwohnern und schießt, weil sie da alle schießen. Er ist „mehr so der Gewehrtyp“, sagt er. Beim Wort „Pistole“ verzieht er den Mund. Am Verein schätzt er „die Geselligkeit“. Das, sagt er, ist das Sinnvolle am Schießen.

Vor uns eine 50-Meter-Bahn. Die Schützen klemmen ihre Schießscheiben auf eine Tafel, drücken einen Knopf, und die Tafel saust 50 Meter weg ans Ende der Bahn. Erster Schießversuch. Blick durch Kimme und Korn, angeleitet von Ingolf Westedt, dem Jugendschießsportleiter, der sich eins von den messingfarbenen Zäpfchen aus der Pappschachtel greift und es in den Gewehrlauf steckt. Er justiert die Auflage, denn als Anfänger, der nicht ruhig halten kann, darf man das Gewehr aufstützen. Im Grunde geht es darum, ruhig zu atmen, sich nicht zu bewegen. Nicht so wackeln! Ruhig stehen, die Füße flach auf dem Boden, beide Augen auf. Das Schießen selbst ist nur ein ganz kleiner Klick, eine sehr zarte Bewegung mit der Spitze des rechten Zeigefingers, der Druckpunkt ist ganz weich.

Schon vorbei. Der Schuss klingt ein bisschen enttäuschend. Damenschießen, Kaliber 4.5, macht nicht besonders viel Krach. Die Schießkarte kommt angesaust, wird auf den letzten Metern abgebremst. Herr Westedt nimmt sie aus der Halterung. Ein fein säuberliches Loch, bei der 9. In einem Stück Karton sieht so ein Loch sehr harmlos aus.

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