Zeitung Heute : Was uns glücklich macht

Willkommen im virtuellen Labor: Online-Psychotests unter den Augen der Wissenschaft

Heike Zappe

Wie gut sind Ihre Beziehungen? Was macht Sie glücklich? Was sind Ihre Sehnsüchte? – Wer auf diese Fragen eine persönliche, wissenschaftlich fundierte Antwort erhalten möchte, ist beim Internetportal „Psytests“ an der richtigen Adresse. Das schnell wachsende, deutschsprachige Forscherportal an der Humboldt-Universität führt seit zwei Jahren Online-Umfragen und Experimente durch. Weit über vierzigtausend Teilnehmer kann es inzwischen verzeichnen.

„Ein wissenschaftliches Angebot, mehr über sich zu erfahren“, nennt es Lars Penke, Persönlichkeitspsychologe und einer der drei wissenschaftlichen Betreuer des virtuellen Labors. Einstellungen zu Sexualität und Partnerschaft lassen sich auch auf unbewusster Ebene messen, ergab eine kürzlich veröffentlichte Online-Untersuchung zu diesem Thema.

Diese und andere Studien zeigten, dass insbesondere Männer sich leicht irren, wenn sie zu wissen glauben, wie sie ihre Partnerinnen auswählen. Die gesammelten Ergebnisse fließen auch in so genannte Quickdating-Veranstaltungen ein, die für Singles im Sommer angeboten werden (siehe Kasten).

Sieben Studien laufen derzeit auf der Plattform, Jeder und Jede kann sich daran beteiligen. Die Themen sind populär und zugleich unmittelbarer Untersuchungsgegenstand der psychologischen Forschung. So sind die „Big Five“ ein Dauerthema in der Persönlichkeitspsychologie – die fünf Dimensionen, die den Großteil unserer individuellen Persönlichkeitseigenschaften ausmachen: Offenheit für Erfahrungen, emotionale Stabilität, Extrovertiertheit, Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit. Das mit einem Online-Test via „Psytests“ ermittelte Persönlichkeitsprofil gibt auf Basis der subjektiven Sichtweise der eigenen Person Auskunft darüber, wie sehr man im Vergleich zu anderen Menschen zu bestimmten Reaktionen und Verhaltensweisen neigt.

An der Studie beteiligen sich Leute, die gern etwas über sich erfahren wollen, das nicht ganz trivial ist. „Ob ich mich schüchtern finde, weiß ich, aber eine umfassende Persönlichkeitsanalyse geht über diese Feststellung hinaus“, sagt Lars Penke. Über das Medium Internet könne eine solche Befragung einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. „Wir erreichen viele Leute und sind dadurch in der Lage, solidere Ergebnisse zu produzieren“, erklärt der Psychologe. Die Tests sind schnell erreichbar, anonym und werden zumeist unmittelbar ausgewertet. Gerade die Anonymität mache einen Vorteil der Onlinebefragung aus, sagt Penke. So überlegen anonym Befragte bei Themen, die Partnerschaft und Sexualität behandeln, weniger, ob sie sozial erwünscht antworten.

„Wir haben Teilnehmer aus allen Bevölkerungsschichten“, sagt Penke. Dennoch sind bestimmte Themen für bestimmte Zielgruppen interessanter: „Was macht Sie glücklich?“ ist eine Tagebuchstudie, die von den Interessierten täglich ausgefüllt wird. Hier erfährt der Teilnehmer, welche Alltagseinflüsse auf die eigene Stimmung wirken. An dieser Studie beteiligen sich im Vergleich zu den anderen viele junge Frauen. Es zeigte sich jedoch für beide Geschlechter: Wer soziale Kontakte pflegt, seinen alltäglichen Trott gezielt verändert und dabei erfolgreich ist, auf seine persönlichen Ziele konsequent hinzuarbeiten, wird mit Glücksgefühlen belohnt. Spannender ist jedoch die Frage, wie sich Menschen darin unterscheiden, was sie glücklich macht. Um sie beantworten zu können, würden sich die Psytests-Betreiber besonders über die Beteiligung interessierter Männer freuen.

Der Erforschung von unbewussten oder nur schwer zu kontrollierenden Gedanken und Gefühlen widmet sich ein weiteres virtuelles Labor: „Project Implicit“. Seinen Hauptsitz hat es an der Harvard University, betreut werden die deutschen Internetseiten von Konrad Schnabel, Psychologe an der HU. „Seit Menschengedenken besteht ein Interesse daran, Unbewusstes bewusst zu machen“, sagt Schnabel. Der „implizite Assoziationstest“, der jetzt auch in Deutschland durchgeführt werden kann, soll Interessierten die Möglichkeit geben, ein neues Bewusstsein von eigenen, möglicherweise unbewussten Bevorzugungen und Überzeugungen zu bekommen.

Aus eigener Erfahrung weiß man, dass Menschen nicht immer offen sagen, was sie denken. Es gibt den Wunsch etwas zu verbergen oder sich anders zu präsentieren. Gleichzeitig nimmt man an, dass Menschen nicht immer wissen, was sie denken oder was in ihnen vor sich geht. „Diese automatischen Anteile der menschlichen Informationsverarbeitung interessieren uns“, sagt Schnabel. Es geht darum, Verhalten und Erleben zu erforschen und vorherzusagen. Und auch die eher unbewusst oder spontan ablaufenden Anteile sollen gemessen werden.

In sechs Tests, die in jedem der beteiligten Länder gleichermaßen durchgeführt und ausgewertet werden – zu Alter, ethnischer Zugehörigkeit, Gewicht, Geschlecht, Ländern und Sexualität – kann man seine „impliziten Einstellungen“ ermitteln. Die Besonderheit ist, dass beispielsweise im „Geschlechts-Test“ nicht explizit gefragt wird: „Wie sehr verbinden Sie Frauen und Naturwissenschaften?“. „Vielmehr wird erfasst“, so Konrad Schnabel, „wie schnell die Konzepte ‚Frauen’ und ,Naturwissenschaften’ kombiniert werden können.“

Auch bei diesem Assoziations-Test greift das „ethische Prinzip“ der Psychologen: Die Teilnehmer erhalten eine qualifizierte Rückmeldung. Zeigt sich in der Auswertung eine automatische Bevorzugung von Dünnen gegenüber Dicken, von jungen gegenüber alten Menschen oder Weißen gegenüber Schwarzen auf, „drücken wir dem Teilnehmer kein Etikett auf, sondern wir zeigen Tendenzen und Zusammenhänge“, versichert der Forscher.

Die Portale im Internet:

www.psytests.de/

https://implicit.harvard.edu/implicit/germany/

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