Zeitung Heute : Was kostet der Kopf eines Politikers?

NAME

Von Michael Jürgs

Was haben Schecks und Journalisten gemeinsam? Viele sind faul. Darf man mit einem so simplen Wortspiel eine so komplizierte Geschichte beginnen, in der es darum geht, wie Informationen verkauft und gekauft werden und wie das, zum Beispiel im Fall Scharping, einen Minister den Kopf kosten kann?

Es ginge auch anders. Der atmosphärische Einstieg, im Jargon der schreibenden Zunft als Form 17b bekannt, meisterlich erfunden einst von Hans Ulrich Kempski in der „Süddeutschen Zeitung“, könnte dem Thema Scheckbuchjournalismus ebenso angemessen sein.

Das würde sich etwa so lesen:

Der Mann, der an diesem grauen Winternachmittag aus dem schwarzen Lada-Taxi steigt, blickt sich prüfend um. Als er sicher ist, dass ihn von der gegenüberliegenden Seite der Schönhauser Allee keiner beobachtet, nimmt er eine Plastiktüte vom Rücksitz und geht schnell zur Haustür eines grau verputzen Eckhauses. Das Gesicht hinter dem Vorhang im Erdgeschoss, bekannt aus der „Tagesschau“, wenn es um die Ausreise von DDR-Dissidenten ging, verschwindet in dem Moment, als der Mann draußen klingelt.

In der gelben Plastiktüte befinden sich Kopien der Memoiren von Ex-DDR-Wirtschaftsminister Günter Mittag, der in Untersuchungshaft sitzt. Hunderttausend Mark will ein Zwischenhändler dafür haben. Zwei leitende Funktionäre vom geheimnisumwitterten Imperium des Alexander Schalck-Golodkowski haben dem aus Hamburg angereisten Journalisten das Material beim Treffen in einer Suite des Hotels Schweizer Hof am Abend zuvor übergeben und versichert, sie hätten noch mehr aus dem innersten Kreis der gestürzten Zonengreise zu bieten, falls man ins Geschäft käme. Der Anwalt, vor dessen Kanzlei das Taxi gehalten hat, soll aus seiner intimen Kenntnis der handelnden Personen nunmehr die Echtheit der Texte prüfen.

Das also wäre ein möglicher Anfang.

Ein anderer liefe unter der Bezeichnung VGT, was die Abkürzung ist für „Vorgetäuschter Tiefgang“, und immer dann benutzt wird, wenn die selbst erfahrene Faktenlage der vierten Gewalt nicht mal viertklassig ist.

Ein VGT-Anfang könnte so lauten:

Scheckbuchjournalismus – Segen oder Fluch? Darf sich ein Journalist Akten, Briefe, Aufzeichnungen, Fotos illegal besorgen lassen, für diese Hehlerware bezahlen, das Material veröffentlichen, Missstände aufdecken, Mächtige entlarven, Moralapostel bloßstellen? Oder sind so schmutzige Geschäfte, egal wie reinigend ihre Wirkung sein mag, eines Journalisten unwürdig? Heiligt kein noch so hehrer Zweck die unheiligen Mittel?

Wie allgemein die Würde eines Journalisten definiert wird, ist eine Frage des Blickwinkels. So wie Recherche keine Tugend ist, sondern Pflicht, so sind Journalisten nicht besser als die Gesellschaft, über die sie berichten und zu der sie gehören. Medienmacher empfinden sich inzwischen als so mächtig, dass es ihnen egal ist, wer unter ihnen Bundeskanzler wird. Statt mit den Mächtigen gemein umzugehen, machen sie sich mit ihnen gemein. Ex-„Bild am Sonntag“-Chefredakteur Michael Spreng zum Beispiel hat sich, solange er noch Journalist war, nie mit der jeweils herrschenden Partei ins Bett gelegt. Jetzt aber übt er einen anderen Beruf aus, Medienberater des Kandidaten Edmund Stoiber, ist er nicht mehr ungebunden und deshalb so frei, jeden Monat von der Macht seinen Scheck zu bekommen.

Staatstragend, dieser Einstieg, und in Variationen nachzulesen bei Leitartiklern von Zeitungen, die nie in die Versuchung gerieten, Informationen über Fälle der Größenordnung Günter Mittag, Rudolf Scharping, Uwe Barschel, Jürgen Schneider und Neue Heimat zu kaufen. Weil sie zum Zölibat keine Alternative hatten, blieben sie unschuldig. Jahrzehntelang wurden Käufer der verborgenen Schätze von den Herren der öffentlich-rechtlichen Meinung, die als seriös galten, lautstark als journalistische Sittenverderber verdammt und leise am Telefon dringend gebeten, Exklusivgeschichten mit ihnen zu teilen. Nicht die Kosten, versteht sich. Als Gegenleistung wurden Auftritte in Talkshows geboten. Kollegen von der „Zeit“ bewerteten empörende Vorgänge und forderten empört Abgänge, nachdem die nachbarlichen Schmuddelkinder „Stern“ und „Spiegel“ – erfahren durch viele checks oder Schecks – das nötige Beweismaterial veröffentlicht hatten. Das änderte sich erst, als zwei jüngere Journalisten, geprägt durch die amerikanische Erfahrung der Recherche, be first, but first be sure, das „Zeit-Dossier“ erfanden, in dem facts statt figures standen. Die beiden sind heute die Chefredakteure der Wochenzeitschrift.

Henri Nannen, Vater des Scheckbuchjournalismus, pflegte auf Vorwürfe, sich mit Geld Geschichten erkauft zu haben, zu antworten, er sehe nicht ein, dass jeder x-beliebte Prominente, von Swetlana Stalin bis Klaus Bölling für Memoiren abkassiere und Lieschen Müller, die einmal im Leben was Spannendes zu erzählen habe, nicht dafür bezahlt werde. Diese Grundhaltung und die Gier auf Exklusivität erstickten im Mai 1983 die wichtigsten journalistischen Grundregeln, nichts zu glauben, alles zu prüfen. Auch so – aber nicht nur so – ist erklärbar das Scheck-Tagebuch-Desaster, die Hitler-Affäre, gegen deren Folgen „Stern“-Chefs, in wachsender Zahl, zu kämpfen hatten und noch immer zu kämpfen haben.

Nun aber endlich zu Variante drei, zum konkreten Fall Scharpings. Also die mögliche Geschichte hinter der unmöglichen Geschichte:

Die belastenden Dokumente, die zum Rauswurf des Verteidigungsministers führten, waren seit Ende April auf dem Markt. Ein Journalist aus Berlin, der unter anderem Beiträge für die Deutsche Welle verfasst hat, bot sie im Auftrag eines ehemaligen Hunzinger-Mitarbeiters, der aus Österreich stammt und Gefall genannt werden soll, verschiedenen Blättern an – darunter auch „Bild“ und „Spiegel“. Anfangs sollten die Kopien des ganz offensichtlich nicht legal erworbenen Materials etwa 200000 Euro kosten, am Ende müsste sie der „Stern“ als Schnäppchen für 160000 Euro bekommen haben, weil ihr Wert sank, je näher der 22. September rückte. Wer außer Finanzbeamten hätte sich nach einem möglichen Regierungswechsel für Scharpings Geschäfte oder Socken oder Aktienspekulationen interessiert? Also rutschte der Preis, je näher der Wahltermin rückte.

Immer noch ein stolzer Preis, aber angesichts der Wirkung – gezielt, getroffen, versenkt – betriebswirtschaftlich sinnvoll, falls sich die Auflage nach oben bewegt. Verglichen mit den Summen, die in der Vergangenheit im so genannten Scheckbuchjournalismus bezahlt worden sind, von allen, die es sich leisten konnten, sogar billig – für Erinnerungen befreiter Geiseln, für Luder aller Geschmacklosrichtungen, für Nacktfotos von Prominenten, für den Cashflow eines Tennisvaters, für die Ware Geschichte eines demenzkranken Schauspielers et cetera.

Im Warenhandel um Wahres und fast Wahres gibt es außerdem im Angebot: Politiker, Manager, Kirchenfürsten, Spendensammler. Preis je nach Fallhöhe. Es gibt auch Fälle, in denen beim Sturz des Anvisierten eine Extraprämie bezahlt wurde. Was kostet also durchschnittlich ein Minister bzw. sein Sturz? Je nachdem. Ein Abschuss in einem kleinen Bundesland wie Sachsen-Anhalt oder im Saarland ist mitunter für ein großes Abendessen zu bekommen, weil politische Gegner, die den Journalisten mit Einzelheiten zum Nachtisch füttern, nur dem Gemeinwohl dienen und nichts daran verdienen wollen.

So billig war Rudolf Scharping nicht zu haben. Bei einem solchen big shot wird hoch gepokert, und der Zwischenhändler, der bei den Abnehmern anrief, dabei als Beruf Journalist angab, kannte die Spielregeln. Er legte erst am Ende alle Kopien seines Materials auf den Tisch und ließ dann einen Anwalt für sich ausspielen, as usual in dem business. Im entscheidenden Stadium von Verhandlungen werden auf der anderen Seite nicht etwa Schecks gezückt, sondern hauseigene Juristen in die Runde gebeten, und die der großen Verlage und Sender kennen das Geschäft Information gegen Scheck. Normalerweise wird bei einer Einigung dann ein Drittel der Summe als Informationshonorar angewiesen, ein Drittel als Erstattung von angefallenen Spesen ausgewiesen, ein Drittel fürs Aufschreiben des Erfahrenen/Erlittenen/Erschlichenen – und so kann immer öffentlich behauptet werden, ohne lügen zu müssen, nicht für Material bezahlt zu haben, sondern für eine erbrachte Leistung.

Im ersten Vertragsentwurf des Scharping-Deals stand sinngemäß, dass Honorare auch dann fällig seien, wenn sich herausstellen sollte, dass Teile des Materials gefälscht sind, aber der Informant davon nichts wusste. Diese Klausel wurde gestrichen, aber dennoch stiegen, von Zweifeln geplagt, „Spiegel“ und „Bild“ aus.

Ist die Rechnung eine Fälschung?

Mit dem „Stern“ wird man handelseinig. Der schickt seine Profis los und lässt das unter dem Vorbehalt der Echtheit gekaufte Material Stück für Stück überprüfen, konfrontiert Moritz Hunzinger und Rudolf Scharping mit den erworbenen und nunmehr erhobenen Vorwürfen. Der Rest ist bekannt. Es handelt sich deshalb hier nicht um einen nur simplen Fall von Scheckjournalismus, sondern um Scheck- und Checkjournalismus. Der beinhaltet Fragen. Zum Beispiel: Sind die Briefe, die Scharpings Geschäfte und Hunzingers Absichten belegen, zwar echt, aber ist sicher, dass sie alle abgeschickt und nicht nur auf der Festplatte des Computers gespeichert wurden, von dem sich der Händler seine Ware herunterholte? Ist die Rechnung des Frankfurter Modehauses über 54885 DM eine Gesamtrechnung der Ausstattung verschiedener Hunzinger-Amigos, unter ihnen Scharping, aber der nicht alleiniger Zwirnträger, obwohl allein seine Adresse im Briefkopf steht? Ist es nur ein Zufall oder hat es etwas zu bedeuten, dass nur sein damaliger Heimatort Lahnstein als Adresse für die Rechnung genannt wird und nicht die Straße, in der er damals wohnte und die ein Fälscher nicht kannte und…

Halt.

Will der Tagesspiegel-Leser noch mehr Spekulationen über Moritz und Rudi hören? Will der nicht lieber erfahren, dass einst der Kremlflieger Mathias Rust für seine Geschichte im „Stern“ bezahlt wurde und dass der „Spiegel“ gezahlt hat für ein Telegramm, das die Nazi-Vergangenheit Kurt Waldheims belegte und sich als Fälschung entpuppte, oder „Bild“ für die Erinnerungen von Egon Krenz oder was die 20000 Mark wert waren, die in der Schublade eines holsteinischen Sozialministers lagen, bevor die Verkäufer einen entsprechenden Scheck akzeptierten und die darauf basierende Geschichte im „Stern“ den Stern von Björn Engholm erlöschen ließ? Glauben Sie etwa, Reiner Pfeiffer habe Uwe Barschels Machenschaften deshalb verraten, weil er sein Gewissen und nicht sein Konto entlasten wollte? So war es immer, und cosí fan tutte, fast alle.

In der Schein-Welt der 90er Jahre wurden die Beträge auf den Schecks höher. Die konkurrierenden Medien, gedruckt oder versendet, konnten den Hunger ihrer Konsumenten nach dem ultimativen Skandal samt passender Fotos oder Videos nur gegen Bezahlung stillen. Nachfrage bestimmte den Preis, Marktwirtschaft eben. Doch die Nachrichtenhändler erlebten nur eine kurze Schein-Blüte. Sie sitzen nun in Südfrankreich im Ruhestand, statt wie zuvor beim BKA in Wiesbaden auf ihre Pensionierung zu warten. Ihren Nachfolgern als Strippenzieher, Medienberatern und Lobbyisten, ergrauten über Nacht ihre berufstypischen Drei-Tage-Bärte, als durch Kollege Hunzinger ihr Gewerbe ans Tageslicht kam.

Die Kunst des Checks ohne Schecks ist jedoch nicht ausgestorben. Es braucht Journalisten, die footwork betreiben, sich auf die Socken machen, um das Ziel zu erreichen: Eigenrecherchen. Die kosten auch Geld, weil Reisen notwendig sind, weil es oft lange dauert, bis die Beweise für eine Veröffentlichung genügen. Aber es gibt Erfolge: Die ersten Artikel über Bayerns Amigo-Affäre (Michael Stiller in der „Süddeutschen Zeitung“), die ersten Einzelheiten über Kohls Konten (Hans Leyendecker, ebenfalls SZ), die erste Geschichte über Fischers Frankfurter Vergangenheit (Jürgen Schreiber auf dieser Seite des Tagesspiegels) sind so entstanden.

Manchmal gibt es sogar kostenlose Lieferung frei Haus. Einzelheiten über den noch verheirateten Theo Waigel und seine damalige Geliebte Irene Epple wurden von seinen christlichen Parteifeinden angeboten, als es um die Nachfolge von Strauß ging. Sie gaben sich moralisch empört und wollten durch Öffentlichkeit Waigels Aufstieg an die Spitze im katholischen Bayern verhindern. Der „Stern“ druckte nichts und informierte stattdessen Waigel von den Gerüchten.

Im Fall Borer ist nicht nur alles nicht so, wie es sich las und vielleicht nicht alles so, wie es sich jetzt liest. Der zurückgetretene Chefredakteur des „Sonntagsblick“ hatte über eine angebliche Begegnung der dritten Art zwischen einer Kosmetikverkäuferin und dem Schweizer Botschafter berichtet und nach einigen Monaten zugeben müssen, für eine Fälschung bezahlt zu haben. Dass der Verantwortliche nichts über die wahren Hintergründe sagt, ist branchenüblich. Schweigen ist Teil seines Lohnes. Schmutzzulage gilt für alle Chefredakteure, und manchmal müssen sie dafür anders bezahlen, nämlich in Zeiten, da sie angesichts einer Krise ihre Leute entlassen ins Ungewisse auf Anweisung ihrer Verleger, die in den guten Jahrzehnten zuvor viele Millionen mit den Ideen der Journalisten gemacht haben und ihren Champagner, laut eines immer noch gültigen Bonmots des Publizisten Erich Kuby, aus deren Gehirnschalen schlürften.

Bares bewirkt manchmal Wunderbares. Der Mann, der das Material über die Neue Heimat und ihre Geschäfte an den „Spiegel“ verkaufte und damit den bekannten Skandal auslöste, konnte sich für ein paar Jahre seines Lebens einen Traum erfüllen: ein eigenes kleines Theater.

Ein blutbeflecktes Schild

Fehlt noch ein gutes Schlusswort zum Sonntag.

Form 17 b könnte so enden: Nach zwei Stunden Lesens sagt der Anwalt: Kaufen Sie. Da ist noch mehr drin. Zum nächsten Treffen bringt der Vermittler als Beweis für seine Nähe zur Macht von gestern ein blutbeflecktes Schild von der einstigen Staatsgrenze mit.

VGT würde sich so lesen:

Man sollte lieber gute Journalisten mit ausreichend hoch dotierten Schecks bezahlen statt dubiose Geschichten zu kaufen. Gute Reporter, siehe oben, würden leidenschaftlich gern jene Skandale selbst recherchieren, die jetzt gekauft werden müssen. Man könnte die Guten beschäftigen und nicht jene Spruchbläser, die auf zu vielen Sendern hörbar andere Berufe schwänzen, in zu vielen Blättern lesbar nicht wissen, was sie tun, dies aber täglich mit wachsender Begeisterung.

Und der Schluss nach dem Abgang Scharpings, also Variante drei? Die Bühne ist zwar leer, der Vorhang aber noch nicht gefallen. Wer ließ sich noch von Hunzinger für seinen Auftritt einkleiden? Und wann werden diese Rechnungen beglichen?

Der Autor war 14 Jahre beim „Stern“, von 1986 bis 1990 als Chefredakteur.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!