Zeitung Heute : Was sich zu lernen lohnt

Attraktiv ist nicht gleich krisensicher – über Berufe, die man ergreifen kann

Alexander Visser

Der Ausbildungspakt bringt neue Angebote. Aber nicht genügend Lehrstellen. Was sind die Berufe mit Zukunft – und welche Ausbildung braucht man dafür?

Sterben tun die Leute immer. Aber erst seit vergangenem Jahr gibt es für Bestatter auch eine qualifizierte Ausbildung zur „Bestattungsfachkraft“. In den drei Lehrjahren erfahren die Auszubildenden, wie man Verstorbene fachgerecht unter die Erde bringt. Doch das ist nur ein kleiner Teil des Programms. Bestatter müssen sich mit Rechtsnormen und Sicherheitsbestimmungen auskennen, Riten und Gebräuche achten, den pietätvollen Umgang mit Kunden beherrschen und, wie es in der Ausbildungsbeschreibung heißt, „trauerpsychologische Maßnahmen anwenden“.

Ist der neue Beruf des Bestatters einer mit Zukunft? Das hängt nicht nur von der Sterberate der nächsten Jahre ab, sondern auch davon wie viele Hinterbliebene fähig und willens sind, eine qualifizierte Beerdigung zu bezahlen. Ob der Job sicher und auf Dauer einträglich ist, kann kein Arbeitsmarktforscher mit Gewissheit sagen. „Aber“, sagt Folkmar Kath, „wir sind überzeugt, dass die vermittelten Qualifikationen derzeit am Arbeitsmarkt gefragt sind.“ Kath ist Abteilungsleiter für Struktur und Ordnung der beruflichen Bildung am Bundesinstitut für Berufsbildung (Bibb) in Bonn. Die Arbeitsmarktforscher des Bibb bemühen sich gemeinsam mit Arbeitgebern und Gewerkschaften die Berufsausbildung an die Qualifikationsanforderungen des Arbeitsmarktes anzupassen. So werden neue Ausbildungsberufe entwickelt oder bestehende modernisiert. Oft ist die Neugestaltung von Ausbildungswegen ein Indikator dafür, dass sich eine Branche dynamisch entwickelt. So wurden im vergangenen Jahr die Elektroberufe überarbeitet. Dieses Jahr ist die Metallbranche dran, die mit etwa 100000 Lehrlingen ausbildungsstärkste Berufsgruppe in Industrie und Handwerk. Da werden aus Mechanikern Mechatroniker, die sich auch mit Elektronik auskennen müssen.

Grundsätzlich ist eine Ausbildung mit Zukunft eine, in der man lernt, zu lernen, betont Kath. „Die Qualitätsanforderungen der Wirtschaft steigen immer weiter, und alle Auszubildenden müssen sich auf lebenslanges Lernen einstellen.“ Deswegen ist er nicht überzeugt von der Forderung vieler Arbeitgeber, Berufsbilder mit kürzeren Ausbildungszeiten zu schaffen. Statt wie üblich drei Jahre dauern die neuen Programme oft nur zwei Jahre. Die kürzere Lehrzeit erscheint attraktiv, langfristig kann sie aber am Arbeitsmarkt zu einem Wettbewerbsnachteil führen.

In Berlin gibt es derzeit noch 3500 offene Lehrstellen (bei 11500 unversorgten Jugendlichen). Einige davon sind in noch stabilen Bereichen wie der Elektrobranche. Doch auch Firmen im Stahl- oder Tiefbau bieten noch Stellen. Ist das bei der verheerenden Situation der Baubranche mit ihren tausenden Arbeitslosen eine Ausbildung mit Zukunft? Doch auch wer auf Modeberufe setzt, geht ein Risiko ein. Das musste erfahren, wer sich während des Internet-Booms zum Webdesigner oder Content Manager ausbilden ließ. Nach dem Ende des Booms gab es viele Ausgebildete, aber keine Jobs mehr in der Zukunftsbranche. Olaf Möller von der Berliner Arbeitsagentur rät daher: „Man sollte seine Lehrstelle nicht nur nach der aktuellen Marktlage, sondern auch nach den eigenen langfristigen Interessen auswählen.“

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