Zeitung Heute : Wasser, halt!

Die Garten-Saison beginnt – und die Wasserpreise sind schon wieder gestiegen. Wie der Rasen trotzdem grün bleibt.

Sven Goldmann

Ein ganz normaler Sommertag beginnt mit dem Gartenschlauch. Till, der älteste der drei Söhne, setzt die Buddelkiste bis zum Rand unter Wasser. Es passt eine ganze Menge Wasser rein, weil Till den Sand großflächig über den Rasen verteilt hat. „Bitte, bitte, mach das nicht noch mal“, sagt Papa, nimmt den Schlauch und spritzt den Sand in die Büsche.

Felix und Jan, die beiden jüngeren Söhne, sind auch irgendwo im Garten. Es ist ruhig, und das ist kein gutes Zeichen. Die beiden sitzen in der Buddelkiste, von Kopf bis Fuß eingerieben mit der Pampe, die der große Bruder angerichtet hat. Jetzt sollen die Jungs unter den Gartenschlauch, aber sie springen lieber in das Planschbecken, das Till inzwischen mit dem Gartenschlauch gefüllt hat. Immerhin sind sie danach sauber, was man vom Wasser im Pool nicht sagen kann, und Till macht einen Aufstand, weil er jetzt baden will, aber in dieses dreckige Wasser geht er nicht rein, nein, auf gar keinen Fall.

Also muss Papa das Schlammwasser in die Büsche kippen und neues einlaufen lassen.

Zu diesem Zeitpunkt ist es gerade mal halb elf Uhr vormittags. Ja, es wird ziemlich viel Wasser verbraucht im Garten meiner Familie, und nicht nur bei uns. Berlin ist eine Stadt der Laubenpieper und Kleingartenbesitzer, und wer daran zweifelt, sollte mal am Wochenende einen Baumarkt besuchen. Stauden, Samen, Setzlinge türmen sich in den Einkaufswagen.

Nur das Wasser kommt nicht aus dem Baumarkt, sondern von den Berliner Wasserbetrieben. Der Monopolist hat zu Beginn dieses Jahres mal wieder die Preise erhöht, und seitdem ist das Geschrei groß bei den Endverbrauchern, die die Lieferungen der Wasserbetriebe gern reichlich in Anspruch nehmen. Vielen geht es dabei allerdings weniger um das Füllen von Buddelkisten und Säubern verschlammter Kinder, als um die Pflege von Rasen und Pflanzen.

In einer Umfrage der „BZ“ empfanden 96 Prozent aller Befragten die Wasserpreise als unangemessen hoch. Dass es sich hierbei um ein Berliner Politikum handelt, erkennt man schon mal daran, dass Friedbert Pflüger, der Spitzenkandidat der CDU für die Wahl zum Abgeordnetenhaus, sogleich die „völlig überzogenen Wasserpreise“ zum Thema seiner ersten Schattenregierungserklärung gemacht hat. Die Umfragewerte des Herrn Pflüger lassen allerdings nicht darauf schließen, dass die Wassertarife demnächst eine dramatische Änderung erfahren.

Die Gartenbesitzer müssen andere Wege gehen. Nahe liegend wäre natürlich, einfach mal ein bisschen Wasser zu sparen. Doch davon rät Carsten Trautmann dringend ab, und Trautmann muss es wissen. Als Diplomingenieur für Gartenbau ist er auf intelligente Lösungen im Freiluftbereich spezialisiert, und eines stellt er gleich mal klar: „Ein schöner, grüner Rasen braucht viel Wasser. Daran darf man im Garten nicht sparen.“ Sein erster Tipp: „Lieber einmal in der Woche richtig wässern als jeden Tag nur ein bisschen.“ Oft sei der Boden „visuell nass, aber das betrifft eben nur die Oberfläche“. Richtig wässern bedeutet: „Bohren Sie mit dem Finger ein fünf Zentimeter tiefes Loch. Nur wenn der Boden auch dort noch feucht ist, hat er genug Wasser bekommen.“

Ein handelsüblicher Gartenschlauch ist laut dem Spezialisten völlig ausreichend. Eine Sprinkleranlage, die für gleichmäßige Bewässerung sorgt, wäre natürlich noch viel besser. Und: Boden ist nicht gleich Boden, „Sand braucht mehr Wasser als Lehm“. Hilft eine Regentonne oder ein in den Boden eingelassenes Depot? „Kaum, die gespeicherte Menge ist nicht mehr als ein Tropfen auf den ausgedörrten Boden.“

Auch Carsten Trautmann hat einen Garten und zwei Kinder. Das Wasser fließt in Strömen, die Kinder haben ihren Spaß unter dem Rasensprenger, und das Planschbecken ist auch immer voll. Trautmann lässt sie machen, die Preise der Wasserbetriebe interessieren ihn nicht. Nicht mehr. Trautmann ist nämlich unter die Wasserversorger gegangen. Das macht auf den ersten Blick viel her und bedeutet doch nur, dass er in seinen Garten einen Brunnen bohren ließ. 13 Meter unter dem Rasen zapft er das Grundwasser an und verfügt damit rechtlich über den Status eines Wasserversorgers. Dieser Weg steht jedem Eigenheimbesitzer mit Garten frei. Er muss die Wasserbetriebe nur über den neuen Brunnen in Kenntnis setzen und darf das gewonnene Wasser nicht in den öffentlichen Kreislauf einspeisen. Knapp 1000 Euro hat Trautmann investiert, „jetzt kostet mich ein Kubikmeter Wasser fünf Cent“. Bei den Wasserwerken zahlt man 2,30 plus 2,465 Euro Schmutzwasserentgelt.

Stephan Natz kennt diese Rechenbeispiele. „Wasser kostet nun mal nicht nichts“, sagt der Sprecher der Berliner Wasserbetriebe. Vor fünf Jahren gab es den Kubikmeter für 1,80 Euro, jetzt kostet er 2,30 Euro. Warum empfinden gerade Gartenbesitzer die Preissteigerung als so dramatisch? Vielleicht liegt es am Schmutzwasserentgelt, das früher durch eine bescheidene Pauschale abgedeckt wurde. „Aber diese Kosten können durch den Einbau einer Sprengwasseruhr eingespart werden“, sagt Stephan Natz.

Für die Erhöhung der Wasserpreise führen die Wasserbetriebe politische und technische Gründe an. Als Berlin vor sieben Jahren 49,9 Prozent des landeseigenen Unternehmens für 1,68 Milliarden Euro an RWE und Veolia verkaufte, wurde den privaten Investoren im Kaufvertrag eine „angemessene Verzinsung“ des Eigenkapitals zugesichert. Diese Verzinsung finanzieren die Kunden über die Tarife. „Dazu haben wir in den vergangenen zehn Jahren in unsere Infrastruktur investiert“, sagt Stephan Natz. Das Rohrnetz wurde um 1212 Kilometer auf 18327 Kilometer erweitert. Im gleichen Zeitraum ist der Verbrauch um 16 Prozent zurückgegangen. Das liegt aber nicht so sehr an den Sparmaßnahmen der Bevölkerung, sondern eher am Zusammenbruch der Berliner Industrie, an den generell schrumpfenden Bevölkerungszahlen und an den technischen Errungenschaften bei Wasch- und Spülmaschinen, die nur noch einen Bruchteil der Wassermenge früherer Jahre verbrauchen. „Die Fixkosten für Wartung, Spülung oder Qualitätskontrolle bleiben aber, und die machen bei uns 90 Prozent aus“, sagt Natz. Also werde das Wasser teurer.

All das erklärt der Mann von den Wasserbetrieben mit einer Engelsgeduld, aber zum Schluss will er doch noch ein Wort sagen zum Ruf, der seinem Unternehmen vorauseilt: Monopolist, Preistreiber, „kennen wir ja alles aus unseren Umfragen“.

Regelmäßig fragen die Wasserbetriebe nach beim Mann auf der Straße, wie teuer denn so ein Kubikmeter sei, und dabei träten abenteuerliche Vorstellungen zu Tage. Wenige wüssten, dass ein Kubikmeter tausend Litern entspricht. Hmm, sagen die Leute, „tausend Liter, also die kosten bestimmt im dreistelligen Euro-Bereich“, und an dieser Stelle fängt Stephan Natz jedes Mal an zu lachen. Dann macht er noch eine Rechnung auf für alle verzweifelten Gartenbesitzer: „Bei einem normalen Grundstück verbrauchen Sie im Jahr vielleicht 20 Kubikmeter Sprengwasser. Berücksichtigen Sie jetzt den Preisanstieg der vergangenen Jahre, bezahlen Sie für diese Menge zehn Euro mehr als vor fünf Jahren.“ Zehn Euro, das sind zweieinhalb Schachteln Zigaretten.

Und daher können meine Kinder also auch in Zukunft die Buddelkiste unter Wasser setzen, sich darin suhlen und das Planschbecken mehrmals am Tag mit Sand anfüllen.

Es muss ja nicht unbedingt vor dem Frühstück sein.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben