Wasser ist Leben : Wasser ist Wirtschaft

Ein blaues Wunder. Wasser ist ein Menschenrecht. Seit 2010 sehen das auch die Vereinten Nationen so. Dennoch ist Wasser auch ein Wirtschaftsgut – aber eines, das eine besondere Ethik verlangt.

200 Millionen Stunden. Das ist die Zeit, die Frauen und Kinder jeden Tag damit zubringen, Wasser zu suchen, zu schöpfen und nach Hause zu schleppen. Was für eine volkswirtschaftliche Verschwendung.
200 Millionen Stunden. Das ist die Zeit, die Frauen und Kinder jeden Tag damit zubringen, Wasser zu suchen, zu schöpfen und nach...Foto: Bartosz Hadyniak/iStock

Wasser ist ein eigenartiges Wirtschaftsgut. Denn seine Menge verändert sich nicht, wohl aber sein Zustand. Das Wasser der Erde bleibt immer gleich. Aber es bleibt nicht immer gleich sauber. Und das Süßwasser, das ohne großen technischen Aufwand als Trinkwasser verwendet werden kann, ist ungleich über die Erde verteilt. 1992 fand die erste Konferenz zu Wasser und Umwelt in Dublin statt. Damals wurde festgehalten: „Wasser hat einen ökonomischen Wert in all seinen konkurrierenden Verwendungen und sollte als wirtschaftliches Gut anerkannt werden.“ Zugleich war aber auch damals schon klar, dass Wasser auch eine Menschenrechtsdimension hat. 2010 hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen den bezahlbaren Zugang zu sauberem Trinkwasser und das Vorhandensein einer Basissanitärversorgung als Menschenrecht anerkannt.

Was heißt das nun? Für Regierungen ist der Auftrag eigentlich klar: Sie sind dafür verantwortlich, dass die Bürgerinnen und Bürger ihres Landes Zugang zu sauberem Trinkwasser und Zugang zu Toiletten haben. Mit den Millenium-Entwicklungszielen, die die Vereinten Nationen im Jahr 2000 beschlossen hatten und die bis zum Jahr 2015 die Zahl der extrem Armen halbieren sollten, sind auch Vorgaben für die Wasser- und Sanitärversorgung formuliert worden. Im Falle der Wasserversorgung war das durchaus erfolgreich: 2,1 Milliarden Menschen haben in dieser Zeit Zugang zu sauberem Trinkwasser erhalten. Damit ist das Trinkwasserziel sogar schon vor Ablauf der globalen Frist erreicht worden.

Eine knappe Milliarde Menschen hat kein sauberes Trinkwasser

Dennoch ist immer noch etwa eine knappe Milliarde Menschen nicht in der glücklichen Lage, gesundes Wasser konsumieren zu können. Vor allem die städtischen Armen, die in illegalen Siedlungen, in riesigen Slums oder improvisierten Häusern leben, haben in Afrika, Asien und Lateinamerika bis heute oft keinen bezahlbaren Zugang zu Trinkwasser. Das Beispiel der kenianischen Hauptstadt Nairobi zeigt, wie schwierig es in der Praxis sein kann, die Slumbewohner mit sauberem Wasser zu versorgen. In Kibera, der größten Armensiedlung Nairobis, gibt es keine offiziellen Wasserleitungen der städtischen Trinkwasserversorgungsfirma NCWSC. Lediglich die Hälfte der rund drei Millionen Einwohner der Hauptstadt verfügt über Wasserleitungen, die allerdings oft genug kein Wasser ausspucken. Denn NCWSC ist lediglich in der Lage, rund 550 000 Kubikmeter Wasser am Tag zu liefern, während der Bedarf bei rund 690 000 Kubikmeter Wasser am Tag liegt. Für die Slumbewohnerinnen heißt das, dass sie oft stundenlang vor Wasserhähnen anstehen, die oft von der „Wasser-Mafia“ kontrolliert werden, also Geschäftsleuten oder manchmal auch Banden, die mit dem Verkauf von Trinkwasser an die Armen ein gutes Geschäft machen. Rund ein Drittel ihres verfügbaren Einkommens geben Nairobis Slumbewohner für den Kauf von sauberem Wasser aus, hat die Nachrichtenagentur Reuters recherchiert. NCWSC jedenfalls hat bei seinem Wassergeschäft einen gewaltigen Schwund zu verkraften. Zwar setzt das staatseigene Unternehmen täglich rund 5,6 Millionen US-Dollar um. Aber rund 40 Prozent des Wassers verschwinden durch Lecks in den überalterten Leitungen oder durch Diebstahl. Denn für viele Wasserleitungen in die Slums werden die Rohre der NCWSC illegal angezapft. Im globalen Durchschnitt weisen die Wasserversorger einen Schwund von etwa zwölf Prozent auf.

