Zeitung Heute : Was wollten sie am Ende der Welt?

Ihr Ziel war Kap Hoorn, wo tausende Seeleute ihr Leben ließen. Klaus Nölter und Johanna Michaelis segelten zusammen um den Globus. Aber von diesem Törn zum orkanumtosten, äußersten Zipfel Südamerikas sind sie nie mehr zurückgekehrt.

Kai Müller

Am Freitag, dem 13. Dezember 2002, um sechs Uhr früh druckt das Faxgerät der Seenotzentrale Bremen zwei Zahlenreihen aus: Eine Code-Nummer und eine Position – 55 Grad 43 Minuten Süd, 073 Grad 42 Minuten West. Das Signal kommt von einer Boje, die 215 Meilen westlich von Kap Hoorn in einem aufgewühlten Meer treibt. Sie gehört der deutschen Yacht „Ole Hoop“.

Zur selben Zeit quält sich Jürgen Timm aus seinem Bett in Mellendorf, Schleswig-Holstein. Er ist Sportflieger und Segler, aber seine Firma lässt ihm kaum Zeit dafür. Also hat er sich aufs Amateurfunken verlegt – um sich wenigstens eine Illusion von Ferne zu erhalten. Auch an diesem Morgen will er Fahrtensegler im Südpazifik mit den neuesten Wetterdaten versorgen. Seit drei Wochen ist er im Funkkontakt mit einem Hamburger Paar, das Kap Hoorn ansteuert. Noch bevor er sich an seine UKW-Anlage setzt, klingelt das Telefon. Irgendwas muss passiert sein, sagt ein Freund, bei dem sich die Bremer Seenotzentrale Minuten vorher nach der „Ole Hoop“ erkundigt hat. „Da ahnten wir schon, dass sie nicht da sein würde“, erinnert sich Timm. Er habe noch versucht, auf der üblichen Frequenz Kontakt aufzunehmen. Aber er bekam keine Antwort. Von Klaus Nölter und Johanna Michaelis, die einmal in ihrem Leben das berüchtigte Kap Hoorn umrunden wollten, fehlt seither jede Spur.

Kap Hoorn – noch immer ist dieser Ort ein magisches Ziel. Als die Holländer Schouten und Le Maire dem hoch aufragenden Felsen 1616 seinen Namen gaben, war er auf den Karten als finis terre verzeichnet – das Ende der Welt. 300 Tage im Jahr herrschen Nebel, Schneestürme oder Orkane mit bis zu 200 Stundenkilometern. Sie schieben eine Dünung vor sich her, die einmal um den Globus wandert, ohne von einer Küste gebrochen zu werden. Erst am Kap Hoorn, wo zwei Ozeane aufeinander prallen, löst sich der Seegang im Chaos auf. An 10 000 ertrunkene Seeleute und mehr als 800 gesunkene Schiffe erinnert kein Grabstein.

Es gibt nicht viele Segler, die bessere Voraussetzungen mitbringen, Kap Hoorn und seine Stürme zu überstehen: Nölter ist 57, seine Lebensgefährtin ein Jahr jünger, und sie segeln seit über 30 Jahren. Für sie war das Massengrab der Seefahrt ihr Everest. „Je länger man dabei ist“, sagt Jürgen Timm, der Funker, „desto stärker wird der Wunsch, einmal um das Kap zu segeln“. Wem es gelingt, der lässt sich das vom Leuchtturmwärter mit einer Urkunde bestätigen. „Man ist dann Cap Hornier und darf einen Ring im linken Ohr tragen“ – als hätte ihn der Teufel selbst durchgesteckt, scherzt Timm. Tatsächlich gibt es eine Bruderschaft der „Cap Horniers“. Doch „Yachties“ sind in diesem Zirkel verpönt. Seit der Orden 1936 im französischen St. Malo gegründet wurde, sind nur solche Fahrensmänner aufgenommen worden, die das Kap auf Frachtseglern ohne Hilfsmotor passiert haben. Ende Mai kommen die im Durchschnitt 87-jährigen Herren ein letztes Mal in der bretonischen Hafenstadt zusammen.

