Zeitung Heute : Was signalisiert die Wahl von Johannes Rau?

HERMANN RUDOLPH

Auch die Bundespräsidentenwahl findet, dem repräsentativen Charakter des Amtes zum Trotz, nicht im politikleeren Raum statt.Sie ist, im Gegenteil, oft ein Seismograph gewesen.Was signalisiert die Wahl von Johannes Rau? Sie hat einerseits die rot-grüne Koalition stabilisiert - was zumindest ex negativo unübersehbar ist und an dem Erleichterungs-Jubel der Koalition nach vollzogener Wahl auch deutlich erkennbar war: Man braucht sich nur vorzustellen, was für verheerende Folgen es für sie gehabt hätte, wenn der Kandidat auch nur ins Stolpern geraten wäre! Andererseits kann sich die Union, da sie nichts zu verlieren hatte, durch das gute Abschneiden ihrer Kandidatin Dagmar Schipanski gestärkt fühlen.Schließlich ist die FDP zwar im entscheidenden zweiten Wahlgang ziemlich genau in der Mitte auseinandergebrochen.Aber Geschlossenheit ist noch nie ihr Markenzeichen gewesen - und mit diesem Auseinander-Fallen ist sie immerhin in die Mitte zwischen den beiden Lagern gerückt.

Diese Wahl ist also kein Wetterleuchten dafür, daß sich ein grundsätzlicher Wandel anbahnt.Das paßt zu den Kommentaren, die in Raus Wahl von vornherein nicht viel mehr als die Honorierung einer Lebensleistung gesehen haben, nicht aber das Fanal für irgendetwas.Und über zu viele Vorschußlorbeeren kann sich Johannes Rau wirklich nicht beklagen.Eher liegt er quer zu den Erwartungen: zu alt, zu sehr ein Mann der Bonner Republik, und selbst der Umstand, daß den meisten zu seiner Charakterisierung die ehrenwerte Formel "Versöhnen statt spalten" einfällt, ändert daran wenig - denn die ist mittlerweile zwölf Jahre alt, sie war sein Wahlkampfmotto von 1987.Es ist ja auch gar nicht zu beschönigen, daß der alte politische Fuhrmann, mit der Erfahrung von vierzig Abgeordneten- und fast zwanzig Ministerpräsidenten-Jahren, der Steuermann des Wiederaufstiegs des bevölkerungsstärksten Bundeslandes und reformerische Sozialdemokrat, in erster Linie das Erbe der alten Bundesrepublik verkörpert - wenn auch in einer höchst respektablen Spielart.

Rau hat in seiner Ansprache zur Annahme der Wahl ansehnliche Markierungen gegen diese Stimmungslage gesetzt: die demonstrative Parteinahme für die Ausländer-Integration, die Verpflichtung auf die Herbst-Revolte von 1989, die Forderung nach gleichen Lebensverhältnissen auch in den ostdeutschen Bundesländern, also zur Fortgeltung der west-östlichen Solidarität.Er hat das Bekenntnis zu einem aufgeklärten Patriotismus hinzugefügt und die Versicherung - aus dem Nachlaß bewährter bundesrepublikanischer Nachkriegs-Rhetorik -, daß die Deutschen ein Volk der guten Nachbarn sein wollen.Wie weit diese Positionen die Bedenken gegen ihn zerstreuen können, ist noch nicht absehbar.Aber jenseits dessen wird man auch der Ansicht sein können, daß einer Republik, die sich gerade in einem neuen Anfang übt etwas schlechteres passieren könnte als ein Präsident, der das Erbe der alten Bonner Republik in sie einbringt.Und selbst das leicht bemooste "Versöhnen-statt-Spalten": Ist es für das ost-westlich verspannte Deutschland wirklich das falsche Motto?

Man darf sich aber in diesem Zusammenhang auch daran erinnern, daß viele Bundespräsidenten am Anfang mit Widerspruch empfangen wurden.Das ging nicht nur Herzog mit seiner Aufforderung an die Deutschen so, sich "unverkrampft" zu geben.Gustav Heinemann wurde 1969 die Apostrophierung seiner Wahl als ein Stück "Machtwechsel" übel genommen, Karl Carstens mußte Ende der siebziger Jahre für die Furcht vor einem konservativem "Roll-back" herhalten.Doch bislang ist es noch allen Bundespräsidenten gelungen, nach ihrer Wahl diese Vorbehalte abzuschütteln.

Die Aufgabe ist nicht leicht; der große Vermittler und Menschenfischer Johannes Rau muß zumindest zum Teil gegen die Ströumung schwimmen.Was heißt: Er muß viele erst noch für die Überzeugung gewinnen, daß seine Wahl die richtige ist.Aber möglich ist das.Dafür spricht nicht zuletzt die Erkenntnis, die Roman Herzog uns gestern am Schluß seiner Rede zum Staatsakt als Erfahrung seiner Amtszeit mit auf den Weg gegeben hat: daß dieses Land in vielem mehr in Bewegung sei, als das den meisten bewußt sei.

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