Zeitung Heute : Was vergraben bleibt

Eine intelligente Frau, eine gute Mutter. Trotzdem verscharrte Sabine H. neun tote Babys. Warum? Heute wird das Urteil gesprochen

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Ihr Lieblingsplatz war draußen auf dem Balkon. „Die Blumen und Pflanzen waren ihre Welt“, sagen Nachbarn und Verwandte: „Da hatte die Bini Geschick für.“ Einmal – es muss so Mitte der 90er Jahre gewesen sein – hat Sabine H. ihrer Mutter voller Stolz ihr „Tränendes Herz“ gezeigt: „Das blüht hier viel schöner als bei dir, oder?“, fragte sie.

Mit dem Tränenden Herz wird ihre Mutter bis heute nicht fertig. Die Frühlingsstaude wuchs auf einigen der zu Pflanz- und Blumenkübeln umfunktionierten Gefäße, in denen die Leichen von neun Babys lagen. Neun ihrer Enkelkinder – beerdigt in Malereimern, zwei Aquarien und einer roten Babybadewanne.

Die Gefäße kamen später von Sabine H.s Wohnung in Frankfurt (Oder) auf das Grundstück ihrer Mutter im zehn Kilometer entfernten Brieskow-Finkenheerd. Immer wieder versprach Sabine H., die Gefäße abzuholen, irgendwann verlor ein Neffe die Geduld. Er wollte eine Garage bauen, kippte das erste Aquarium aus und wunderte sich über die seltsamen kleinen Knochen.

Der Rest ist bekannt: Insgesamt neun Babyleichen finden Polizeibeamte am 31. Juli des vergangenen Jahres auf dem Grundstück. Nach anfänglichem Leugnen gibt die damals 39-jährige Sabine H. zu, zwischen 1988 und 1998 neun Kinder geboren zu haben und für ihren Tod verantwortlich zu sein.

Ein beispielloser Fall. Nicht nur in Brandenburg reagieren die Menschen entsetzt und ungläubig. Politiker suchen nach Erklärungen. Drei Tage nach dem grausigen Fund macht der brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm die „von der SED erzwungene Proletarisierung der ländlich strukturierten Räume Ostdeutschlands“ als „eine der wesentlichen Ursachen für die Verwahrlosung und Gleichgültigkeit“ aus. Dieser Satz kostet die CDU bei der Bundestagswahl sieben Wochen später vermutlich reichlich Stimmen in den neuen Ländern und löst eine Ost-West-Debatte aus, die sich immer weiter vom Fall der Sabine H. entfernt.

Die schweigt inzwischen auf Anraten ihres Verteidigers, und die Ermittler stehen vor vielen Fragen. Am einfachsten ist noch jene zu beantworten, wie es möglich sein kann, dass Verwandte, Freunde und ein Ehemann, der wöchentlich Sex mit seiner Frau hat, neun Schwangerschaften nicht bemerken? Kriminalwissenschaftler kennen und beschreiben das Phänomen seit Jahrhunderten: Eine Frau kann sich ein Kind aus dem Bauch herausreden. Zumindest zeitweilig. Bei ungewollten Schwangerschaften täuschen werdende Mütter nicht nur ihre Umwelt, sondern auch sich selbst – so perfekt, dass sogar der Körper mitspielt: Die Regel bleibt nicht aus, der Bauch wächst nur wenig. Das reicht bis in die Geburt hinein: Einsetzende Wehen werden als Bauchkrämpfe abgetan, und erst, wenn das kleine Wesen plötzlich da ist, endet die Selbsttäuschung abrupt und verwandelt sich oft in Panik. Die kostet auch im Zeitalter der Babyklappen viele Neugeborene das Leben.

Aber was ist mit den anderen Ungereimtheiten im Fall Sabine H.? Kann eine Frau, die sich angeblich bei Einsetzen der Wehen betrinkt, neun Geburten allein bewältigen? Und jedes Mal die Spuren so gründlich beseitigen, dass niemand etwas mitbekommt? Sterben ausgereifte Neugeborene innerhalb weniger Stunden durch „Liegenlassen“? Ohne einen Schrei von sich zu geben? Und warum hat Sabine H. die Pflanzgefäße nicht vom Grundstück in Finkenheerd abgeholt? Sie musste doch damit rechnen, dass der schreckliche Inhalt irgendwann entdeckt wird.

