Zeitung Heute : Was taugt der Internet-Buchhandel wirklich?

ALEXANDER ROSS

Der Internet-Buchhandel entwächst den Kinderschuhen.Die großen Online-Book-shops buhlen um eine Kundschaft, die im Internet heranreift und zunehmend kaufkräftiger wird: Waren vor etwa drei Jahren noch etwa 80 Prozent der Internet-Einkäufer Studenten, machen sie heute nur noch etwa 20 Prozent aus.Für den Börsenverein des Deutschen Buchhandels haben Neue Medien wie Online-Dienste und Internet das "alte" Medium Buch nicht verdrängt, sondern eher gestärkt - für den Branchenverband ist "kein anderes Produkt im Internet so erfolgreich wie das Buch" - obwohl selbst der Weltmarktführer " amazon.com " bis heute bei jedem Buch drauflegt.Doch Amazon erwarb im letzten Jahr den deutschen "ABC Bücherdienst" (telebuch.de), der seit 1991 zunächst über Bildschirmtext und seit 1995 über das Internet vertreibt und ist jetzt mit "amazon.de" auch hierzulande Marktführer.

Ob sich das rechnet, weiß keiner - bei Zahlen gibt sich Amazon-Sprecherin Martina Frühwald zugeknöpft und verweist auf die Website der US-Muttergesellschaft, was allerdings auch keine Klarheit schafft.Auch die beiden deutschen Buchgroßhändler, Hauptlieferanten der Buchhandlungen, mischen im Internet mit: Mit "buchkatalog.de" hat der Grossistenverbund KNO/KV (Koch,Neff & Oetinger/Koehler & Volckmar) ebenso wie Lingenbrink mit "libri.de" seinen Datenbestand ins Netz gestellt.Ausgeliefert werden Bestellungen allerdings über den bestehenden Sortimentsbuchhandel, da die Grossisten auf Einzelbestellungen nicht eingerichtet sind und ihren Kunden nicht online Konkurrenz machen wollen.Die kommt von der Verlagsseite: Bertelsmann launchte mit "BOL.de"Anfang Februar seine virtuelle Einkaufsmeile und startete vor wenigen Tagen in Großbritannien.Dabei verbündete man sich mit dem Online-Service der amerikanischen Buchladenkette "Barnes & Noble" und vertritt diese in Europa.Für Deutschland allerdings greift bol.de auf den Datenbestand von "buchkatalog.de" zurück, wie übrigens auch "amazon.de", denn die Großhändler haben den am besten gepflegten Katalog.Welcher Online-Buchladen denn nun der richtige ist, wird auch für den geübten Internet-Surfer nicht auf Anhieb ersichtlich.

Für einen Praxistest besuchte der Tagesspiegel Interaktiv deshalb die Angebote von amazon.de , BOL.de , buch.de , buecher.de und lob.de , das Online-Angebot der Buchhandlung J.F.Lehmanns, buchkatalog.de und libri.de .Schon die Suche nach einem Buchtitel zeigte ein erstaunlich unterschiedliches Bild: Fahndet man nach einem Autor, von dem man nur den Anfangsbuchstaben "A" weiß, so erhält man bei "bol.de" 3997 Treffer.Bei "buchkatalog.de" selbst sind es hingegen 11530 Treffer.Unter den ersten Titeln, die dabei angezeigt werden, befindet sich die Lebensgeschichte der Autorin Sonay A.mit dem Titel "Hier will ich leben".Während "buchkatalog.de" und "libri.de" das Buch abbilden und darauf hinweisen, daß dieses Werk unter Mitarbeit eines weiteren Autoren verfaßt wurde, fehlen diese Angabe und das Titelfoto bei bol.de - der Co-Autor selbst ist in der Datenbank nicht auffindbar.Bei ganzen Namen wie etwa "Müller" erhält man bei amazon.de 3218 Treffer, bei "bol.de" hingegen 2169 Anzeigen.Erstaunlich, verwenden beide doch die Daten von "buchkatalog.de".Auf dieser Homepage finden sich 3046 Treffer.Die Webseiten des Buchhändlers Libri waren während des Testzeitraums mehrere Tage offline und konnten folglich nicht für die Recherche herhalten.Lehmanns "lob.de" fand 2940 Titel und "buch.de" sogar 6919 Titel."Buecher.de" zeigt maximal 1000 Titel an, auch wenn mehr vorhanden sind.

Die Auftragsabwicklung geschah bei allen Angeboten problemlos.Nach drei bis fünf Tagen war das Buch da - bezahlt wurde per Nachnahme, Einzugsermächtigung oder per Kreditkarte.

Lehmanns bietet zwar als einziger Lieferung auf Rechnung, wenn man mit zertifizierter E-Mail bestellt - fraglich ist, ob die Kundschaft den Aufwand mitmacht.Als Versandform hat sich die portofreie Lieferung durchgesetzt.Wer bei Lieferung nicht zu Hause ist, muß sich selber auf den Weg zum Postamt machen.

Dennoch gehen immer weniger zum Buchladen an die Ecke und nehmen ihr Buch gleich mit oder lassen es sich über die Grossisten zum nächsten Tag bestellen.Der Berliner Sortimentbuchhandel verzeichnete im abgelaufenen Geschäftsjahr einen Umsatzrückgang von fast zwei Prozent.Bei der Hälfte aller Buchhändler sank die Kundenzahl und auch der Umsatz pro Kunde.Dennoch sieht Richard Freiherr von Rheinbaben, Vorstand von "buecher.de" und Branchensprecher für den Online-Sektor im Börsenverein, die Internet-Buchhandlungen nicht als Konkurrenz für angestammte Buchläden: "Die Online-Kunden bestellen zwischen 20 und 24 Uhr.Welche Buchhandlung hat da noch auf?" Dort erzielt er rund die Hälfte seines Umsatzes."Wir haben keine Impulskäufer, sondern Leute, die wissen, was sie wollen und gezielt danach suchen." Dennoch hilft dem Sortimentsbuchhandel meist nur noch die Spezialisierung auf besondere Themengebiete.So sagt Lutz Nolte von der kleinen Berliner Buchhandlung "Kommedia" ganz offen: "Ohne mein auf Kommunikation, Medien und Film ausgerichtetes Angebot wäre ich längst pleite".Doch er verschließt sich nicht dem Zug der Zeit und hat sich schon eine Domain mit dem Namen seiner Buchhandlung gesichert.

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