Zeitung Heute : Was so zu hören ist

Die Deutsche Telekom soll Aufsichtsräte, Mitarbeiter und Journalisten bespitzelt haben. Welche Folgen kann diese Affäre für den Konzern haben?

David C. Lerch[Düsseldorf]

Die Verantwortlichen der Deutschen Telekom sind sich des Ernstes der Lage sehr bewusst. Nach Bekanntwerden der Spitzelaffäre am Wochenende versprach der Vorstandsvorsitzende René Obermann „lückenlose Aufklärung“, zugleich erklärte er in einem Video auf der Internetseite des Konzerns: „Das kann ein herber Rückschlag sein, wenn sich die Vorgänge bewahrheiten.“ Ein solcher Rückschlag wird sich wohl besonders auf das Image der Telekom beziehen. Der ehemalige Monopolist der Telefongespräche, in Medienberichten zuletzt gar als Hüter des Fernmeldegeheimnisses bezeichnet, soll selbst gegen dieses verstoßen haben. Das Ausmaß des dadurch entstehenden Imageschadens ist noch nicht abzusehen und hängt vom Verlauf der Ermittlungen ab.

Doch schon jetzt sieht Ulf Posé, Präsident des Ethikverbandes der Deutschen Wirtschaft, einen immensen Imageschaden für das Unternehmen und die deutsche Wirtschaft insgesamt. „Der Vorfall ist eine Katastrophe für die Telekom und ein Schlag ins Gesicht für die deutsche Wirtschaft“, sagte Posé dem Tagesspiegel. Ein Konzern habe zu Recht den Anspruch, undichte Stellen zu finden. „Aber die Methoden, mit denen vorgegangen wurde, sind skandalös“, sagte er. Posé bemängelte, dass das Thema Wirtschaftsethik stets in negativen Zyklen auf die Tagesordnung komme. „Beim Mannesmann-Prozess wurde über die Höhe von Abfindungen diskutiert, beim Rücktritt von Klaus Zumwinkel über persönliche Bereicherung, und seit dem Fall Lidl geht es um Spitzeleien.“ Dass das nun bei einem Vorzeigekonzern wie der Deutschen Telekom vorkomme, sei mehr als peinlich.

Auch der Datenschutzbeauftragte der Bundesregierung, Peter Schaar, sieht in dem Abhörskandal bei der Telekom einen Schaden, der über das betroffene Unternehmen hinausgeht. „Jeder Missbrauch des Datenschutzes ist ein Imageverlust für ein Unternehmen und für die Allgemeinheit“, sagte sein Sprecher Dietmar Müller. Die Datenschützer haben bereits Ermittlungen aufgenommen und werden der Telekom in den kommenden Tagen einen umfangreichen Fragenkatalog übersenden. Darüber hinaus forderte Schaar am Montag härtere Strafen für Verstöße gegen den Datenschutz. Derzeit können Bußgelder bis zu 300 000 Euro verhängt werden.

Die Telekom selbst ist nach Aussagen ihres Sprechers Mark Nierwetberg bemüht, den Schaden in Grenzen zu halten, und legt Wert auf eine differenzierte Betrachtung. „Ich glaube schon, dass die Leute unterscheiden können zwischen einem Unternehmen, das die Daten seiner Kunden missbraucht, und einem Unternehmen, das seinen Aufsichtsrat überwacht“, sagte Nierwetberg. Darüber hinaus habe man die Staatsanwaltschaft eingeschaltet und damit gezeigt, dass man es mit der Aufklärung ernst meine. Es ist durchaus vorstellbar, dass der Konzern weitere Schritte unternehmen wird, um sein Image aufzupolieren. Lidl hatte Anfang April den langjährigen obersten Datenschützer der Bundesregierung, Joachim Jacob, engagiert.

Die Spitzelaffäre beim ehemaligen Staatsunternehmen, das weiterhin mehrheitlich dem Bund gehört, könnte auch zur Glaubwürdigkeitskrise für René Obermann werden. Er muss erklären, was er von den Vorgängen in den Jahren 2005 und 2006 gewusst hat, als er als Chef der Mobilfunksparte T-Mobile bereits im Vorstand saß. Und er muss sich fragen lassen, warum er nicht bereits im Sommer 2007 die Staatsanwaltschaft einschaltete, als es einen ersten Hinweis auf mögliche Bespitzelungen gab. Nach Informationen des „Handelsblatts“ soll Klaus Zumwinkel, ehemaliger Chef der Post und einstiger Aufsichtsratsvorsitzender der Telekom, den Überwachungsauftrag erteilt haben.

Dem Börsenkurs schadet die Affäre übrigens bisher nicht. Die Aktie schloss am Montag leicht im Plus. Nach Ansicht der Analysten von Sal. Oppenheim wird das auch so bleiben, solange die operative Entwicklung bei der Deutschen Telekom anhält.

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