Der heute am Landgericht von Frankfurt (Oder) zu Ende gehende Prozess hat keine dieser Fragen beantworten können. Und auch nach elf Verhandlungstagen, sechs Dutzend Zeugen und Gutachtern ist völlig unklar, wie es zu den neun toten Babys kommen konnte. Keines der gängigen Erklärungsmuster – schon gar nicht das von der Zwangsproletarisierung – greift in diesem Fall: Sabine H. wuchs nicht in einer „entwurzelten proletarisierten“ Umgebung auf, sondern in einer Großfamilie, die sich als christlich verstand. Ihr Vater war Kirchenältester und hatte wenig mit der DDR und dem Sozialismus am Hut.

Sie ist auch keine „Monstermutter“, wie die Boulevardpresse schrieb. Ihre drei großen Kinder und auch die 2003 geborene Elisabeth hat Sabine H. liebevoll umsorgt. Ehemalige Klassenkameraden der drei älteren Kinder sagten vor Gericht aus, sie seien manchmal richtig neidisch gewesen, „weil Stefanie, Dan und Ivo so eine tolle Mutter hatten“. Zwar verlor der Ex-Ehemann Oliver H. nach der Wende seine Arbeit beim Ministerium für Staatssicherheit, fand danach aber immer wieder Jobs, die Familie litt keine materielle Not, man fuhr jedes Jahr in den Urlaub.

Sabine H. ist weder psychisch krank noch dumm, sondern überdurchschnittlich intelligent. Dass sie 1988 zu trinken begann, war offenbar eine Folge ihrer verheimlichten vierten Schwangerschaft – der ersten von neun, die für die Neugeborenen tödlich endeten. Und der Absturz ins Trinkermilieu kam erst, nachdem sich ihr Ehemann 2001 von ihr trennte. Da waren die Babys aber längst tot. Was also ist schief gelaufen in diesem Leben?

Der vom Gericht bestellte psychiatrische Gutachter Matthias Lammel hat versucht, es herauszufinden. Sabine H. hat ihm – abgesehen von den angeklagten Taten– bereitwillig Auskunft gegeben: Dass sie als Jüngste viel Liebe erhielt, die Großfamilie aber auch oft als beengend empfand. So habe es sie gestört, dass kein Unterschied gemacht wurde zwischen den Kindern, Enkeln, Nichten und Neffen. „Hauptsache, alle saßen an einem Tisch, Hauptsache, die Familie war und hielt zusammen.“ Außerdem mochte sie die DDR-Schule, die von den Eltern misstrauisch beäugt wurde. Sie hatte nur Einsen, lernte gern, war bei den Pionieren und in der FDJ und nach der Schule im Literaturzirkel und zahlreichen Sportklubs.

Mit ihrem Intelligenzquotienten von 120 hätte sie problemlos das Abitur machen können. Aber sie hatte das Gefühl, dass der Vater das nicht wollte. Also ließ sie es bleiben, bereute es aber später, weil sie die gewünschte Lehrstelle als Fotolaborantin nicht erhielt. Lustlos absolvierte sie ihre Ausbildung zur Zahnarzthelferin – Oliver H. kam ihr da gerade recht. Sie war 17, er 19 – beide waren ein hübsches Paar, Oliver H. fast eine Schönheit.

Vier Monate nach der ersten Begegnung wird Sabine schwanger. Das Kind ist willkommen, auch weil man nun eine der in der DDR knapp bemessenen Wohnungen erhält. Und damit der Großfamilie in Brieskow-Finkenheerd entfliehen kann. Die betrachtet Oliver H. sowieso skeptisch. Schließlich ist der bei der Stasi und hält sich für etwas Besseres. Sabine H. freut sich auf die Großstadt Frankfurt, auf Kinobesuche, Literatur- und Tanzabende.

Drei Jahre später hat sie drei Kinder, wohnt in einem „Stasi-Haus“, wo nur hauptamtliche Mitarbeiter leben und keiner dem anderen über den Weg traut. Von Kino, Literatur und Tanz kann sie nur träumen. Sie findet das nicht so schlimm, weil sie in ihrer Mutterrolle aufgeht. Nur dass ihr Mann Oliver kaum noch mit ihr spricht und allabendlich wortlos vor dem Fernseher sitzt, macht sie traurig. Aber beschweren sei sinnlos gewesen, sagt sie später: Eine offene Auseinandersetzung scheut sie. „Als Nesthäkchen war sie gewohnt, dass man auf sie zukommt“, meint der Gutachter: „Also zog sie sich zurück wie ein trotziges, bockiges Kind.“ Durch den schnellen Wechsel vom Teenager zur dreifachen Mutter fehle ihr jene Phase, in der Menschen sich ausprobieren und lernen, dass es Alternativen im Handeln gibt. Bis heute habe sie dieses „Reifedefizit“ nicht aufgeholt.

Im Prozess wird das einige Male deutlich. So versteckt Sabine H. keineswegs ihr Gesicht. Die Bilder, die nach ihrer Verhaftung durch die Medien gingen, seien unvorteilhaft gewesen, sagt sie. Also frisiert und schminkt sie sich an jedem Prozesstag sorgfältig. Auch dass ihr einige der Männer, die sie nach der Trennung von Oliver kennen lernte, noch im Gerichtssaal Liebeserklärungen machen, genießt sie. Obwohl sie die augenscheinlich dem Trinkermilieu entstammenden Herren leicht angewidert betrachtet – wie Insekten.

Selbst zu entscheiden, sagt der Gutachter, hat Sabine H. nicht gelernt. Sie lässt die Dinge lieber geschehen. Das gilt auch für die Familienplanung. Oliver H. ist schon das dritte Kind zu viel, sie findet auch ein viertes nicht schlimm. Vielleicht lügt sie ihn deshalb an, sagt, dass sie die Pille nimmt. Und erschrickt, als sie bemerkt, dass sie wieder schwanger ist. Sie traut sich nicht, es ihm zu sagen, hofft, dass er es irgendwann bemerkt. Ob er ihren Zustand tatsächlich nicht wahrnimmt oder einfach nicht wahrnehmen will, bleibt offen. Als eines Nachts die Geburt losgeht, hat sie zwei Möglichkeiten, sagt der Psychiater: „Sie musste ihm das Kind auf den Frühstückstisch legen oder es aus der Welt schaffen.“ Sie entscheidet sich für Letzteres, betäubt sich dabei und danach mit Alkohol.

Dieser ersten inzwischen verjährten Tat kommt eine Schlüsselstellung zu. Sabine H. befürchtet, ein Arzt könne feststellen, dass sie nicht drei, sondern vier Kinder geboren hat. Ein Irrtum mit Folgen. Sie kann sich nach ihrer Denkart nun weder Pille noch Spirale verschreiben lassen und auch keine Abtreibung vornehmen, als sie drei Jahre später wieder schwanger wird. Aber warum sollte das, was einmal geklappt hat, nicht wieder funktionieren? „Fast alles verliert seinen Schrecken durch Wiederholung“, sagt der Psychiater. An die Geburt von 1992 kann sich Sabine H. noch erinnern, an die nächsten sieben angeblich nicht. Das schlechte Gewissen lässt sie immer öfter zur Flasche greifen. Und die Angst vor der nächsten Geburt. Den verhängnisvollen Kreislauf zu durchbrechen schafft Sabine H. nicht – aus Furcht, die geliebten lebenden Kinder zu verlieren.

Im Prozess wirkte Sabine H. manchmal so, als schaue sie wie eine Außenstehende auf das Leben, das sie vorher geführt hat. Andererseits hat sie vieles selbst inszeniert – mit einem nicht zu verkennenden Hang zum Melodramatischen: die Sache mit dem Tränenden Herz beispielsweise. Oder ihre Aussage bei der Polizei, sie habe sich gefreut, dass sie ihre toten Kinder um sich hatte, wenn sie auf dem Balkon saß. Und manchmal habe sie gedacht, diese toten Kinder könnten jetzt auch auf ihrem Schoß sitzen. Einem Ex-Freund hat sie gesagt: „Verlieb dich nicht in mich! Da hängt was dran, mit dem du nicht fertig wirst.“

Authentisch wirkte sie nur, als ihre Kinder, die jetzt zwischen 18 und 20 Jahre alt sind, vor Gericht erschienen. Da war sie ganz bei sich, bei ihrer Liebe zu ihnen und beim ehrlich wirkenden Schmerz darüber, dass sie ihnen das angetan hat. Auch als ihr Ex-Ehemann den Saal betrat, konnte sie ihre Gefühle nicht verbergen. Die offensichtlich noch vorhandene Verbindung zwischen den beiden verstärkte bei vielen Prozessbeobachtern die Zweifel an der Alleintäterschaft: Hat Oliver H. doch mehr gewusst oder gar getan? Schützt ihn die Angeklagte, weil sie ihn noch immer liebt?

Nur die Kripobeamten, die Oliver H. zuerst vernommen haben, glauben nicht, dass er von den toten Babys draußen auf dem Balkon wusste. Als sie ihn bei der ersten Vernehmung damit konfrontierten, sagte er fassungslos: „Ich habe doch immer Schnittlauch gegessen, den Sabine dort angepflanzt hat.“ Dann hat er sich übergeben müssen.

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