Zeitung Heute : Was kann ich, was will ich, wer braucht mich?

Karriere- und Arbeitsberater im Selbsttest: Mit welcher Strategie sich Profis auf die Suche nach einem neuen Job machen würden

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Man muss selbst keine Eier legen können, um die guten von den schlechten zu unterscheiden. Bei Beratern ist es anders. Da wäre es durchaus hilfreich, wenn sie von dem jeweiligen Business so viel verstünden wie ihre Kunden – möglichst sogar etwas mehr. Für Berufs und Karriereberater bedeutet das: Sie sollten nicht nur die Theorie eines Bewerbungs-Procederes kennen, sondern sich auch selbst im hart umkämpften Markt um freie Arbeitsplätze behaupten können. Immerhin werben sie damit, ihren Klienten mit Tipps und Tricks beiseite zu stehen, wenn sich diese auf die Suche nach dem – für ihre individuellen Fähigkeiten – genau passenden Job begeben. Wir wollten wissen: Wie würden sich vier Vertreter dieser Zunft eigentlich selbst verkaufen, wenn sie morgen ohne Arbeitsplatz dastünden.

Ganz sicher würde ich mich so verhalten, wie ich es auch meinen Klienten in der täglichen Beratungspraxis immer wieder empfehle. In einer Situation der beruflichen Neuorientierung kommt es weniger darauf an, einen Riesensprung zu machen – also vom Juwelier zum Fleischer oder vom Lkw-Fahrer zum Piloten wechseln zu wollen. Vielmehr geht es darum, nur einen oder zwei sinnvolle Schritte zu machen, um sich eine neue Aufgabe in beruflicher Nähe und Beziehung zum ehemaligen Arbeitsgebiet zu suchen. Es gilt also etwas beruflich Neues zu entdecken, was ähnliche Fähigkeiten und Begabungen ausschöpft, wie die zuvor ausgeübte Tätigkeit. Für mich wäre dies – und da bin ich mir sehr sicher – statt der Beratung von Menschen auf der Suche nach Arbeit, die Unterstützung von Menschen auf der Suche nach ihrem zwischenmenschlichen Glück. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, Menschen dabei zu helfen, den richtigen Lebenspartner zu finden. Die Suche nach dem Traumpartner hat viel mit der Suche nach dem Traumjob gemeinsam – das Erkennen der eigenen Potenziale und Möglichkeiten.

Jürgen Hesse (52), Diplom-Psychologe, hat sich vor 15 Jahren auf Berufsstrategie spezialisiert, gemeinsam mit Hans Christian Schrader schrieb er mehr als 100 Bücher.

Ich würde eine zweigeteilte Strategie einsetzen: Wenn ich ganz schnell zu Geld kommen müsste, ginge ich zunächst einmal kellnern. Dazu würde ich fünfzig Berliner Kneipen besuchen und herausfinden, wo die Atmosphäre gut ist, die Kollegen nett und die Kunden beim Trinkgeld spendabel. Dann würde ich mich zuerst bei einer Kneipe bewerben, die eigentlich nicht in Frage kommt – rein aus Trainingsgründen. Da kann ich meine Antworten üben: Berufserfahrung? Klar! Teamfähig? Ohne Ende! Probleme mit unregelmäßigen Arbeitszeiten? I wo!

Die Miete ist also gesichert, Strategiestufe Zwei tritt in Kraft: Ich würde mich fragen, was ich gut kann und was mich interessiert und motiviert. Daraus ergeben sich bei mir folgende Berufsmöglichkeiten: Buch-Ghostwriterin für Prominente, Sommeliere, Inhaberin eines Outdoorladens, Lehrerin für klaren Ausdruck und deutsche Rechtschreibung, Sushibar-Betreiberin und Pressesprecherin des 1. FC Köln. Am besten wäre natürlich, in einer Rockband zu singen.

Wenn ich andere Leute nicht mehr bei der Berufsfindung beraten könnte, hätte ich Zeit für die Proben. Ich würde nebenbei in einer Plattenfirma oder einem Tonstudio jobben, um die Branche kennen zu lernen. Als Einstieg ginge auch ein Servicejob in einer Konzerthalle. Zusätzlich würde ich Plattenkritiken schreiben und eine Internetseite aufbauen – erst für meine Band, später für andere. Dort sollte es einen Online-Shop geben, damit neben den Alben auch Fanartikel verkauft werden können. Auf keinen Fall würde ich im Amt arbeiten oder mich für Medikamentenversuche zur Verfügung stellen.

Uta Glaubitz (37) hat ihr Philosophie-Studium mit einer Arbeit über Moral abgeschlossen. Sie berät seit 1997 Berufssuchende und Wechselwillige. Ihr Buch „Der Job, der zu mir passt“ steht derzeit auf Platz 13 der Wirtschafts-Bestsellerlisten.

