Zeitung Heute : Was Scharping retten könnte

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Lieber P.,

wahrscheinlich hast Du noch niemals vom „Allensbacher Buhtest“ gehört. Damit testet die Pythia vom Bodensee in Wahljahren das Meinungsklima in Deutschland. Die Befragten sollen spekulieren, wer von zwei Rednern einer fiktiven Wahlveranstaltung wahrscheinlich eher ausgebuht worden ist, der CDU/CSU-Redner oder der SPD-Redner? Anfang 1998 fiel der Buhtest eindeutig zum Nachteil der Union aus, weswegen es dann Gerhard Schröder auch gelang, die Wahl gegen Helmut Kohl zu gewinnen. Heute werden CDU-Redner und SPD-Redner ungefähr gleich ausgebuht. Du siehst also, dass ich vergangene Woche mit meiner Voraussage, die Bundestagswahl werde spannend werden, völlig richtig lag.

In Berlin sagen mittlerweile alle Wahlkämpfer, dass man die Menschen nicht mit Details überfordern darf. Deine Bitte, man möge endlich genaue Aussagen zur künftigen Finanz- und Steuerpolitik machen, wird zwar verstanden. Aber zugleich meint man bereits Anzeichen für Übermüdungserscheinungen zu erkennen, wenn die Diskussion allzu sachbezogen wird. Höre einfach einmal aufmerksam zu, wie Eichel in den Talkshows erläutert, dass der Bundeshaushalt glänzend dasteht im Vergleich zu den Länderhaushalten, die das gemeinsame Stabilitätsversprechen weit verfehlt haben. Du wirst Dich wundern, warum selbst Fernsehmoderatoren, die so erpicht sind auf kompetente Sachaufklärung, mehr als zehn Minuten harter Diskussion über diesen Sachverhalt nicht durchstehen, weil sie befürchten, ihr Publikum könne der Argumentation nicht mehr folgen. Dabei ist die Sachlage relativ einfach zu begreifen: Nicht der Bund, die Länder geben zu viel Geld aus! Diese Woche wird es übrigens eine neue spannende Diskussion geben: Soll die Bundesbank ihren Goldschatz verkaufen, um Deutschland zu sanieren? Ich sehe leuchtende Augen allenthalben.

Insgesamt ist damit zu rechnen, dass der Wahlkampf sich schließlich auf einfache Formeln konzentrieren wird. „Für einen nahezu ausgeglichenen Haushalt - Wir sorgen dafür, dass 2004 die Staatsverschuldung in Deutschland 0,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts nicht überschreiten wird. Ihr Finanzminister“ – diesen Satz wirst Du auf den Wahlplakaten wahrscheinlich nicht finden. Eher werden die Botschaften lauten: „Der Aufschwung kommt – SPD“, „Wir schaffen den Aufschwung – CDU“ und „18 Prozent für den Aufschwung – FDP“.

Wenn es nämlich hart auf hart geht, kommt es auf Dich, mein Lieber, und Deine Stoibersche Detailversessenheit nicht an. Wer Kanzler bleiben oder werden will, muss die Mehrheit ü berzeugen, also drei Viertel der Wähler, die sich für Politik eigentlich gar nicht interessieren. Die finden es in Ordnung, dass Schröder sich gegen Brüssel durchgesetzt hat und jetzt durch eine Führungsreform dafür sorgt, dass die Arbeitsämter endlich gegen die hohe Arbeitslosigkeit mobil machen. Handeln überzeugt die Leute. In der Sprache der politischen Kampagne nennt man das „to re-arrange the scene“: Man baut das Bühnenbild um und tauscht Mitspieler aus.

Erinnerst Du Dich an das Jahr 1986? Deine Kinder waren damals vier und fünf Jahre alt und durften einige Wochen lang nicht im Sandkasten spielen. Wegen Tschernobyl. Helmut Kohl hatte die glänzende Idee, einen Umweltminister in sein Kabinett zu berufen. Der hatte zwar auch keinen Regenschirm gegen nukleare Niederschläge, aber der Kanzler hatte gehandelt, und die Leute dankten es ihm.

Ahnst Du, worauf es hinauslaufen könnte in diesem Wahljahr? Einen Schwachpunkt hat Schröder noch, er heißt Scharping. Die Leute halten ihn für einen Versager. Das ist zwar ungerecht, aber nicht zu ändern. Die meisten Beobachter in Berlin sagen, der Verteidigungsminister sei sicher, weil der Kanzler kurz vor der Wahl sein Kabinett nicht mehr umbilden könne. Ich bin anderer Meinung: Schröder wird es nur dann nicht tun, wenn Amerika im Sommer Irak angreift, denn im Krieg tauscht man den Verteidigungsminister nicht aus.

Oder gerade dann? Nun habe ich völlig vergessen, Dir, wie versprochen, über die Mitte zu berichten. Angela Merkel meint: „Die politische Mitte findet den besten Weg, weil sie ihn sucht. Das unterscheidet sie von anderen.“ Verstehst du?

Dein M.

Martin E. Süskind erklärt einem bayrischen Vertrauten die Berliner Republik

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