Zeitung Heute : Was macht die Welt?

Oskars Reise ignorieren und endlich zu Apple überlaufen

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Es nähert sich der 20. Jahrestag des GAUs in Tschernobyl. Welche Lehren sind heute aus dem Unglück zu ziehen?

Etwas genauer die Fakten zu betrachten. Laut zwei UN-Studien starben aufgrund der Explosion und Folgeschäden 125 Menschen in der Ukraine; in der Umgebung wurden an die 1800 Fälle von Schilddrüsenkrebs bei Kindern gemeldet, die fast alle geheilt werden konnten. Die Älteren erinnern sich noch an Bhopal in Indien, wo 1984 ein Chemie-Unfall an die 3000 Menschen tötete und Zehntausende erkranken ließ. „WmdW“ kennt keine Statistiken, die hierzulande einen Anstieg von Krebs oder Missbildungen registrieren. Aber er kann sich noch gut an eine erinnern, die die historische Strahlenbelastung Münchens zeigt. Der Gipfelpunkt der Kurve war 1963, als Atomtests in der Atmosphäre beendet wurden; gegen diesen Mt. Everest wirkt der winzige Kurz-Ausschlag nach Tschernobyl wie ein Maulwurfshügel.

Oskar Lafontaine will nach Iran reisen, um im Atomstreit zu vermitteln. Würden Sie ihn begleiten wollen?

Dies ist eine unhöfliche Frage, weil sie dazu zwingt, Ab- oder Zuneigung gegenüber potenziellen Reisekumpanen zu offenbaren. „WmdW“ würde aber grundsätzlich nicht mit Leuten reisen, die sich ungebeten zum Vermittler aufschwingen. Solche Ausflüge sollen hauptsächlich der (medialen) Vermittlung des Vermittlers dienen. Da er irgendetwas vorzeigen muss – vor allem einen aufwändig inszenierten Empfang –, wird er sich stets bei der anderen Seite anbiedern und die Interessen des eigenen Landes herunterspielen. Derlei Selbstinstrumentalisierung beschädigt die Diplomatie der eigenen Regierung und ist deshalb mit verschärfter Nichtbeachtung zu ahnden.

Apple offeriert jetzt ein Zusatzprogramm, mit dem Windows XP auf den eigenen Computern läuft. Hat Steven Jobs vor dem allmächtigen Bill Gates kapituliert?

Damit wird ein 25-jähriger Glaubenskrieg zwischen Apple und „Dose“ beendet – für gläubige Appleaner ist das so, als hätte Luther seine Thesen von der Kirchentür gerissen und dem Papst die Hand geküsst. Freilich sollte sich das digitale „Reich des Bösen“ in Redmond (Oregon) nicht zu früh freuen. Jetzt können alle, die die ästhetische Perfektion des Apple-Design schätzen, sich aber nicht trauten, Windows aufzugeben, frohen Mutes zu Apple überlaufen. Wir „Dosen“-Sklaven können jetzt auch cool sein: mit dem eleganten Powerbook auf dem Schoß, und Windows auf der Festplatte. Thanks, Steve.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik ...

Was machen wir bloß, wenn Berlusconi abermals gewinnt? Prada und Versace boykottieren? Espresso in „Schnellkaffee“ umbenennen, und „Ciao“ in „Gehab dich wohl“?

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: clw

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