Auch Nölter und Michaelis sind fasziniert von der Legende von Kap Hoorn. Von Jugend an sind der gebürtige Rendsburger und die Hamburgerin mit Segelbooten vertraut. Mit 17 machen sie, ohne voneinander zu wissen, Ostsee-Törns in offenen Kutter-Booten, die weder Motor noch Kajüte haben. Sie lesen die Abenteuerromane von Hermann Melville und Daniel Defoe. Während Johanna Michaelis Reisen auf gaffelgetakelten Traditionsseglern macht, zieht Klaus Nölter als Student nach Westberlin und wird Jollensegler auf dem Wannsee. 1987 lernen sie sich kennen – auf einem Segelschiff. Sie wollen straffällig gewordenen Jugendlichen an Bord beibringen, für sich und andere Verantwortung zu übernehmen. Aber vor allem verlieben sie sich. Nach einem Sturm vor Teneriffa weiß Nölter, dass er die Frau seines Lebens gefunden hat: „Ich kann mich in jeder Lage auf Johanna verlassen und mit ihr auch die Weltmeere bezwingen“, bekennt er später.

Wir haben geheult und geflucht

Ihre erste Weltumsegelung machen sie 1991 mit der eigens dafür erworbenen „Ole Hoop“. Klaus Nölter, Politologe und Journalist, schreibt ein Buch über diese Reise mit dem Titel „Der erfüllbare Traum“. Es verkauft sich sehr gut und findet besonders unter „Low Budget“-Seglern viele Nachahmer. Schon, als sie nach vier Jahren zurückkehren, ist klar: Sie wollen wieder los, das nächste Mal „rund Südamerika“.

Im Januar 2001 rückt der Kap Hoorn- Traum erstmals in greifbare Nähe. Sechs Monate zuvor haben sie Hamburg verlassen, um für weitere drei Jahre um den Globus zu streifen. Das Kap ist ihr „heiliger Gral“. Und so tasten sie sich über den Atlantik vorsichtig an das Horn heran. Doch dann versperrt ihnen zweimal Wetterpech das letzte Stückchen Weg. Der Wind wird binnen Minuten zum heulenden Sturm. Frustriert geben Nölter und Michaelis auf und drehen Richtung Beagle-Kanal ab, einer schmalen Wasserstraße, der Hintertür zum Pazifik. „Wir haben geheult und geflucht“, schreibt Johanna Michaelis nach Deutschland. Sie entscheiden sich schließlich, nach Neuseeland zu fahren.

Soll alles umsonst gewesen sein? Nach ihrer ersten Weltumsegelung hatten sie sich sechs Jahre lang in Hamburg auf den nächsten großen Törn vorbereitet und gelebt, „als müssten wir wieder mit BAFöG auskommen“, wie Klaus Nölter in der „Yacht“ zu Protokoll gab. Das kinderlose Paar hatte eine 48-Quadratmeter-Wohnung in einem Hochhaus in St. Pauli bezogen. „Wir glaubten zunächst, unser nur vorübergehend unterbrochenes Leben in Alltag und Beruf problemlos wieder aufnehmen zu können“, sagte er. „Äußerlich gelang dies auch. Doch vier Jahre selbstbestimmten Lebens hatten uns verändert.“ Während Johanna Michaelis als Lehrerin an einer Gesamtschule arbeitete und ihrer beider Lebensunterhalt sicherte, übersetzte Nölter Reisebücher und schrieb für Segelmagazine. Urlaub machten sie kaum, sparten jeden Pfennig.

