Zeitung Heute : Wasser zu Wüste

Das Verschwinden des Aralsees gilt als größte Umweltkatastrophe der Welt. Nun wiederholt sie sich, 1000 Kilometer entfernt

Peter Böhm[Balchasch]

Er hat wieder nichts gefangen. Fast jeden Tag kommt Boris Tarassow ans Ufer des Balchaschsees, gut 400 Kilometer nördlich der größten kasachischen Stadt Almaty, um zu angeln. „Aber in den letzten Jahren beißen die Fische einfach nicht mehr so wie früher“, sagt er. Dann macht er sich mit einer leeren Holzkiste auf der Schulter auf den Weg nach Hause.

Tarassow ist 68 Jahre alt, für die anderthalb Kilometer in die Stadt, zu dem alten Block aus den 40er Jahren, in dem er wohnt, braucht er eine Dreiviertelstunde. Er trippelt vorbei an einer geschlossenen Fabrik und verrammelten Läden, dann an Plattenbauten, aus denen alles Tragbare, Türen, Fenster, Kabel und Rohre, weggeschleppt wurde. Tarassow hat lange Jahre in einer Baubrigade gearbeitet und die Stadt Balchasch mit hochgezogen. Schmerzt es ihn nicht anzusehen, wie das Werk seiner Hände zerfällt? „Das ist mir doch egal“, blafft er und trippelt weiter.

Es droht größeres Unheil. In einer russischen Zeitung hat Tarassow gelesen, dass der mehr als 600 Kilometer lange Balchaschsee auszutrocknen droht. Schon einige Zeit warnen Experten vor dem Verschwinden des Sees – und im Jahr 1990 haben japanische Wissenschaftler festgestellt, dass der Uferschlamm in der Nähe des Metallkombinates in Balchasch so kupferhaltig ist, dass er dort als Grundstoff zur Kupfergewinnung dienen könnte – aber nun scheint die Gefahr akut. In ihrem jüngsten Länderbericht über Kasachstan geht die Uno deshalb in die Offensive. Im Bericht steht: Wenn Kasachstan und China nicht bald einig werden über das Wasser des Ili, des Hauptzuflusses des Balchaschsees, droht ihm dasselbe wie dem Aralsee. Der Balchaschsee bekommt 80 Prozent seines Wassers aus dem Ili, und China habe mehrmals angekündigt, dieses Wasser mehr als bisher für die Landwirtschaft zu benutzen.

Der Aralsee an der kasachisch-usbekischen Grenze, 1000 Kilometer westlich von Balchasch, ist inzwischen auf ein Viertel seiner ursprünglichen Größe zusammengeschrumpft. Und weil jährlich auch noch 150000 Tonnen des mit Dünge- und Pflanzenschutzmitteln angereicherten Staubes vom ausgetrockneten Seegrund in die Luft geweht werden, gilt vielen Experten das Schicksal des Aralsees als größte Umweltkatastrophe der Welt.

Der Aral- und der Balchaschsee haben etwas gemeinsam: Beide sind riesig. Der Aralsee war einmal das viertgrößte Binnengewässer der Welt, die Fläche des Balchaschsees ist mehr als 30 Mal so groß wie die des Bodensees. Und die beiden Umweltkatastrophen verlaufen nach demselben Muster: die langjährige Politik der Sowjetunion, die keine Rücksicht auf die Umwelt nahm, die Ratlosigkeit der Nachfolgestaaten, wie sie mit dem Erbe umgehen könnten und die Streitereien der Anrainer um das Wasser der Zuflüsse.

In den 30er Jahren wurde am Nordufer des Sees ein großes Kupfervorkommen entdeckt und bald darauf weitere Erzlager. Nach dem Überfall der Deutschen auf die Sowjetunion brauchte die Waffenindustrie die Metalle. Das Hüttenwerk, das auf das Wasser des Sees angewiesen war, bauten Deutsche, Tschetschenen, Tataren und Koreaner, die aus dem Wolgagebiet, dem Kaukasus und dem Fernen Osten hierher deportiert wurden, später auch deutsche und japanische Kriegsgefangene. Die Gefangenen blieben, aus dem Hüttenwerk wurde ein Kombinat mit 15000 Angestellten und aus den Überbleibseln des Lagers bauten Leute wie Boris Tarassow die Stadt Balchasch, mit ihren Magistralen, gesäumt von Plattenbauten. Ende der 80er Jahre lebten hier fast 100000 Menschen. Dann folgte 1991 der Zusammenbruch der Sowjetunion, das Metallkombinat machte ein paar Mal zu und wieder auf, viele andere Betriebe schlossen, und mehr als ein Drittel der Einwohner, vor allem Russen und Deutsche, verließ die Stadt.

Die kämpft nun mit der Hinterlassenschaft. „Es gibt nicht viele Untersuchungen über die Verschmutzung des Balchaschsees durch die Landwirtschaft, aber ihr Grad ist sicherlich mit der des Aralsees vergleichbar“, sagt Sergej Galuschak, Mitarbeiter des Institutes für Fischwirtschaft in Almaty. Mitte März gab die für Balchasch zuständige Staatsanwaltschaft bekannt, dass die Konzentration von Zink im See 21 Mal so hoch sei wie der staatlich festgelegte Grenzwert, die von Chrom 13 Mal. Im Vergleich zu 1994 liege die Menge der gefangenen Fische nur noch bei 60 Prozent. Die größte Gefahr für den Balchaschsee geht aber von China aus.

Die kasachische Regierung befürchtet, dass der Nachbar bald dreimal so viel Ackerland mit Wasser aus dem Ili bewirtschaften will. „Dann wird China drei Viertel des Wassers des Ili verbrauchen“, sagt der stellvertretende Umweltminister Zhambul Bekzhanow. Von diesen Plänen wisse seine Regierung aus Verhandlungen mit China und aus anderen Quellen. „Die chinesische Delegation sagt immer, wenn es eine Gefahr für den Balchaschsee gibt, liegt sie in ferner Zukunft“, sagt Bekzhanow. Die Chinesen bestreiten, dass sie vorhaben, dem Ili mehr Wasser zu entnehmen.

Boris Tarassow ist nach Hause gekommen. Er wird in den nächsten Tagen wieder angeln gehen. Und höchstwahrscheinlich wird er dafür irgendwann länger als eine Dreiviertelstunde laufen müssen. Schon wenn sich der Wasserspiegel des Sees um einige Zentimeter senkt, wird das flache Südufer mehrere 100 Meter breiter als heute sein.

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