Zeitung Heute : Was schmerzt

Koma-Patienten haben keine Gefühle? Experten sind sich da nicht so sicher

Bas Kast

Die Koma-Patientin Schiavo wird mit Morphium versorgt, obwohl Ärzte betonen, dass sie nichts mehr spürt. Ist wirklich auszuschließen, dass sie Schmerzen hat?

Das Großhirn ist für unser Denken und unsere Wahrnehmung zuständig, hier vermutet man den Urspung von Intelligenz und Urteilsvermögen.

Das Limbische System dient der Verarbeitung von Emotionen und der Entstehung von Triebverhalten.

Der zinguläre Cortex ist zuständig für das Empfinden des „Schmerzhaften“ am Schmerz.

Der Hirnstamm kontrolliert die Herzfrequenz, den Blutdruck und die Atmung. Auch das Wach-Schlafzentrum befindet sich hier.

Das Rückenmark steuert unwillkürliche Bewegungen, wie zum Beispiel Reflexe.

Seit elf Tagen ist sie ohne Nahrung. Ihr Mund ist trocken, ihr Tod rückt Stunde um Stunde näher. Sie wehrt sich dagegen, ist der Vater überzeugt. Seine Tochter Theresa Schiavo, sagt er, leidet.

Sie kann gar nicht mehr leiden, behaupten dagegen zahlreiche Neurologen. Obwohl – ganz sicher sind auch sie sich nicht.

„Unter Umständen spielen bei ihr Schmerzreize noch eine Rolle“, sagt zum Beispiel der Schmerzforscher Hartmut Hagmeister von der Berliner Charité. Leidet sie also doch? Der Wissenschaftler hält das zwar für extrem unwahrscheinlich. „Aber wir wissen es nicht wirklich.“

Warum zweifeln in dieser Frage selbst die Experten? Weil die Antwort in das komplexeste Gebilde führt, das wir kennen: das menschliche Gehirn.

Wie und wo verarbeitet das Gehirn Schmerz? Und sind diese Hirnteile bei Terri Schiavo noch intakt oder sind sie funktionslos?

Auf den ersten Blick scheint vieles dafür zu sprechen, dass Schiavo keinerlei Gefühle wie Schmerz mehr empfinden kann. Die 41-Jährige liegt seit 15 Jahren im Wachkoma. Die Großhirnrinde ist stark geschädigt, das Bewusstsein ist, wie es scheint, ausgeschaltet. Doch an der Stelle fangen die Schwierigkeiten schon an.

So haben wir intuitiv das Gefühl, dass man entweder bewusst oder bewusstlos ist – ein bisschen bewusst scheint ebenso unmöglich wie ein bisschen schwanger. Viele Studien aber legen nahe, dass das Bewusstsein nicht einer Lampe gleicht, die entweder an oder aus sein kann, sondern eher nach dem Prinzip eines Baukastens funktioniert: Das Bewusstsein setzt sich aus vielen Einzelteilen zusammen.

Beispielsweise gibt es Patienten, die auf Grund einer Schädigung der visuellen Hirnrinde nicht mehr sehen können. Ihr visuelles Bewusstsein scheint wie ausradiert. Ihr Schmerzbewusstsein aber ist durchaus noch da. Andere Menschen verlieren auf Grund eines Unfalls die Fähigkeit zu sprechen – alle anderen Hirnfunktionen aber bleiben intakt.

In dieses komplexe Mosaik fügt sich auch die Schmerzverarbeitung. Diverse Hirngebiete sind daran beteiligt – vom Rückenmark bis hin zur Großhirnrinde, hier insbesondere Teile des limbischen Systems (siehe Grafik).

Dabei scheint es ein Hirnareal zu geben, das für die Schmerzwahrnehmung entscheidend ist: der vordere „zinguläre Cortex“.

Gibt man Patienten, bei denen der zinguläre Cortex defekt ist, einen Schmerzreiz, so sagen sie: Ja, ich spüre zwar etwas, aber das ist mir egal. „Das Bewusstsein ist noch da, aber das Aua! ist weg“, sagt der Schmerzforscher Markus Ploner von der Neurologischen Klinik der Uni Düsseldorf. Ist der zinguläre Cortex kaputt, verschwindet das „Schmerzhafte“ am Schmerz.

Ob und inwiefern der zinguläre Cortex bei Terri Schiavo noch funktioniert, weiß offenbar keiner – auch wenn vieles dafür spricht, dass er stark geschädigt ist. Intakt ist dagegen noch der Hirnstamm, jene Region, wo das Rückenmark in das Gehirn übergeht und die Basisfunktionen, wie etwa die Atmung übernimmt.

Der Ehemann Michael Schiavo will nun nach dem Tod seiner Frau mit einer Autopsie ihres Gehirns „das ganze und massive Ausmaß“ ihres Hirnschadens dokumentieren. Wie sein Anwalt mitteilte, bekommt Terri Schiavo seit dem Abbruch der künstlichen Ernährung zwei Mal täglich per Zäpfchen eine kleine Dosis Morphium: fünf Milligramm. Morphium bindet an vielen verschiedenen Stellen des Nervensystems – vor allem auch an den zingulären Cortex, und wirkt stark schmerzlindernd.

Gibt man das Morphium etwa, weil die Ärzte glauben, Terri Schiavo könne vielleicht doch Schmerzen empfinden? „Man tut dies einerseits, weil es einfach beruhigend, dämpfend wirkt“, so Hagmeister. Andererseits aber, sagt der Schmerzforscher, „weil man ja nie wissen kann“.

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