Verständlich also, dass sie das Ziel all dieser Bemühungen nicht so schnell aufgeben wollten. Das Kap lässt sie nicht los, und obwohl sie schon bis nach Neuseeland gelangt sind, beschließen sie, wieder umzukehren. „Sie wollten es jetzt wissen“, sagt Jürgen Timm. Nicht mehr von Insel zu Insel durch das chilenische Archipel springen, sondern „die Sache in einem Rutsch durchziehen“. Und so hätten sie, als sie am 20. November 2002 von der Osterinsel aufbrechen, „richtig glücklich“ geklungen.

Je weiter die „Ole Hoop“ sich von den Tropen entfernt, desto kälter wird es. Das Schiff hat keine Heizung, bald sind sämtliche Klamotten feucht. Nölter und Michaelis tragen drei Lagen am Körper. Auch eine Rollreff-Anlage, mit der sich die Vorsegel vom sicheren Cockpit aus verkleinern lassen, fehlt an Bord. So muss der sportliche Nölter bei schwerem Wetter zum Bug kriechen, um die Segel zu wechseln. Am 4. Dezember 2002 kündigt Timm über Funk den ersten Sturm an. Die „Ole Hoop“ durchquert jetzt die Roaring Forties, die 40. Breitengrade, die so genannt werden, weil hier der Wind in der Takelage brüllt. Von nun an wird die elf Meter lange Yacht alle zwei Tage von Tiefdruckgebieten heimgesucht, „die in sich den Kern eines Hurrikans tragen“, wie der Hobby-Meteorologe erklärt.

Am 12. Dezember, einem Donnerstag, funken Timm und Nölter das letzte Mal miteinander. Noch 300 Meilen bis Kap Hoorn. Es ist zwei Uhr nachts, die Yacht wird von großen Wellen emporgehoben, die orange-farbene Sturmfock – sieben Quadratmeter – ist als einziges Segel gesetzt. Während die Windsteueranlage das Boot auf Kurs hält, haben sich die beiden ins Schiffsinnere verzogen. Am Vortag hätten sie ihr „Gesellenstück“ vollbracht, wie Johanna Michaelis stolz verkündet. Eine Kaltfront mit neun Windstärken ist über sie hinweggerauscht. Doch Timm hat schlechte Nachrichten. Für die kommende Nacht sagt er ein Sturmtief voraus, einen so genannten Roller, typisch für die Region. „Das sind kleine, sehr aktive Tiefs“, erklärt er, „die zwischen dem 40. und 50. Breitengrad nach Osten ziehen. Sie treffen auf die 4000 Meter hohen Anden, werden nach Südosten abgedrängt und drehen sich wie ein Rad um die Südspitze der Landmasse herum.“ Die Folge: Windböen mit 90 Stundenkilometern. Timm warnt seine Funkpartner vor elf bis zwölf Meter hohen, schäumenden Wellenbergen – das Doppelte von dem, was die erfahrenen Segler je erlebt haben.

Doch Nölter und Michaelis nehmen die Botschaft gelassen auf. Zur chilenischen Küste abzudrehen kommt für Nölter nicht in Frage. „Bei schwerem Wetter ist die offene See der sicherste Ort“, sagt er und weiß sich in Übereinstimmung mit den seemännischen Gepflogenheiten: Auf eine zerklüftete Küste zuzusteuern, würde die Gefahr nur erhöhen, Segelboote brauchen viel Platz, um sich bei Sturm einfach treiben zu lassen. So trösten sie sich damit, dass sie „nur eine harte Nacht überstehen müssen“.

Es ist kurz vor 11 Uhr am nächsten Morgen, als Captain Eric Buck auf dem amerikanischen Forschungsschiff „Melville“ um Hilfe gebeten wird. Die chilenische Küstenwache hat das Seenotsignal der „Ole Hoop“ mittlerweile auch aufgefangen und die „Melville“ ist eines von drei Schiffen in der Nähe. „Das Wetter war ziemlich scheußlich“, berichtet Buck. Erst am späten Nachmittag kommt sein 83-Meter-Schiff im Suchgebiet an. 16 Stunden nach dem Notruf.

