Zeitung Heute : Was Schule lernen muss

Ein besserer Unterricht kann nur gelingen, wenn Lehrer nach modernsten Erkenntnissen ausgebildet werden

Hans Merkens

Internationale Vergleichsuntersuchungen für die Klassen 9 (Pisa) und 4 (Iglu) haben eine Diskussion über die Nachteile des deutschen Bildungssystems ausgelöst. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat mit einer Offensive reagiert, die in dieser Form unüblich ist: Die Ausschreibung des Programms „Bildungsforschung“ mit der Einrichtung mehrerer Forschergruppen an mehreren Universitäten ist ein Ausweis dieser Forschungspolitik.

In den Universitäten und Kultusministerien ist wiederum Lehrerbildung zu einem wichtigen Thema geworden, obwohl dieser Aufgabe lange Zeit allenfalls marginale Aufmerksamkeit geschenkt worden ist. An verschiedenen Hochschulen sind Zentren für Lehrerbildung gegründet worden, so auch an der Freien Universität das interdisziplinäre Zentrum für Lehr- und Lernforschung (IZLL) mit den Schwerpunkten Unterrichtsforschung, Schul- und Curriculumentwicklung.

Dennoch stellt sich die Frage, worin der Erfolg der im internationalen Vergleich siegreichen Bildungssysteme in Europa – vor allem des schwedischen und des finnischen – denn eigentlich begründet sei. Es wird dann in der Regel auf strukturelle Merkmale wie ein wenig gegliedertes Schulsystem verwiesen, nicht aber auf den beispielsweise hohen Anteil von Zwergschulen. Dabei wird übersehen, dass die genannten Studien keine Ursachenzuschreibungen für die gefundenen Differenzen erlauben, weil es sich um Querschnittsuntersuchungen handelt. Kausale Annahmen lassen sich aber nur auf der Basis von Längsschnitten überprüfen. Diese Längsschnittuntersuchungen müssen nunmehr als erstes auch für Deutschland angemahnt werden.

Dennoch lassen sich aus den vorhandenen Vergleichen Hypothesen für Untersuchungen des Bildungssystems gewinnen. Eine dieser Hypothesen lautet, dass im deutschen Bildungssystem bürokratische Strukturen fest etabliert sind. Diese werden beispielsweise sichtbar, wenn es darum geht, den schulpsychologischen Dienst einzubeziehen. Sie zeigen sich aber auch im dreigliedrigen System, wenn es um Zuweisungen zu Bildungsgängen oder um Festlegungen geht, unter welchen Bedingungen eine Klasse wiederholt werden muss.

Im Unterschied dazu bieten die skandinavischen Bildungssysteme die Möglichkeit, jedem einzelnen Kind diejenige Unterstützung zu gewähren, der es bedarf. Das setzt ein Höchstmaß an Flexibilität voraus. Lehrkräfte werden genau darauf trainiert. Sie müssen in Zwergschulen Lerngruppen verschiedenen Niveaus organisieren, was voraussetzt, dass die Gruppen über weite Strecken selbstständig operieren. In Klassen in Großstädten wiederum werden verschiedenste Gelegenheiten zur Individualisierung gewährt, was dem Vorgehen in den Zwergschulen entspricht. Schulpsychologen und Sonderpädagogen stehen zur Verfügung, wenn sie gebraucht werden, und die Schülerinnen und Schüler können ihre Lernwege selbst organisieren. Der Selbsttätigkeit wird ein breiter Raum gewährt.

Als eine Grundlage des Erfolges innerhalb der skandinavischen Bildungssysteme kann demnach die den Schülern gewährte Möglichkeit angesehen werden, ihre Lernwege zu individualisieren. Genau das ist im deutschen Bildungssystem extrem erschwert, in dem eher auf eine Homogenisierung der Lerngruppen gesetzt worden ist. Das hat sich bis hin zum Gesamtschulsystem mit der Einführung von jeweils vier leistungshomogenen Gruppen auf den einzelnen Klassenstufen durchgesetzt.

Dem Bemühen um Homogenisierung sind – wie die Praxis erkennen lässt – bestimmte Grenzen gesetzt. In Deutschland herrscht die fragend-entwickelnde Unterrichtsmethode vor. Sie soll durch Fragen die Aufmerksamkeit der Kinder im Unterricht sichern. In der Praxis wird dazu ein mittleres Niveau bei den Fragen gewählt. Daraus resultiert, dass ein Teil der Kinder ständig unterfordert und ein anderer überfordert wird.

Verstärkt werden Schwierigkeiten dieser Art auch dadurch, dass innerhalb des Schulsystems ein hohes Maß an Heterogenität herrscht, die daraus resultiert, dass Kinder, die aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten stammen, gemeinsam unterrichtet werden. In den Schulen wird von den Kindern eine sichere Beherrschung der Unterrichtssprache Deutsch erwartet, was viele Kinder nicht richtig können. Zwar gibt es an einzelnen Schulen Förderunterricht für ausländische Kinder. Die relative Erfolglosigkeit dieser Maßnahmen hat sich bei Pisa gezeigt.

Das deutsche Bildungssystem ist im Vergleich zum skandinavischen noch zu sehr von Bürokratisierung, Homogenisierung und Normierung gekennzeichnet. Künftig soll deshalb die Normierung der Unterrichtssprache durch Standardformate im Leistungsanspruch ersetzt werden, wobei zu bestimmten Zeitpunkten bundes- bzw. landesweit Standardarbeiten geschrieben werden. Außerdem sollen Schulen künftig mehr Autonomie erhalten. Eltern sollen verstärkt aussuchen können, in welche Schule mit welchem Schulprofil sie ihre Kinder schicken wollen.

Im täglichen Unterricht soll dem selbstregulierten Lernen mehr Gewicht beigemessen werden. Das bedeutet, dass Lehrer sich verstärkt um den einzelnen Lernenden kümmern können. Die Homogenisierung der Lerngruppen soll durch die Individualisierung der Lernwege ersetzt werden. Daraus resultiert keineswegs eine Isolierung, weil auch Individuen Kooperationen auf Zeit eingehen können. Was sich verändert, ist die Anforderungsstruktur an Lehrende.

Ein Wandel, wie er hier beschrieben worden ist, erfordert ein hohes Maß an Weiterbildung, Veränderungen in der Erstausbildung und auch begleitender Forschung. Vor allem wird es erforderlich sein, zwei Elemente in der Aus- und Weiterbildung zu verstärken, die bisher verhältnismäßig wenig Beachtung gefunden haben.

Erstens wird es darum gehen, eine pädagogische Diagnostik zu entwickeln, die es gestattet, innerhalb der einzelnen Fächer Lernstände von Schülerinnen und Schülern zu identifizieren, um flexible Lösungen durch Gestaltung von Lernanreizen zu ermöglichen. Zweitens bedarf es eines Unterrichtsmanagements, welches an die Stelle der bisherigen Formen von Lehren und Lernen tritt und die einzelnen Schüler sowie deren Interessen als Bezugspunkt hat.

Die für diese neuen Herausforderungen notwendige Forschung erfordert eine enge Kooperation von Praxis auf der einen Seite und Institution wie dem Interdisziplinären Zentrum für Lehr- und Lernforschung (IZLL) an der FU auf der anderen Seite.

Der Autor ist Professor für Erziehungswissenschaften an der FU

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