Zeitung Heute : Was machst du heute abend?

Der Tagesspiegel

Von Gerlinde Unverzagt

Jugendliche haben das Handy längst für sich entdeckt, aber sie nutzen ihr ganz persönliches Kommunikationsmedium beileibe nicht nur zum Telefonieren – die 14- bis 18-Jährigen versenden damit hauptsächlich schriftliche Kurzmitteilungen. Mit sechs SMS, die durchschnittlich verschickt und empfangen werden, spielt der Service statistisch eine größere Rolle als Handy-Telefonate oder E-mail-Kontakte, die weniger als dreimal täglich stattfinden.

Das ist merkwürdig: In einer Zeit, in der allenthalben die schwindende Lesefähigkeit der Heranwachsenden behauptet wird, erfährt die Verbreitung schriftlicher Botschaften einen enormen Zuspruch. Selbst junge Menschen, die ansonsten nie zum Schreiben gekommen wären oder sich gar die Mühe gemacht hätten, einen Brief zu verfassen, bedienen sich der Short messages - am liebsten mit dem Liebsten, der besten Freundin und dem besten Freund und immer häufiger auch mit anderen guten Bekannten. Vor allem schätzen Jugendliche die Unaufdringlichkeit von kurzen Textbotschaften, ihre geräuschlose Übermittlung und die Diskretion des Mediums, dessen Display von anderen nicht einsehbar ist.

Haupt- und Realschüler erwiesen sich bei einer Studie der Kommunikationswissenschaftler Joachim Höflich und Patrick Rössler als die kommunikativsten Befragten. Mädchen bevorzugen SMS, während Jungen häufiger telefonieren, doch „wer viel mobil telefoniert, nutzt auch stärker SMS, E-mail und sogar den klassischen Brief“, sagt Höflich. Er befragte 204 Gymnasiasten, Haupt- und Realschüler sowie Auszubildende zwischen 14 und 18 Jahren über Motive und Häufigkeit ihrer SMS-Kontakte. In 19 zusätzlich vertiefenden Gruppendiskussionen beschrieben Schüler eines Erfurter Gymnasiums und eines Augsburger Berufsschulzentrums ihre Erfahrungen mit dem Empfangen und Versenden von Kurznachrichten.

SMS-Nachrichten werden demnach, obwohl als mobiles Kommunikationsmedium gedacht, am häufigsten von zuhause aus verschickt, seltener als Zeitvertreib beim Warten und nur von gut zwanzig Prozent der Jugendlichen in der Schule oder im Betrieb. Die meisten Kurzbotschaften dienen dazu, sich zu verabreden. Die meist gestellte Frage lautet: „Was machst du heute abend?" Sie ähnelt eher dem althergebrachten Schreibschwätzchen im Unterricht als einem formal anspruchsvollem Schriftverkehr. Doch trotz SMS genießt der „richtige“ Brief unter den Befragten immer noch höchste Wertschätzung. Allerdings mache ein Brief auch immer viel Arbeit, hieß es häufig in den Diskussionen, SMS hingegen eigne sich auch für Nichtschreiber: Schreibschwächen fallen nicht so sehr ins Gewicht, die Fehlertoleranz ist groß und man verlässt sich im allgemeinen auf die automatische Schreibkorrektur.

Dicht auf die Planung gemeinsamer Unternehmungen folgen die Mitteilungen, die das eigene Befinden bekunden, beziehungsweise das Wohlergehen der anderen erfragen. „Immer erreichbar zu sein" nennen knapp 70 Prozent als Grund, knapp 60 Prozent setzen SMS gern anstelle von Telefonaten ein. Nicht viele Jugendliche erörtern per SMS Probleme oder erteilen Ratschläge, aber diejenigen, die das tun, nutzen SMS deutlich stärker - vor allem sind das Mädchen. Sie betonen auch, dass sie über SMS erfahren wollen, was der andere gerade macht und ob es ihm gut geht, dass sie auf diese Weise ihre Kontakte pflegen und immer erreichbar sind. Jungen hingegen heben den Nutz-Spaß der SMS hervor - das Ausprobieren der Technik, den Informationsabruf und das Vertreiben von Langeweile.

Das Alter der Jugendlichen und die Dauer des Handy-Besitzes machen dabei keinen Unterschied, doch die Bildung entpuppt sich als bedeutsamer Einfluss: Haupt- und Realschüler ziehen aus ihrer Sicht den größten Nutzen aus dem Handy, betonen den Spaß und den Nutzen als Lebenshilfe, gefolgt von Auszubildenden. Gymnasiasten bilden das Schlusslicht. Alle Jugendlichen jedoch befürworten das Flirten per SMS, weil es „richtig Spaß bringt", so meint jeder dritte. Eine schnelle Reaktion des Kontaktierten wird immer oder doch meistens erwartet. Nur ein verschwindend geringer Anteil der Befragten erweist sich als geduldig und rechnet selten mit einer prompten Antwort. Die wenigsten Jungen und Mädchen lassen es bei einer Botschaft bewenden; das Hin und Her von Botschaften - das Gespräch - wird durchweg bevorzugt.

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