Auch für mich wäre es ein Schock, den ich so schnell wie möglich überwinden wollte. Dazu würde ich mich auf meine Stärken besinnen. Freunde und Bekannte bescheinigen mir, dass meine Stärken im Bereich Organisation liegen, dass ich auf Menschen zu gehen kann und kommunikativ bin. Mit dieser Einschätzung liegen sie wohl richtig, denn die Arbeit macht mir dann am meisten Spaß, wenn ich mit sehr vielen Menschen reden und sie beraten kann. Und Termindruck macht mir nun wirklich nichts aus.

Nun würde ich mir die Frage stellen, wo man diese Stärken brauchen kann und wo ich aufgrund meiner Qualifikation und meiner Berufserfahrungen Chancen hätte, einen neuen beruflichen Einstieg zu finden. Und zwar in einer qualifizierten Tätigkeit, die mir Spaß macht. Beides ist mir wichtig.

Ich kann mir eine interessante Aufgabe im Veranstaltungsmanagement vorstellen. Nach umfangreichen Recherchen mit dem Ziel, Unternehmen zu finden, wo ich Veranstaltungen organisieren, planen, kalkulieren und durchführen könnte, würde ich zielgerichtete Initiativbewerbungen schreiben, persönliche Gespräche mit Mitarbeitern im Veranstaltungsbereich führen und Entscheidungsträger ansprechen. Außerdem würde ich bestehende Netzwerke intensivieren, indem ich alle meine beruflichen und persönlichen Kontakte durchsuche. Das Ziel wäre, Personen zu finden, die bereits im Bereich Veranstaltungsmanagement arbeiten, die mich kennen und mich anderen Entscheidungsträgern empfehlen können. Eine Art Visitenkarte mit zusätzlichen Informationen zu meiner Qualifikation, meinen Stärken und meinen Berufserfahrungen würde ich bei all meinen Kontaktgesprächen hinterlassen. Zu meiner Bewerbungsstrategie gehört natürlich auch eine intensive Nacharbeit. Nach etwa zwei Wochen frage ich in den Betrieben, wie meine Chancen sind und wann ich mit einem Vorstellungsgespräch rechnen kann.

Heike Kuss (46) ist Arbeitsberaterin im Hochschulteam beim Arbeitsamt Mitte. Seit 1990 berät die studierte Russisch- und Tschechisch-Lehrerin Studierende und Absolventen über Möglichkeiten und Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Eine Katastrophe: Mich selbst bewerben? Unmöglich eigentlich, denn bin ich nach Jahren als Chef von einigen Dutzend Mitarbeitern überhaupt noch teamfähig? Könnte ich mich für etwas völlig Neues wirklich begeistern? Gilt man in meinem Alter nicht als recyceltes Fossil?

Nein, alles Vorurteile! Höre ich gerade meine innere Beraterstimme. Jeder kann jederzeit neu anfangen. Also dann mal systematisch – eigentlich müsste ich jetzt die „Fingerübungen“ des Beratungsalltags machen: „Was kann ich, was will ich, wer braucht mich?“ Aber es soll ja ein Neueinstieg sein, keine neue aber gewohnte Beratungsaufgabe. Da hilft dann auch das viel empfohlene Beziehungsnetz wohl kaum. Und auf das klassische Stellenangebot werde ich lange warten müssen. Dann also auch für mich das „letzte Mittel“ erproben, das nur die Mutigsten wählen – natürlich neben den klassischen Bewerbungsformen: Nach intensiver Recherche weiß ich, was ich will und ich ahne, welche Unternehmen mich eventuell brauchen könnten. Jetzt investiere ich Zeit und Geld in einen wirklich aussagefähigen Flyer, ein Faltblatt, das kurz aber perfekt so viel über mich aussagt, dass ein Arbeitgeber neugierig werden muss. Gleichzeitig stelle ich einen eigenen, ausführlichen Bewerberauftritt ins Internet, auf den ich mich mit meinem Flyer beziehe. Und dann schicke ich den Flyer los – nicht an 50 oder 100, sondern besser an 500 und mehr Empfänger.

Massen-Mailings als Bewerbungsform? Ja, das funktioniert, die Mutigen, die es ausprobieren, erhalten weit mehr Rücklauf, als von gewöhnlichen Werbebriefen erwartet wird. Es antworten Leute, von denen man nie gedacht hätte, dass sie es tun, oft nur, um freundlich abzusagen – aber damit ist ja dann auch ein Kommunikationsfaden geknüpft, man kann ja nachhaken. Ich gebe zu, dass die Methode eher dem Arbeiten „mit der Brechstange“ gleicht, aber Bewerber in meinem Alter …

Helmut Dobrosch (52), Germanist, Philosoph und Pädagoge, arbeitet seit 1983 als Berater. Er ist Geschäftsführer der gaetan data GmbH, die als „Placementagent“ im Auftrag der Arbeitsämter Hilfe bei der Karriereplanung und bei der Bewerbung anbietet.

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