Zeitung Heute : Was können Gäste verlangen?

Elisabeth Binder

Immer wieder sonntags fragen Sie

Ein guter Freund fragte, ob er während seines Berlin-Besuchs bei mir übernachten könne. Vor Jahren hatten wir eine kontroverse Diskussion über ein Piktogramm auf meiner Toilette, das darum bat, dass Mann sich setzen solle. Als ich erwähnte, dass dies immer noch gilt, stellte er meine Gastfreundschaft infrage. Verlange ich Unmögliches?

Natürlich verlangt die Gastfreundschaft, dass man einem anderen Menschen entgegenkommt. Man nimmt ihn in seinem Haus auf, toleriert, dass er den Tagesablauf durcheinanderbringt, sorgt für frische Bettwäsche und Handtücher und schaut, dass er sich wohlfühlt. Dies sollte ein Gast honorieren, indem er die Anstrengungen des Gastgebers nicht als selbstverständlich abtut. Dazu gehört auch, dass man Rücksicht nimmt auf Dinge, die ihm besonders wichtig sind. Die sind individuell verschieden. Da gibt es den Professor mit der Spinnenphobie, der darauf besteht, dass die Terrassentür Tag und Nacht geschlossen bleibt. Oder die Bankerin mit der Liebe zu schneeweißen Teppichen, die schicke Filzpantoffeln für ihre Gäste bereithält.

Der Gast, der in solchen Fällen darauf besteht, dass die Gastgeber ihre persönlichen Macken und Neurosen ihm zuliebe ausblenden, verdient in meinen Augen die Gastfreundschaft nicht. Rücksichtnahme und Einfühlungsvermögen möchten schon sein. Wer beides nicht aufbringen will, gehört ins Hotel.

Natürlich gibt es auch Gastgeber, die künstliche Barrieren aufbauen, um zu signalisieren, dass ihnen Besuch schlicht lästig ist. Wenn aber bekannt ist, dass dieses Piktogramm seit Jahren auf Ihrer Toilette hängt, dann ist das kein solches Signal. Vielleicht möchte der Freund, dass Sie Ihre Einstellung zu diesem Thema ändern, und sein Besuch ist in Wirklichkeit ein Missionierungsversuch? Darauf brauchen Sie sich nicht einzulassen. Ein Machtkampf ist kein freundliches Mitbringsel.

Bitte schicken Sie Ihre Fragen mit der Post (Der Tagesspiegel, „Immer wieder sonntags“, 10876 Berlin) oder mailen Sie an meinefrage@tagesspiegel.de.

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