Zeitung Heute : Was sie noch zu sagen hätten

Frank Jansen

Der Prozess gegen Mounir al Motassadeq wegen Beihilfe zum Mord im Zusammenhang mit dem 11. September wird fortgesetzt. Wie kommt es, dass der Prozess nur sehr schleppend vorangeht?

Die meisten Zeugen reden viel, manchmal sind sogar abenteuerliche Geschichten zu hören. Da tritt beispielsweise der ehemalige Betreiber einer Hamburger Cocktailbar auf und behauptet, die ganze Gruppe um den späteren Selbstmordpiloten Mohammed Atta habe sich neun Monate vor dem Terrorangriff des 11. September 2001 in seinem Lokal getroffen. Natürlich sei kein Longdrink bestellt worden, selbst Coca-Cola hätten Atta und Anhang als amerikanisches Teufelszeug verschmäht. Doch weder pittoreske Märchen noch die Aussagen seriöser Zeugen können den wahren Zustand des zweiten Prozesses gegen Atta-Freund Mounir al Motassadeq ausblenden. Das Verfahren am Hamburger Oberlandesgericht, im August gestartet, kommt kaum voran.

Belastende wie entlastende Aussagen sind oft vage, bei manchen Zeugen lässt die Erinnerung nach. Die Vorwürfe der Bundesanwaltschaft gegen Motassadeq, er habe von Hamburg aus Beihilfe zur Ermordung von 3066 Menschen am 11. September geleistet, erscheinen bislang nicht als hinreichend bewiesen. Droht der Anklage nun ein weiterer Rückschlag, nachdem der Bundesgerichtshof im März das harte Urteil aus dem ersten Prozess gegen Motassadeq – 15 Jahre Haft – aufhob und die zweite Hauptverhandlung nötig wurde? Muss das Gericht nun den Marokkaner freisprechen? Endet der zweite Prozess dann so wie die Hauptverhandlung gegen Motassadeqs ähnlich terrorverdächtigen Landsmann Abdelghani Mzoudi, den das Hamburger Gericht im Februar aus Mangel an Beweisen als freien Mann gehen ließ?

Wie schon im ersten Prozess gegen Motassadeq können auch im zweiten mehrere Zeugen etwas über Mohammed Atta oder die anderen, aus Hamburg gekommenen Selbstmordpiloten Marwan Al Shehhi und Ziad Jarrah sagen. Aber wenig über Motassadeq. Ein Beispiel. Vergangenen Mittwoch berichtet die ehemalige Freundin Jarrahs, wie er sich radikalisierte. Und von Ende November 1999 bis Anfang Februar 2000 sei Jarrah plötzlich weg gewesen, sagt die Frau. Sie wusste nicht, dass der Libanese in Afghanistan war, wo der Terrorangriff auf die USA besprochen wurde. In dieser Zeit bekam die Freundin Jarrahs einen Anruf von Motassadeq, den sie zuvor nicht kannte. Er habe sich erkundigt, wie es ihr geht, erzählt die Frau. Sie war überrascht, dass ein Fremder nachfragt. Mehr kann die Ex-Freundin vor Gericht über Motassadeq nicht sagen. Ist die Aussage trotzdem ein Beleg für den Vorwurf der Anklage, Motassadeq habe Jarrah und die anderen Todesflieger unterstützt?

Die Bundesanwaltschaft gibt sich trotz der unsicheren Beweislage optimistisch. Vielleicht nicht ohne Grund. Die US-Behörden hatten überraschend zu Beginn des zweiten Prozesses dem Gericht erstmals Aussagen der an einem unbekannten Ort inhaftierten Chefplaner des 11. September geschickt. Ramsi Binalshibh und Khaled Scheich Mohammed behaupten demnach, Motassadeq habe mit den Anschlägen nichts zu tun gehabt. Aber Mohammed berichtet auch, er habe Motassadeq in der pakistanischen Hafenstadt Karatschi getroffen – um ihm bei der Weiterreise nach Afghanistan zu helfen. Das ist erstaunlich. Warum kümmert sich ein hochrangiger Al-Qaida-Mann und Drahtzieher des 11. September um einen angeblich unbedeutenden Marokkaner aus Hamburg? Möglicherweise erfährt das Gericht demnächst noch mehr aus den USA. Der Terrorexperte Steven Emerson, ein Mann mit guten Kontakten zu den amerikanischen Sicherheitsbehörden, sagte vergangene Woche in Berlin, „eventuell“ kämen bald weitere Informationen zu Binalshibh und Mohammed.

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