Zeitung Heute : Was soll, was kann, was darf?

Sterbehilfe ist ein Problem, das nicht nur Mediziner und Juristen angeht

Ulrike Baureithel

„Manchmal steht man daneben und fragt: Muss das sein? Kann man nicht einfach auf irgendeinen Knopf drücken?“ Und: „Einige sagen, dass sie sterben wollen, aber nicht, dass ich sie töten soll.“ Die beiden Aussagen finden sich in einer Schwerpunktnummer der Zeitschrift „Menschen“ zum Thema Sterben, die „Aktion Mensch“ Anfang des Jahres herausgab. Geäußert von einer hilflosen Angehörigen und einer langjährigen ehrenamtlichen Sterbebegleiterin, messen sie die Spannweite einer Problematik aus, an der sich seit Jahren Juristen, Mediziner und Ethiker ebenso wie Pflegende abarbeiten, und die immer wieder das öffentliche Gemüt in Wallung bringt: die Sterbehilfe.

Was soll, was kann, was darf getan werden, um das Leid kranker, todgeweihter Menschen zu lindern und ihren – mutmaßlichen oder expliziten – Willen zu erfüllen? Was soll, was kann, was muss gleichzeitig getan werden, um zu verhindern, dass die sensible Phase am Lebensende nicht missbraucht wird. Verunsichert werden die Menschen darüber hinaus aufgrund von Nachrichten aus den Nachbarländern: In drei europäischen Staaten – in Belgien, den Niederlanden und der Schweiz – ist aktive Sterbehilfe gesetzlich erlaubt. Aktive Sterbehilfe meint ein Handeln, das das Sterben von Todkranken beschleunigt – im Unterschied zur auch hierzulande zulässigen passiven Sterbehilfe, die „nur“ Maßnahmen unterlässt, die das Leben der Betroffenen künstlich verlängern. Nach dem niederländischen Gesetz ist aktive Sterbehilfe zwar grundsätzlich strafbar, wird jedoch geduldet; ähnliches gilt seit dem letzten Jahr in Belgien.

In der Schweiz können Hilfeleistungen zum Sterbe- oder Suizidversuch von jedermann erbracht werden. Dort hat sich in den letzten Jahren ein regelrechtes Sterbehilfegewerbe entwickelt, deren obskure Betreiber immer wieder negativ die deutschen Schlagzeilen besetzen – nicht zuletzt, weil viele Patienten aus der Bundesrepublik zur Sterbehilfe in die Schweiz reisen. Mittlerweile sollen nach Ansicht der schweizer Akademie für Medizinische Wissenschaften auch Ärzte aktive Tötungshandlungen ausführen können. Ins Kreuzfeuer der in- und ausländischen Kritik kam dabei weniger die Tatsache als solche, sondern die Begründung der Standesrechtler: Aktive Sterbehilfe wird nämlich nicht, wie sonst üblich, mit dem Selbstbestimmungsrecht der Patienten gerechtfertigt, sondern mit der absehbaren demografischen Entwicklung und den Pflegeengpässen im Land.

Der schnelle Tod als Erlösung

Diese unverhüllt etatistische, durch kein ethisches, am Patientenwohl orientiertes Argument mehr gedeckte Legitimation der aktiven Sterbehilfe verweist auf den „slippery slope“, die abschüssige Bahn, auf der sich die Sterbehilfe-Debatte bewegt: Denn wenn erst einmal die Kostenfrage im Raum steht, müssen sich unheilbar Kranke nur noch als Last – für die Angehörigen, die Pflegenden, die Sozialversicherungsträger, die Gesellschaft – empfinden. Und ihr Todeswunsch, das zeigen Gespräche mit Betroffenen, könnte nicht zuletzt auch der ungenügenden Versorgung und Zuwendung entspringen. Der schnelle Tod erscheint in der unwirtlichen Pflegerealität – die, das ist zu betonen, am wenigsten die Pflegenden selbst verantworten – als Erlösung. Sie wollen sterben, weil sie die Qualität ihres Lebens als schlecht erleben. Aber die wenigsten rufen aktiv nach der Giftspritze.

