Zeitung Heute : Was wagen

VW verhandelt über Löhne und Arbeitsplätze – auf dem Spiel steht die Zukunft der westdeutschen Werke

Alfons Frese

Peter Hartz ist ein Meister der Inszenierung. Deshalb tragen die Arbeitsmarktreformen der Regierung seinen Namen, deshalb überraschte er im vergangenen Mai die VW-Belegschaft mit dem „Projekt 176544“ – das ist die Zahl der Personen, die der VW-Konzern Ende 2003 in Deutschland beschäftigte. Und deren Arbeitsplätze wolle er langfristig retten, versprach Personalvorstand Hartz seinen Leuten und eröffnete damit die Tarifrunde 2004. An diesem Mittwoch ist das Vorgeplänkel beendet, wenn in Hannover die IG Metall und die VW-Personalführung die Verhandlungen beginnen. Bis ein Ergebnis gefunden ist, wird es wohl November werden. Denn nicht nur die Arbeitnehmer wollen mehr Geld, wie das so üblich ist in Tarifrunden. Diesmal fordert Hartz eine „Richtungsentscheidung“ und meint damit Einsparungen bei den Arbeitskosten um 30 Prozent bis 2011. Das macht ab dann immerhin zwei Milliarden Euro jährlich aus.

Die IG Metall will vier Prozent mehr Geld und eine Arbeitsplatzgarantie für die 103000 Mitarbeiter in den sechs westdeutschen VW-Werken; nur um die geht es in dieser Haustarifrunde, denn die VWler in Ostdeutschland und die Beschäftigten der Konzerntochter Audi werden nach Flächentarif bezahlt. Doch die Forderung der IG Metall passt nicht gut zusammen mit der Position von VW auf einem schwierigen Markt. Nach Angaben des Unternehmens – die von der Gewerkschaft nicht in Frage gestellt werden – liegen die Arbeitskosten bei VW um elf Prozent über denen der deutschen Wettbewerber. Gleichzeitig kämpft VW mit Absatzproblemen. Der Verkauf des neuen Golf kam erst mit einer kostenlosen Klimaanlage als Draufgabe in Schwung. Der Passat läuft aus und wird im nächsten Jahr erneuert, das Oberklasseauto Phaeton verkauft sich immer noch schlecht. Gut eingeschlagen sind dagegen der Geländewagen Touareg und der Minivan Touran. Ohne diese Modelle würde VW in diesem Jahr kaum Gewinn machen.

Überhaupt der Touran. Das Auto wird im Rahmen des Arbeitsmodells Auto 5000 produziert, das vor drei Jahren Wirbel machte: VW stellt 5000 Arbeitslose zu einem Einheitslohn von 5000 Mark ein; allerdings zu Arbeitskosten, die um rund ein Fünftel unter dem Haustarif von VW liegen. Unter anderem deshalb, weil die Beschäftigten die Hälfte der Qualifizierungszeiten nicht bezahlt bekommen und es weniger Zuschläge für Mehrarbeit gibt. Der damalige IG-Metall-Chef Klaus Zwickel ahnte: „Es wäre naiv zu glauben, VW würde nicht in Zukunft alle weiteren Modelle nicht nach diesem Konzept produzieren.“ Genau das ist das Ziel in den aktuellen Verhandlungen: Der VW-Haustarif, der um 20 Prozent über dem Flächentarif liegt, soll bis 2011 in Richtung des Auto-5000-Niveaus gesenkt werden.

Das Ziel will Hartz mit einem Sieben-Punkte-Programm erreichen. Dazu gehören weniger Geld für neu Eingestellte, weniger Zuschläge und Mehrarbeit ohne Mehrbezahlung. Den letzten Punkt nennt Hartz „Co-Investment für Beschäftigungssicherung“. Auf deutsch: Wenn eine Investitionsentscheidung ansteht und sich mehrere Konzernstandorte bewerben, dann sollten die Belegschaften die Möglichkeit haben, mit längerer Arbeitszeit den Zuschlag zu bekommen. Zum Beispiel für den neuen, kleinen Geländewagen. Dieses Auto könnte am Heimatstandort Wolfsburg oder im Touareg-Werk in Bratislava gebaut werden. Und es ist kein Zufall, dass die Standortentscheidung für das neue Auto in diesem Herbst mit den Tarifverhandlungen zusammenfällt. Hartz ist eben ein Fuchs.

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