Das wird unser Meisterstück

Sie seien „keine Abenteurer oder Zivilisationsflüchtlinge“ gewesen, die wegfahren und nicht wiederkommen wollten, beteuern Freunde. Alles Draufgängerische lag ihnen fern. Sie seien „auf eine Art besessen gewesen“, sagt einer, „aber überlegt und akribisch, wagemutig und doch kontrolliert“. In Tahiti beobachten Nachbarn, wie die beiden „ganz kompromisslos ihr tägliches Arbeitspensum am Boot absolvierten“. In der Traumkulisse von Südsee-Atollen denken sie schon an die antarktischen Stürme. Besonders das innige Verhältnis des Paares hat viele beeindruckt. Er – ein „spröder, eigenwilliger und schwieriger Charakter, der manchmal den Politologen in sich nicht verheimlichen konnte“, sie – „eine humorvolle, aufgeschlossene und warmherzige Frau“. Jürgen Timm vernahm am anderen Ende der Funkwellen stets eine „gleichbleibend fröhliche Stimmungslage, von der man nicht darauf schließen konnte, was wirklich an Bord los war“.

Das Schiff wurde von ihnen gleichberechtigt geführt. Auch in der Unglücksnacht des 12. Dezember dürften sie sich nach alter Gewohnheit alle zwei Stunden abgelöst haben. Wahrscheinlich standen sie also abwechselnd am Ruder, wenn sie nicht unter Deck auf besseres Wetter warteten. Die Seenotboje war ebenfalls dort befestigt. Um Mitternacht wurde sie über Bord geworfen.

17 Stunden später erreicht auch der Tanker „Stena Spirit“ die Unglücksstelle. Er ist voll beladen und kann kaum etwas tun. So können nur die „Melville“ und ein chilenischer Fisch-Trawler nach den Vermissten suchen. „Wir sahen die anderen nur einmal kurz auf einem Wellenkamm“, erzählt Buck. „Außerdem sprach die Mannschaft nur spanisch und ein paar Brocken Englisch, so dass wir sie nicht zu einer systematischen Suche bewegen konnten.“ Trotzdem sichtet ein Ausguck der „Melville“ um 20 Uhr 15 die gelbe Rettungsboje. Sie ist nicht gößer als eine Magnum-Flasche. Mehr ist von der „Ole Hoop“ nicht zu sehen.

Wussten Klaus Nölter und Johanna Michaelis, was auf sie zukam? Die Wellen waren so hoch, wie die „Ole Hoop“ lang war – gute elf Meter. Nach Modellversuchen, in denen die Stabilität von Yachten bei brechenden Seen getestet wurde, hätte sie schon einer kollabierenden Welle von sechs Metern nicht getrotzt. Das Boot stürzt dann kopfüber oder seitlich eine Wellenfront herunter, wird von tonnenschweren Wassermassen begraben und wie in der Waschmaschine um die eigene Achse gedreht. „Yachten, die diesen Trip machen, müssen sich sieben, acht mal überschlagen können, ohne unterzugehen“, sagt der Funker Jürgen Timm.

Wenn erst große Wassermengen in die Kajüte eingedrungen sind, sackt die Yacht in wenigen Minuten weg. Als die „Ole Hoop“ in Not geriet, herrschte eine Wassertemperatur von acht Grad. Das überlebt ein Schwimmer, auch wenn er mehrere Kleiderschichten übereinander trägt, höchstens sechs bis zehn Stunden. Diese Spanne verkürzt sich bei Sturm erheblich. Denn man kann sich im Wasser nicht ruhig verhalten, kühlt schnell aus und atmet ständig Gischt ein. Dann lagert sich das Salz in den Lungenbläschen ab, die automatisch versuchen, die Salzkonzentration aufzulösen. Aber nach etwa einer Stunde kommt es dennoch zu einem inneren Ertrinken.

Die letzten Worte, die Jürgen Timm in Mellendorf von der „Ole Hoop“ empfing, stammten von Johanna Michaelis. „Das wird dann unser Meisterstück“, hat sie gerufen.

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