Dies, und nicht etwa der im aktiven Leben bei vollem Bewusstsein in einem Patiententestament niedergelegte Wunsch, im Falle unheilbarer Versehrung auf unsinnige lebensverlängernde Maßnahmen – künstliche Beatmung und Ernährung – zu verzichten, müsste im Mittelpunkt der Auseinandersetzung stehen. Während in Deutschland die aktive Sterbehilfe strafbar ist, dürfen lebensverlängernde Maßnahmen bei Patienten in unmittelbarer Todesnähe unterlassen werden. In einer Richtlinie der Bundesärztekammer heißt es, der Arzt solle auch den Willen des bewusstseinsklaren Patienten respektieren und denkbare medizinische Handlungen unterlassen, die das Sterben unnötig verlängern. Bei Todkranken kann die Linderung des Leidens „so im Vordergrund stehen, dass eine daraus möglicherweise folgende Lebensverkürzung in Kauf genommen werden darf“.

Doch so einfach, wie sich dies liest, ist die Realität dann doch nicht – weder die medizinische, noch die juristische. Besonders schwierig wird die Entscheidung, wenn der Patient zwar früher den Willen bekundet hat, in einer medizinisch aussichtslosen Situation auf lebensverlängernde Maßnahmen verzichten zu wollen, sich aktuell aber nicht mehr äußern kann. Mehrmals hatte sich der Bundesgerichtshof mit dieser Frage zu beschäftigen, zuletzt im April diesen Jahres. Dabei ging es um den Abbruch der künstlichen Ernährung eines 72-jährigen einwilligungsunfähigen Wachkoma-Patienten. Er hatte zwei Jahre zuvor schriftlich verfügt, im Falle irreversibler Schädigung solle die Intensivbehandlung und die künstliche Ernährung eingestellt werden. Während das Oberlandesgericht Schleswig-Holstein dem Antrag des Sohnes stattgab, die Verfügung ohne weitere Prüfung durch das Vormundschaftsgericht anzuerkennen und damit von anderen Entscheidungen abwich, plädierten die Bundesrichter zwar ebenfalls für die Respektierung des Patientenwillens, machten den Abbruch der künstlichen Ernährung aber von der Zustimmung des Vormundschaftsgerichts abhängig. Dies gelte auch, so das BGH-Urteil, wenn ein erklärter Wille nicht feststellbar und nur ein mutmaßlicher Wille anzunehmen sei (AZ XII ZB 2 / 03).

Das Urteil hat vor allem unter Fachleuten für Zündstoff gesorgt, denn in der Praxis wird damit die Geltung von Patiententestamenten juristisch eingeschränkt. Außerdem scheint sich die Verantwortung nun von den Ärzten auf die Richter zu verlagern. Insofern ist die Empörung, die einerseits das niederländische Sterbehilfegesetz hierzulande auslöste, und andererseits der in der Bevölkerung vielfach bekundete Wunsch, nicht hilflos an lebenserhaltende Apparaturen gekettet werden zu wollen, nur ein vordergründiger Widerspruch. Es drückt sich darin ein tief sitzendes Misstrauen gegenüber der modernen Medizin und ihrer Allmacht aus. Wenn sich demnächst nun auch der Ethikrat mit dem Thema Sterbehilfe befasst, dann wird er auch auf diese Diskrepanz zu reagieren haben. Und so wichtig es ist, den Patientenwillen in die ärztlichen Entscheidungen miteinzubeziehen, so notwendig ist es auch, zu verhindern, dass das Recht, menschenwürdig zu sterben, nicht in eine Pflicht zu sterben umkehrt und Leidvermeidung austauschbar mit Kostenvermeidung wird.

Die Autorin lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Berlin.

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