Zeitung Heute : Wasser hat keine Balken!

Von Esther Kogelboom

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Aus beruflichen Gründen hielt ich mich vor kurzem ein paar Tage im kargen Norden Islands auf. Auf dem Programm standen lauter abenteuerliche Sachen, zum Beispiel eine Wanderung über getrocknete Lava, das Verkosten von getrocknetem Stockfisch – und eine Bootsfahrt zum Zwecke der Walbeobachtung.

Das Polarmeer schwappte an diesem bedeckten Tag vollkommen unglitzernd im Hafen des Dörfchens Husavik herum. In Husavik gibt es ein Museum, in dem man alles über Wale lernen kann, und ein Phallusmuseum, in dem man alles über Phalli lernen kann. Da wir unglücklicherweise nicht zur Phallusbeobachtung aufbrachen, schauten wir uns zur Vorbereitung das Walmuseum an.

Unser Reiseleiter verteilte vor dem Mittagessen weiße Pillen gegen die Seekrankheit, in denen auch Koffein war, damit wir nicht müde würden. Dann gingen wir an Deck, wo jeder einen mit Schafsfell ausgekleideten Wärme-Overall in XL anziehen musste. Mir waren Ärmel und Beine des Overalls insgesamt zwei Meter zu lang. Dennoch schaffte ich es, mich irgendwie einzuknoten und mich an der Reling des Kutters festzuklammern. Das war auch nötig, weil der Seegang beachtlich war. Es fühlte sich an, als donnere man alle zehn Sekunden mit einem alten Aufzug vom obersten Stockwerk in den Keller. Der Ausflug aufs offene Polarmeer sollte drei Stunden dauern.

Als die Küste nur noch gerade eben in Sichtweite war, riss der Kapitän seine Flüstertüte an sich: „Whale at half past four!“ Tatsächlich, knapp unterhalb der Wasseroberfläche sah ich im letzten Augenblick eine Art glänzenden Reifen schimmern. Ich war fast zu spät gekommen, hatte bereits in Richtung 16 Uhr 45 gespäht. Nautische Codes sind ein Kapitel für sich. Das muss man auch erst mal verstehen, dachte ich, nahm auf einer nassen Holzbank Platz und hörte in meinen Körper hinein. Wurde mir schlecht? Nein, die weiße Pille wirkte. Doch das Koffein war vielleicht für an Triple-Shot-Cappuccino gewöhnte Menschen etwas schwach dosiert. Ich kuschelte mich in mein Schafsfell und schlief ein.

Es war kein tiefer Schlaf, sondern mehr so ein Schlaf, wie man ihn morgens zwischen zweimal Wecker ausstellen schläft. Ich nahm durchaus wahr, dass der Kapitän schrie „Whale on quarter to eleven“, aber ich schaffte bloß, meine Lider eine schmalen Spalt breit zu öffnen – um sie sogleich wieder zu schließen. Den anderen Seebären ging es nicht viel besser.

Was das Meer betrifft, so liege ich gerne am Strand und lasse mich von mir aus auch zu einer Partie Beachball im knietiefen, warmen Wasser überreden. Ansonsten bin ich misstrauisch. Meine Oma, Nichtschwimmerin, sagt immer: „Wasser hat keine Balken.“ Meine Mutter, Nichtschwimmerin, hatte schon Angst, ich könnte in der Badewanne ertrinken. Das einzige Schwimmabzeichen, das ich besitze, heißt Seepferdchen. Der Gerechtigkeit halber muss man hinzufügen, dass ich es mir erschlichen habe: Eigentlich muss man dafür tauchen. Ich bekam stattdessen einen intensiven hysterischen Anfall, bis mein Sportlehrer den orangefarbenen Aufnäher rausrückte. Dass ich mich überhaupt über Wasser halten kann, ist einzig und allein meinem Vater zu verdanken, der im Atlantik vor Südfrankreich heimlich die Luft aus meinen Schwimmflügeln ließ.

Das erneute „Whale on five o’clock“ riss mich aus dem Halbschlaf. Tatsächlich: Eine XL-Flosse erhob sich – wie im Film – aus dem grauen Polarmeer. Ich bin dafür, diesen Wal mit dem Seepferdchen auszuzeichnen.

Unsere Kolumnistin, 31, bekommt laufend gute Ratschläge. An dieser Stelle überprüft sie jede Woche einen davon auf seinen Wahrheitsgehalt.

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