Zeitung Heute : Was tun gegen lautes Liebesleben?

Elisabeth Binder

Immer wieder sonntags fragen Sie

In unserem hellhörigen Altbau gibt es ein Paar, das ein äußerst geräuschvolles Liebesleben pflegt und das meist mitten in der Nacht. Kürzlich sprachen Nachbarn darüber, wie man die Nachbarin, eine Mittdreißigerin, darauf aufmerksam macht, dass sie anderen den Schlaf raubt. Wäre ein anonymer Zettel in Ordnung?

Christian, gestört

Klar, das ist ein heikles Thema, das durchaus in eine unangenehme Situation münden kann. Deshalb würde ich die Nachbarin zunächst nicht unbedingt direkt ansprechen. Ich finde es aber richtig, sie darauf aufmerksam zu machen, dass sie gehört wird. Kann sein, dass ihr das im ersten Moment unangenehm ist, aber im zweiten wird sie erkennen, dass das Wissen sie vor weiteren Peinlichkeiten bewahrt. Wahrscheinlich ist ihr einfach nicht klar, dass sie von anderen gehört wird. Anonyme Zettel lehne ich aus grundsätzlichen Erwägungen ab. Die machen es eher noch peinlicher, werden in der Regel und, wie ich finde, auch zu Recht, nicht ganz ernst genommen. Aber ein kleiner Brief wäre wahrscheinlich die beste Lösung. Halten Sie ihn möglichst neutral. Schreiben Sie, dass die nächtliche Geräuschkulisse in ihrer Wohnung sich doch sehr störend auf den eigenen Nachtschlaf auswirke. Und bitten Sie die Nachbarin höflich, doch mal darüber nachzudenken, wie sie ihre Nächte etwas leiser und also allgemeinverträglicher gestalten könnte.

Am besten ist es, ein einzelner Nachbar wagt den ersten Vorstoß, dann sieht es nicht nach Kampagne und Klatsch aus. Tut sich nichts, kann der nächste noch einen weiteren Brief schreiben. Nützt das alles nichts, wird man die Frau am Ende wohl doch mal direkt mit der Lautstärke ihres Liebeslebens konfrontieren müssen. Schamgrenzen sind individuell sehr unterschiedlich. Manchmal traut man sich nicht, einen anderen Menschen auf etwas anzusprechen, das man selber peinlich findet. Und am Ende muss man erkennen, dass das Gegenüber auch noch stolz darauf ist.

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