Zeitung Heute : Was machen Hacker eigentlich zu Weihnachten?

Mit dem Chaos Computer Club den größten Kongress der Szene feiern

Martina Wagner

Wie üblich zwischen Weihnachten und Neujahr findet auch in diesem Jahr das größte Hacker-Treffen der Bundesrepublik statt (27.-29. Dezember): im Berliner Stadtteil Mitte, ausgerichtet vom Chaos Computer Club (CCC). Der Chaos Communication Congress ist ein dreitägiger Congress über Technologie, Gesellschaft und Utopien. Über 2300 Besucher aus allen europäischen Regionen werden erwartet – und die interessieren sich nicht nur für Technologie und Sicherheit, sondern zunehmend auch für Politik, denn der Druck auf das Netz wächst.

Chancen und Risiken der Informationsgesellschaft sollen diskutiert, Stolperstellen auf dem Weg dorthin aufgezeigt und Alternativen erarbeitet werden. Aber auch Lego-Roboter-Baukurse, Computer-Jeopardy und Löten für Anfänger sind im Angebot. Im Hackcenter sind verschiedene Projekte vertreten, deren Namen vielversprechend klingen: OpenBSD, NetBSD, Rock-Linux, Hack a Mac, ISDN-Bastler, XSS, Laserbastler und sonstige Nomaden. Dazu Veranstaltungen zu Netzwerk/Programmierung, Security, Urheber- und Patentrecht sowie zu psychologischer Manipulation, aber auch Vorträge zur „Information Society - die gläserne Regierung“ von der Wau-Holland-Stiftung.

Massage für Männer

Europas größte HackerInnenvereinigung, die „Haecksen“ bietet in ihrem „Hacksen-Space“ eine eigene Mischung aus Szenetreff und techno-politischem Debattierclub vor den virtuellen Lagerfeuern auf den Screens. Wem das Gemisch aus Schweiß, süßlichem Rauch und vor sich hin müffelnden Pizzaresten zu viel wird, kann dorthin ausweichen: zu Grundkursen in Quantenphysik, Hardware, Netzwerke, Firewalls, Presseworkshops und Frauentalks, aber auch zur Massage für Männer.

Einer der Höhepunkte vor dem Abschluss des Chaos Communication Congress 2003 wird das traditionelle Raten der versammelten Hackerzunft, welche Sicherheits-Alpträume der immer stärker vernetzten Gesellschaft bevorstehen. Bis dato waren sich die Computerspezialisten weitgehend einig, dass besonders im gesamten Mobilfunkbereich vom drahtlosen Internet bis zu immer üppiger ausgerüsteten Handys mehrere Zeitbomben ticken. Deshalb hat das diesjährige Motto durchaus Orwellsche Schlagkraft: „Not A Number“ betrifft das Feld der Kryptographie, Sicherheitsdebakel im Mobilfunkbereich und vieles mehr.

Reisende für die USA

Auch die Bemühungen führender Hersteller der Computerindustrie, über die „Trusted Computing Platform Alliance“ sicherere Hardware-Plattformen für PCs und vernetzte Kommunikationsmaschinen zu schaffen, ist ein Aufreger-Thema – ebenso wie die Kampagne gegen die illegale Übermittlung von Daten europäischer Reisender in die USA „European Digital Rights“ (EDRi).

„Not A Number“ ist sicher auch ein Stück weit selbstironisch, denn beim CCC in Berlin gibt es allerhand Telefonnummern, bei denen kein Mensch abnimmt. Das ist wohl definitiv am abhörsichersten. Das Motto bezieht sich aber natürlich primär auf die philosophische Aussage, dass Menschen nicht nur als Nummer behandelt werden sollen.

Wer also den Anschluss nicht verlieren möchte und zudem keine schnelle Nummer, sondern eine ruhige Kugel schieben möchte, sollte zur weltweit größten Hackerparty pilgern. Denn neben Workshops und Seminaren gibt es jede Menge Party, Plätzchen und Pizza.

20. Chaos Communication Congress.

bcc Berliner Congress Center, Alexanderplatz 2, 10178 Berlin, 27.12.-29.12.03. Informationen zum Programm im Internet unter http://www.ccc.de/congress/2003/

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