Wie schwer es ist, in dieses Geschäft hineinzukommen, haben mehrere Nichtregierungsorganisationen erfahren, die sich für eine bessere und preiswertere Wasser- und Sanitärversorgung einsetzen. In Nairobi bekommen sie Todesdrohungen, wenn sie sich in die Geschäfte der Wasser-Mafia einmischen. Und die Vermieter der illegalen Hütten auf Regierungsgrundstücken in den Slums, die oft selbst an entscheidender Stelle in der Regierung oder Verwaltung sitzen, haben kein Interesse, in die Infrastruktur für die Bewohner ihrer überteuerten Hütten zu investieren.

Wenn fehlende Toiletten zum Vergewaltigungsrisiko werden

Wasser ist also ein hoch politisches Thema, wenn es um die Trinkwasserversorgung der Armen geht. Das gilt jedoch genauso für die Bereitstellung einer Basissanitärversorgung. Rund 2,6 Milliarden Menschen haben keine Toiletten. In den Slums von Nairobi gibt es inzwischen vielerorts Gemeinschaftstoiletten, über deren Sauberkeit sich niemand Illusionen macht. Für Frauen sind sie aber vor allem nachts auch ein Sicherheitsrisiko. Immer wieder berichten die Zeitungen über Vergewaltigungen, wenn Frauen nachts die Toiletten benutzen. Wenn sie Pech haben, werden sie dabei auch noch mit dem HI-Virus infiziert, und so kommt zur Gewalt und der Schande auch noch ein tödliches Gesundheitsrisiko. Viele Frauen meiden die Toiletten nachts und kehren zur alten Methode zurück: Die Notdurft wird in Plastiktüten verrichtet, die dann entweder im Graben vor der Hütte oder gleich im Nairobi-Fluss landen. Oft liegen in diesen offenen Abwasserkanälen dann auch noch Trinkwasserleitungen und das Wasser wird mit Kolibakterien oder Schlimmerem verunreinigt.

Diese Gewaltprobleme sind jedoch keineswegs auf Afrika beschränkt. In Indien haben in den vergangenen Monaten mehrere Fälle Schlagzeilen gemacht, die eine ähnliche Geschichte erzählen. So zum Beispiel der Mord an zwei jungen Mädchen, die auf einem offenen Feld ihre Notdurft verrichten mussten, weil es in ihrem Haus keine Toilette gab. Sie wurden vergewaltigt, ermordet und ihre Leichen wurden an einem Baum aufgehängt, wo sie von ihren Angehörigen schließlich gefunden wurden. Die Stockholm Water Week hat deshalb vor wenigen Wochen gemeinsam mit mehr als 20 Hilfsorganisationen von Oxfam bis Care, von den Maltesern bis zu Unicef ein Handbuch zum Thema Gewalt gegen Frauen und Sanitärversorgung herausgegeben. Es soll Nichtregierungsorganisationen, aber vor allem Regierungen Hinweise geben, wie das Risiko für Frauen bei der Benutzung von Gemeinschaftstoiletten vermindert werden kann. Es gibt mehr Menschen, die ein Mobiltelefon besitzen, als es Menschen mit Zugang zu einer akzeptablen Toilette gibt.

Jede Minute stirbt ein Kind an Durchfall

Die wirtschaftliche Dimension von Wasser und Abwasser lässt sich aber auch noch ganz anders beschreiben. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) berichtet, dass 40 Prozent aller Krankheiten wasserbedingt sind. Jede Minute stirbt ein Kind unter fünf Jahren an Durchfall, verursacht durch verunreinigtes Trinkwasser. Cholera, Typhus, Hepatitis A, die Ruhr oder auch chemische Verseuchungen von Trinkwasser machen Millionen Menschen auf der Welt krank – jeden Tag. Und manchmal sogar dann, wenn sie bezogen auf ihr Einkommen, viel Geld für das Trinkwasser ausgeben müssen. Die Nichtregierungsorganisation Water.org hat ausgerechnet, dass jeden Tag Frauen und Kinder 200 Millionen Stunden aufwenden müssen, um Wasser zu finden, zu schöpfen und nach Hause zu schleppen. Der volkswirtschaftliche Verlust dieser Arbeitskraft ist gewaltig. Kein Wunder, dass der Generalsekretär der Industriestaatenorganisation OECD, Angel Gurría, sagt: „Die Wasserkrise ist in erster Linie eine Krise der Regierungsführung.“ Es gebe genug Wasser, um die Menschheit zu versorgen, argumentiert er. Allerdings schätzt die OECD auch, dass die Nachfrage nach sauberem Trinkwasser bis 2050 noch einmal um rund 55 Prozent steigen werde. Schon heute lebten etwa 40 Prozent der Weltbevölkerung in Flusseinzugsgebieten, in denen bereits Wasserstress herrscht, wo es also zu wenig Trinkwasser oder zu wenig sauberes Trinkwasser gibt. Kalifornien ist ein gutes Beispiel dafür. Dort herrscht seit Jahren eine Rekorddürre, die der Landwirtschaft, die in früheren Jahren große Teile der USA mit Obst und Gemüse versorgt hat, bereits fast den Zusammenbruch gebracht hat.

In Südspanien, wo bis in die 1960er Jahre hinein jährliche Wasserauktionen für die Landwirtschaft den Grundwasserspiegel auf einem akzeptablen Niveau gehalten hatten, ist er seit der Aufgabe dieser Institution dramatisch gefallen. Die bewässerungshungrige Landwirtschaft ist immer weiter ausgeweitet worden. Oft haben die Bauern illegale Brunnen gebohrt, um ihre Felder zu bewässern. Das Ergebnis ist schon jetzt erheblicher Wasserstress. Die Folgen des Klimawandels, rund um das Mittelmeer rechnen die Klimaforscher mit deutlich mehr Trockenheit, kommen da dann noch dazu. Die südspanische Landwirtschaft könnte schon bald so enden wie die kalifornische. Ähnlich könnte es auch Marokko ergehen, das Spanien beim Obst und Gemüse in den vergangenen Jahren starke Konkurrenz auf den europäischen Märkten macht – und dabei seinen Grundwasserspiegel bedrohlich senkt.

Der Klimawandel verschärft die Wasserkrise

Der Klimawandel bringt die Versorgung mit Trinkwasser weltweit in Schwierigkeiten. Mitteleuropa steht dabei noch gut da, weil hier zumindest nicht weniger Regen erwartet wird als bisher schon fällt. Allerdings gehen die Prognosen von mehr Regen im Winter aus. Es wird also die Kunst der Wasserversorger sein müssen, das Wasser zu halten und zu lagern, um über das gesamte Jahr eine zuverlässige Versorgung mit Trinkwasser zu gewährleisten. Aber rund um das Mittelmeer, wo die Kombination aus Landwirtschaft und Tourismus die Wasserressourcen schon an den Rand des Zusammenbruchs geführt hat, dürfte die Lage schon in wenigen Jahren dramatisch werden.

Viele Großstädte der Welt sind auf die Versorgung mit Trinkwasser aus Flusssystemen angewiesen. Die Großstädte Lateinamerikas haben nur dann genug zu trinken, wenn die Andengletscher nicht komplett abschmelzen. Ein Risiko, das zumindest nicht auszuschließen ist. Das Gleiche gilt für die indischen und einige chinesische Großstädte, die auf das Wasser aus den Himalayagletschern angewiesen sind. Setzt die Gletscherschmelze voll ein, müssen diese Städte mit dramatischen Überschwemmungen rechnen. Doch sind die Gletscher verschwunden, müssen sie sich darauf einstellen, dass sie nicht mehr während des ganzen Jahres auf Trinkwasser aus den Flüssen zugreifen können. Manche werden das Meer nicht mehr erreichen oder nur noch dann Wasser führen, wenn es regnet.

Das hat auch unmittelbare Auswirkungen auf die Nahrungsmittelsicherheit von Milliarden Menschen auf der Welt. Denn eine Landwirtschaft, die auf kalkulierbare Regenzeiten angewiesen ist, wird die wachsende Weltbevölkerung kaum ernähren können. Zumal die Regenzeiten eben zunehmend weniger kalkulierbar sind. In Kenia beispielsweise versuchen Agrarberater, die Bauern von einer klimawandelangepassten Landwirtschaft zu überzeugen. Doch dazu müssen sie Getreide anbauen, das sie selbst nicht konsumieren wollen. Das Grundnahrungsmittel in Kenia ist Mais – und nicht Sorghum oder Hafer, die auch in einem trockeneren Klima gedeihen. In Kenia hat eine Brauerei nun angefangen, aus diesen beiden Getreiden Bier zu brauen. Das macht sie für einige Bauern dann doch wieder wirtschaftlich interessant. Aber diese Ernten tragen dann kaum zur Ernährungssicherheit bei. Der Mais muss dann aus anderen Regionen oder Nachbarländern gekauft werden. Ob diese Rechnung am Ende aufgeht, wissen auch die Agrarberater nicht. Ziemlich sicher sind sich jedoch die meisten Agrarexperten, dass in Zukunft mehr Bewässerung notwendig sein wird, um die Menschheit satt zu bekommen. Dabei verbraucht die Landwirtschaft schon heute 70 Prozent der verfügbaren Trinkwasservorkommen für die Bewässerung von Feldern.

Manche sehen in der Meerwasserentsalzung die Lösung

Auch die zunehmende Verstädterung und die Industrialisierung vieler sich entwickelnder Länder erhöht den Wasserverbrauch zum Teil beträchtlich. Die OECD geht davon aus, dass der Wasserbedarf von Industriebetrieben bis 2050 um rund 400 Prozent wachsen wird. Deshalb hat das Carbon Disclosure Project, eine Nichtregierungsorganisation, die von Firmen Daten zu ihrer Klimawirkung abfragt und sie beim Management ihrer Klimarisiken berät, im vergangenen Jahr erstmals auch die Wasserrisiken von Firmen abgefragt. Dabei stellten die Analysten vom CDP fest, dass vielen Firmen überhaupt nicht bewusst ist, in welchem Umfang sie sich auf Wasserrisiken einstellen müssen.

Für einige Länder ist das Wasserproblem inzwischen allerdings gelöst. Zumindest argumentieren Länder wie Israel und einige arabische Emirate so. Denn sie können es sich offenbar leisten, große Meeresentsalzungsanlagen in Betrieb zu nehmen, um dem wachsenden Wasserbedarf ihrer Bevölkerungen nachzukommen. Israel, seit Jahrzehnten in der effizienten Verwendung von Wasser erprobt, gibt sein Wissen inzwischen an viele Entwicklungsländer weiter. Doch Meerwasserentsalzung ist für arme Länder nur dann eine Möglichkeit, wenn diese Anlagen mit Solarenergie im konkreten Betrieb nahezu kostenlos betrieben werden können. Die Investition ist allerdings aus dem reinen Betrieb nur schwer zu refinanzieren. Da werden vielerorts nur staatliche Zuschüsse zu einem vermehrten Einsatz solcher Anlagen helfen. Allerdings sind Entsalzungsanlagen nicht nur wegen ihres gigantischen Energieverbrauchs problematisch. Das dabei anfallende Salz wird vielerorts einfach wieder ins Meer gekippt. Dort erhöht es regional den Salzgehalt im Meer deutlich und verändert so die Ökologie der Meere – mit noch unabsehbaren Folgen für die Fischerei und andere wirtschaftlichen Nutzungen der Ozeane.

Das Thema Meerwasserentsalzung gehörte zu den in diesem Jahr auf der Stockholm Water Week heiß diskutierten Themen. Dort ging es vor allem um den Zusammenhang von Energie und Wasser. Bei Kohle- oder Atomkraftwerken ist das Wasser notwendig, um die Anlagen zu kühlen. Ohne Wasserkühlung ist der Betrieb vieler Stromerzeugungsanlagen gar nicht möglich. Sinken die Flusswasserspiegel im Sommer in Frankreich stark, können die Atomkraftwerke nur noch auf minimaler Leistung gefahren werden oder müssen ganz abgeschaltet werden. Das ist einer der zwei jährlichen Exporthöhepunkte für Strom aus Deutschland nach Frankreich. Der andere liegt im Winter, hat aber nichts mit Wassermangel, sondern mit der Heizperiode zu tun. In Frankreich wird nämlich viel mit Strom geheizt.

Wenn sich der Staudamm nicht mehr lohnt

Viele große Wasserkraftwerke, neue Staudammprojekte oder auch alte leiden ebenfalls darunter, dass sich die Regenmuster auf der Welt verändert haben. Die dauerhafte Energiekrise in weiten Teilen Afrikas hat zwar mit zu geringen Stromerzeugungskapazitäten zu tun. Sie wird aber verschärft durch die Tatsache, dass die Stauseen leer sind und vielerorts deshalb nur noch wenig oder gar kein Strom mehr in Wasserkraftwerken erzeugt werden kann. Es gibt nach wie vor ein bedeutendes Potenzial für Wasserkraftwerke in Afrika. Allerdings könnte der Klimawandel viele heutige Prognosen schon kurz nach der Fertigstellung der neuen Kraftwerke überholen. Für den Ausbau der Energieinfrastruktur wie für die Wasserinfrastruktur müssen die zuständigen Regierungen also möglichst schon während der Planung mit einbeziehen, dass sich viele Abschätzungen durch den Klimawandel verändern können – oft sogar sehr schnell.

Wasser bleibt also auch in Zukunft ein kritisches Wirtschaftsgut, dessen kommerzielle Verwendung einen Preis braucht. Aber es ist eben auch ein Menschenrecht. Und das bedeutet, dass auch die Armen mit sauberem Trinkwasser versorgt werden müssen. Da haben viele Regierungen noch viel zu tun.

Autor

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben