Zeitung Heute : Was kostet uns der Krieg?

Die Invasion am Persischen Golf läuft anders, als es sich die Militärstrategen in Washington und London vorgestellt haben. Das geht auch an Deutschland nicht spurlos vorüber – mehr Arbeitslose, mehr Schulden, weniger Wachstum. Die Aussichten sind nicht gut. Und vieles läuft jetzt schon schlecht.

Carsten Brönstrup

Der Irak-Krieg ist weit weg. Die Folgen des amerikanischen Angriffs für die Menschen und das Land kennen die Deutschen nur aus dem Fernsehen. Doch zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht könnten die Auswirkungen auch hier zu Lande bald zu spüren sein. Der Krieg kommt nach Europa – denn er lähmt die Wirtschaft, hemmt das Wachstum und treibt die Arbeitslosigkeit noch weiter in die Höhe. Den kräftigen Aufschwung, den die Bundesregierung so dringend braucht, wird es in diesem Jahr nicht mehr geben, befinden viele Konjunkturexperten.

Dabei lastet die Auseinandersetzung nicht erst seit dem Einmarsch der USA in den Irak auf der Stimmung von Unternehmen und Verbrauchern. „Der schwelende Konflikt schmälert bereits seit einem Jahr das Wirtschaftswachstum“, sagt Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz AG. Damals hatte US-Präsident George W. Bush zum ersten Mal von der „Achse des Bösen“ gesprochen – zum Entsetzen der Unternehmen. Der Grund: Ein drohender Krieg versetzt die Verbraucher nicht eben in Kauflaune. Das zeigt auch eine neue Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung GfK. Aus Angst vor der Zukunft halten sie lieber ihr Geld zusammen und sparen, statt einen neuen Fernseher oder ein neues Auto anzuschaffen. Deshalb klagen die Einzelhändler über eine schwache Binnennachfrage, viele müssen Personal entlassen oder ihre Läden schließen. Andere Unternehmen verschieben Investitionen in die Zukunft, weil sie befürchten, dass sich teure Anschaffungen in Zeiten der Flaute nicht rentieren.

Auch die Exportwirtschaft kämpft mit diesem Problem. Das ist besonders schlimm, weil die deutsche Wirtschaft in den vergangenen Monaten nur noch dank der kräftigen Nachfrage nach deutschen Produkten zugelegt hat. Amerika, die weltgrößte Wirtschaftsmacht und ein wichtiger Absatzmarkt für hier zu Lande produzierte Autos und Maschinen, wächst derzeit nicht mehr so stark wie gewohnt, weil auch dort die Konsumenten zögern. Zudem macht der immer höhere Euro-Kurs den deutschen Herstellern das Leben schwer. Denn sie müssen ihre Preise anheben und verlieren Marktanteile – zuletzt bekam der Sportwagenhersteller Porsche in Amerika diesen Druck zu spüren, die Absatzzahlen gingen zurück.

Schließlich bremst der hohe Ölpreis die Konjunktur. Zwar ist der wertvolle Rohstoff in den vergangenen Tagen wieder etwas billiger geworden. Das kann sich aber jederzeit wieder ändern, wenn die Händler befürchten, dass durch den Krieg die Versorgung der westlichen Industriestaaten gefährdet ist. Kostet ein Fass Öl dauerhaft mehr als 30 Dollar, kann allein das zu einer Krise führen. Denn trotz aller Bemühungen um alternative Energien ist Rohöl noch immer der wichtigste Schmierstoff der Weltwirtschaft.

Die Wirtschaftsprognosen der Experten sind wegen der anhaltenden Flaute deshalb schon jetzt wertlos. Eigentlich hatten die Fachleute angenommen, dass es im Sommer endlich bergauf gehen würde. Doch dabei hatten sie noch gehofft, dass es nicht zu einem Krieg im Mittleren Osten kommen werde. Dass die Summe aller Waren und Dienstleistungen, also das Bruttoinlandsprodukt, in diesem Jahr um ein Prozent zunimmt, glaubt aber nicht einmal mehr die Bundesregierung. Sie wird ihre Annahme bald nach unten korrigieren, raunen Regierungskreise. Wolfgang Wiegard, Chef der fünf Wirtschaftsweisen, hält noch 0,6 oder 0,7 Prozent Wachstum für möglich. Das würde bedeuten, dass die Wirtschaftsleistung sogar über einige Monate hinweg schrumpfen könnte und wir eine Rezession erleben. „Wenn der Ölpreis vier Quartale bei 35 statt den von uns unterstellten 25 US-Dollar liegen würde, wird das in den kommenden beiden Jahren jeweils 0,3 Prozentpunkte Wachstum kosten“, malt Wiegard ein düsteres Szenario im Gespräch mit dem „Handelsblatt“ an die Wand.

Ein solcher Absturz hätte schlimme Folgen für den Arbeitsmarkt. Ohnehin ächzt das Land unter der Beschäftigungsmisere – wenn Arbeitsamts-Chef Florian Gerster Donnerstag die neue Jobstatistik präsentiert, dürfte die Zahl der Arbeitslosen bei über 4,6 Millionen liegen, das wäre der höchste März-Stand seit der Wiedervereinigung. Ohne Aufschwung ist keine Wende in Sicht – im Gegenteil. „Im allerschlimmsten Fall ist sogar ein Anstieg auf über fünf Millionen in den kommenden Monaten denkbar“, glaubt Heise.

Entscheidend ist, wie lange der Krieg dauert. Siegen die Amerikaner innerhalb der kommenden zwei oder drei Wochen, haben die Experten noch Hoffnung. Leisten die Iraker Widerstand und gibt es zahlreiche Opfer unter der Zivilbevölkerung und den Soldaten, belastet das auch die Stimmung der Unternehmen und der Verbraucher. Dann könnten auch die Reformen, die Bundeskanzler Gerhard Schröder plant, nichts mehr retten. Ihre Wirkung würde schlicht verpuffen, denn mit dem Wirtschaftswachstum bleiben auch die Steuereinnahmen aus. So könne es sein, dass Deutschland auch in diesem Jahr die Defizitgrenzen des Maastricht-Vertrages nicht einhalten kann, hat Finanzminister Hans Eichel bereits angekündigt.

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