Zeitung Heute : Was mache ich mit der Angst?

Elisabeth Binder

Immer wieder sonntags fragen Sie

Ich bin Mitte 40, also weder alt noch krank. Trotzdem überfällt mich immer wieder Todesangst. Was kann ich dagegen tun?.

Vielleicht sollten Sie das lieber einen Arzt fragen. Oder einen Priester. Wenn Sie noch damit leben können, ohne dass der Leidensdruck so groß wird, dass Sie gar keine andere Wahl sehen, als sich professioneller Hilfe anzuvertrauen, dann leiden Sie wahrscheinlich unter einer verbreiteten Zivilisationskrankheit. Über Ängste spricht man nicht gern in unserer Gesellschaft. Wenn ein prominenter Sportler oder Künstler mal zugibt, dass er nicht immer total gut drauf ist, dass er zum Beispiel unter Depressionen leidet, dann gilt das gleich als Sensation, als große Mutprobe. Flugangst darf man inzwischen zugeben, in manchen Kreisen gilt das geradezu als hip. Eine kleine Phobie so dann und wann wird unter Großstadtneurotikern mitunter fast kokett wie ein seelisches Piercing herumgetragen. Das ist wahrscheinlich aus den USA herübergeschwappt, wo es selbstverständlich ist, dass man seelische Probleme genauso professionell behandeln lässt wie körperliche.

Wenn es um tief greifende Lebensängste geht, wird es aber schwierig. Nicht alle Gedanken oder Ängste, die ins Existenzielle hineinreichen, müssen gleich behandlungsbedürftig sein. Obwohl der Tod das Einzige ist, was alle Menschen eint, wovon jeder betroffen ist, bleibt er ein Tabuthema. Das zu ändern, wäre normalerweise ein guter Job für die Kirchen. Die sind allerdings stark damit beschäftigt, wieder mehr Anhänger zu finden. Öffentlich äußern sie sich eher zu aktuellen politischen Fragen. In den 80er Jahren hatten Sekten viel Zulauf von Leuten, die von Lebensängsten geplagt waren, aber bei den klassischen Adressen keine Hilfe fanden. Auch dieser Trend ist vorbei, vielleicht weil in unserer Gesellschaft so viele Betäubungsmittel bereitstehen. Vielleicht sollten Sie damit anfangen, stolz auf Ihre Angst zu sein und zum Beispiel mit Hilfe entsprechender Lektüre bewusst mit ihr leben lernen. Immerhin zeigt sie, dass Sie sich dem allgemeinen Verdrängen nicht anschließen und sich mit dem Leben in all seinen Aspekten auseinander setzen.

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