Zeitung Heute : Was macht eigentlich ein Vizepräsident?

Von Harald Martenstein

Jetzt geht es weltpolitisch darum: Wen ernennen Barack Obama und John McCain zu ihren Kandidaten für die Vizepräsidentschaft?

Ich habe über dieses Amt recherchiert. Vizepräsident John Adams, gebeten, die Aufgaben eines Vizepräsidenten zu beschreiben, hat sich einst folgendermaßen geäußert: „Es ist das bedeutungsloseste Amt, das jemals ersonnen wurde.“ Der Vizepräsident hat nichts zu tun, außer darauf zu warten, dass der Präsident stirbt oder abgesetzt wird oder ins Koma fällt. Sonst hat er keine Aufgabe. Nein, doch, er darf den Vorsitz des Senates führen, allerdings hat er dort keine Stimme, außer in einer Pattsituation.

Im Übrigen besteht der Arbeitstag eines Vizepräsidenten, vereinfacht gesprochen, darin, dass er sich morgens in sein Büro begibt und seine Sekretärin fragt: „Liegt der Präsident im Koma?“ Anschließend kann er auf Entenjagd gehen oder Whisky trinken. In der Regel mag der Vizepräsident den Präsidenten. Das heißt, er kann nur durch den Tod eines Freundes beruflich vorankommen. So ein widersprüchlicher Job kann einen Menschen krank machen. Vizepräsidenten sterben tatsächlich relativ oft selbst im Amt. 1812 starb Vizepräsident George Clinton, 1814 Elbridge Gerry, 1853 William Rufus King, 1885 Thomas A. Hendricks, 1912 starb James S. Sherman … da fragt man sich automatisch, wer wird Vizepräsident beim Tode des Vizepräsidenten? Antwort: niemand. Wenn der Vizepräsident stirbt, dann macht der Präsident alleine weiter, in der Vergangenheit ist das meist so gewesen. Zugunsten des Vizepräsidenten kann man anführen, dass noch nie ein Vize versucht hat, den Präsidenten zu ermorden. Der einzige Vizepräsident, der im Amt beinahe jemanden umgebracht hätte, war der amtierende Vizepräsident Cheney, als er bei den Entenjagd, vielleicht unter Einfluss von Whisky, einen Freund mit einer Ente verwechselte.

Trotzdem darf man es nicht unterschätzen. In 14 von 44 Fällen sind die Vizepräsidenten früher oder später selber Präsident geworden, sofern das öde Vizeamt sie nicht völlig fertiggemacht hatte. Der Nachfolger von Abraham Lincoln hielt seine Antrittsrede in volltrunkenem Zustand und musste selbst rasch aus dem Amt entfernt werden. Am schnellsten ist 1841 John Tyler Nachfolger geworden, weil sein Chef sich bei seiner Antrittsrede in strömendem Regen eine Lungenentzündung holte, der er nach 30 Tagen erlag. Interessanterweise werden sehr oft Menschen mit bizarren Namen Vizepräsident, erwähnt seien John C. Breckinridge, Hannibal Hamlin, Schuyler Colfax und Danforth Quayle. Deswegen halte ich bei den Demokraten die Nominierung des Abgeordneten F. James Sensenbrenner jr. aus Wisconsin für wahrscheinlich, mein republikanischer Favorit ist Gouverneur G. Ervin Sonny Perdue III aus Georgia.

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