Zeitung Heute : Was Jugendliche wirklich wollen

Deutschland I: „Marke D“ - eine groß angelegte Online-Umfrage soll Kanzler Schröder zeigen, wie die nächste Generation politisch tickt

NAME

Von M. Ehrenberg

Da hätte Franz Müntefering noch hundert mal beim Jugendsender Viva auftreten können, wie kurz vor der Wahl – das Interesse der deutschen Jugendlichen zwischen 12 und 25 Jahren an Politik war noch nie so gering wie heute, so das Ergebnis der „Shell-Jugendstudie 2002“. Die Wahlbeteiligung bei den 18- bis 24-Jährigen liegt deutlich unter dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung. Nur drei Prozent der Jugendlichen engagieren sich in Parteien. Das Vertrauen in die Parteien und ihre Vertreter schwindet.

Daniel Dettling rutscht unruhig auf seinem Stuhl hin und her, wenn er diese Zahlen hört. Würden doch nur mehr Leute ins Internet auf seine Seite schauen, dann sähe vielleicht alles ganz anders aus. Das Internet! Das Fenster zur Welt! Klar, hier muss man die jungen Leute abholen, sie zum Mitmachen aktivieren, zeigen, dass es auch andere politische Organisationsformen gibt als Ortsvereine, Kreisverbände und Gewerkschaften. Daniel Dettling hat so eine ins Leben gerufen: „Marke D – Politik für morgen“, eine Online-Umfrage unter den 20- bis 35-Jährigen, ein Projekt des Netzwerks „BerlinPolis“.

Von Anfang August bis Ende September standen 100 Fragen im Netz: Fragen zu Staat und Politik, Bildung, Medien, Internet, soziale Beziehungen, Familie, Soziales, Werte und Identität. „Wir wollen herausbekommen, was die nächste Generation wirklich denkt, welche Reformvorstellungen sie hat, welche Themen sie bewegen", sagt Daniel Dettling. Das Internet sei dafür das beste Medium. Der 30-jährige Student der Rechts- und Politikwissenschaften hat sich als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Potsdam und Autor zum Thema Netzdemokratie intensiv mit den Möglichkeiten von Neuen Medien und politischer Kommunikation beschäftigt.

Vor gut einem Jahr rief er das Projekt „BerlinPolis“ ins Leben, ein Zusammenschluss von jungen Wissenschaftlern, Unternehmern und Führungskräften. Das riecht ein bisschen nach FDP, der selbst ausgerufenen Fortschritts- und Internetpartei, und Juristen wie Daniel Dettling gelten ja auch ein wenig als staatstragend-konservativ. Aber gegen dieses Klischee wehrt sich der Netz-Aktivist. „Gut, bei den Grünen gelten wir manchmal als neoliberal. Doch wir sind parteienunabhängig." Für die Ergebnisse der großen Online-Umfrage „Marke D“ sind diese Fragen letzten Ende auch egal. „BerlinPolis“, das Netzwerk, hat nicht weniger als die antiken Vorläufer das große Ganze im Sinn.

„Weg vom besitzstandswahrenden Bild in Deutschland“, „über den Tellerrand und die Tagespolitik hinausgucken“, „Rückzug der Parteien aus zentralen Bereichen“ – wenn man Daniel Dettling so reden hört, kommen einem manchmal die Sprechblasen der Politiker in den Sinn. Der Kopf von „BerlinPolis“ legt Wert darauf, dass sich sein Netzwerk nicht für Parteien engagiert. Sprachrohr der 20- bis 35-Jährigen wolle man sein, „Katalysator der Ideen der nachwachsenden Generation“. Mit E-Government, mit E-Demokratie, mit der Forderung nach digitaler Daseinsvorsorge durch den Staat, mit dem Projekt „Deutschland Online 2010“, mit allem, was multimedial so dazugehört.

Politik zum Anfassen also, weg von der Parteienverdrossenheit, ganz so weit ist man bei „BerlinPolis“ allerdings noch nicht. Erst mal schauen, was die Generation Golf, die 20- bis 35-Jährigen, überhaupt wollen. Ob sie auf Demonstrationen gehen. Oder Karriere machen. Oder heiraten und Kinder kriegen oder erst später. Auf einer Präferenzen-Skala von eins bis sieben konnte man das bei „Marke D“ alles online beantworten. Einige Wochen wird die Auswertung dauern. Die größte Internet-Umfrage aller Zeiten scheint es trotz medialer Unterstützung („Zeit“, AOL, n-tv, „Max“) nicht geworden zu sein. Bis kurz vor Schluss füllten rund 3000 Jugendliche die Fragebögen aus, McKinsey hat für „Perspektive Deutschland“ 100 000 Stimmen ausgewertet.

Immerhin: „Marke D“ soll nicht nur ein Thema im Internet bleiben, sondern in Politik überführt werden. „Ende des Jahres wollen wir aus der Umfrage einen Katalog von politischen Handlungsvorschlägen erarbeiten und ihn der Bundesregierung überreichen.“ Ob sich Gerhard Schröder dann Zeit für Daniel Dettling nehmen wird, steht auf einem anderen Blatt. Demokratisches Engagement aus dem Internet, eine Generation erwacht – das wäre ja kein schlechtes Image, für jede Partei.

Andererseits macht auch eine Internet-Umfrage nicht besser, was Dieter Rulff in der „Frankfurter Rundschau“ im Hinblick auf die Generation Golf beschrieb („Rot-Grün und der ausbleibende Aufstand der Jungen“): „So verliert sich in Bedeutungslosigkeit, was an erfahrener Gemeinsamkeit den Begriff einer Generation erst sinnvoll machen würde. Der unternehmerische Einzelne findet sich als Einzelner wieder, der nicht mehr viel unternehmen kann.“ Vielleicht auch nicht mit einer Marke und einem Fragenkatalog im Internet.

Im Internet:

www.berlinpolis.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar