Wassermangel : Der abgedrehte Fluss

Nicht einmal fingerdick fließt das Rinnsal dahin. Am Kottmarberg entspringt die Spree. Und weil es nicht regnet, wird das Wasser immer weniger. Die Algen vermehren sich, die Fische sterben, der Stausee in Bautzen läuft langsam leer. Eine Reise von der Quelle bis zur Mündung.

Torsten Hampel

Das Licht zappelt auf dem Waldboden am Kottmar-Berg. Die Kronen der Buchen lassen es ein wenig durch. Herr Heinrich sagt, wenn das die Berliner sehen könnten. Aber sie wissen ja nicht einmal, dass es diesen Ort überhaupt gibt. Den, wo ihr Fluss herkommt.

Der Fluss der Berliner ist hier, wo Herr Heinrich vom Heimatmuseum Eibau/Oberlausitz steht, noch ganz klein. Er ist ja auch durch den Speer eines Zwerges entstanden. Der Zwerg war einmal wegen irgendetwas beleidigt, da hat er den Speer genommen und weggeschleudert. Und dort, wo er steckenblieb im Berg, kommt seitdem Wasser raus.

Der Fluss drückt sich aus dem Kottmar in ein flaches Bassin und sammelt sich ein bisschen, bevor er in ein Überlaufrohr aus Plastik fließt und wieder im Boden verschwindet. Solche Plastikrohre haben die Berliner an ihren Geschirrspülbecken. Der Fluss unterquert einen Wanderweg, und nach drei, vier Metern ist er wieder da. Nicht mal mehr fingerdick läuft er aus einem Rohr, nun eines aus Keramik, und weiter zwischen Farnen den Berg hinunter. Es ist immer weniger Wasser geworden in der letzten Zeit, sagt Heinrich. Genau wie im Norden in Berlin. Hier am Ursprung kann man das nur besser sehen.

Es gluckert ein bisschen

Die Spree hat drei Quellen. Manche sprechen von neun, aber auf drei hat man sich einigen können. Eine endgültige Entscheidung ist bis heute nicht gefallen. Die Quelle am Kottmar liegt am höchsten, sie ist auch die wasserreichste. Die zwei anderen sind mitten in Ortschaften in der Nähe, man kann sich dort jeweils an ein gusseisernes Geländer lehnen und hinuntersehen in eine gemauerte Grube oder einen Brunnenschacht. Unten gluckert es ein bisschen, und dann verschwindet das Wasser für lange in Rohren.

Wenn doch die Berliner herkämen, wünscht sich Heinrich. Er könnte ihnen so viel erzählen, vom Zwerg und von den Elfen hier im Kottmar-Wald und von der Göttin, die mittags immer an der Quelle vorbeikommen soll. Aber das wäre vielleicht gar nicht gut. Die Berliner würden nur das Rinnsal sehen und anfangen, sich Sorgen zu machen. Und wenn sie dann wieder auf dem Heimweg wären und unterwegs gelegentlich aus ihren Autos stiegen, um immer mal nach dem Fluss zu schauen, dann würden ihre Gesichter noch nachdenklicher. Denn sie würden sehen: Ihre Spree wird eigentlich nur benutzt. Ruhe hat sie nie.

Walddorf/Oberlausitz, Kleingartenanlage am Fuß des Kottmarberges, da geht es schon los. Wenn das Wetter trocken ist, dann holen sich die Gärtner Gießkannen voll Wasser aus der Spree. An der Stelle, wo der Bach sich ein wenig aufstaut und man am besten schöpfen kann, schwimmt auch der erste Müll. An diesem Tag ist es eine Plastikflasche, „Dreh + Trink Copilot“-Kirschbrause war da mal drin.

Mittellauf, Niederlausitz, Energieerzeugung. Die Kraftwerke Boxberg und Jänschwalde nehmen sich Wasser, viel davon verdampft in ihren Kühltürmen und kommt nie mehr in den Fluss zurück. In derselben Gegend sind 5000 Hektar Teichfläche, die von der Spree gespeist werden. Industriell genutzte Fischteiche.

Und ebenfalls Mittellauf, Niederlausitz: das Braunkohlerevier mit den vielen leer gebaggerten Tagebauen. Hier ist die Flutungszentrale. Eckhard Scholz, Leiter Flutungsmanagement Lausitz, trägt Schuhe mit Lüftungsschlitzen an den Seiten, durch die man die Socken sehen kann. Es ist sehr heiß. Er sagt „Glück auf!“ und: „Wir haben den Auftrag, so schnell wie möglich die Löcher zu füllen.“ 28 Seen sollen einmal aus den Tagebaulöchern werden. Dazu braucht Scholz die Spree.

In der DDR funktionierte das umgekehrt. Der Fluss war früher auch deshalb voller als heute, weil Pumpen ihn ununterbrochen mit Grundwasser aus der Lausitz fütterten. Die Bergleute sollten trocken in die tiefen Tagebaue gelangen. 13 Milliarden Kubikmeter Wasser waren es am Schluss, die jahrzehntelang in die Spree geleitet wurden. Die Bergbaupumpen waren ihr größter Quell.

Die Berliner flussabwärts haben sich daran gewöhnt und auch die Leute aus dem Spreewald. Doch nun fürchten die, dass ihnen ihr Naturparadies austrocknet. Erst kam das Kohle-Grundwasser nicht mehr bei ihnen durch, und nun kommt auch der Regen nicht mehr. Aber schon davor, im Frühjahr, war der Verband der Spreewald-Fährleute bei Scholz, der hat sie beruhigen können. An ihm jedenfalls soll es nicht liegen. Aber das Wetter, das macht er nicht.

Die Flutungszentrale: ein Plattenbau in der Ortschaft Brieske, elf Fenster breit, vier hoch, einsam im Niemandsland zwischen der Durchgangsstraße und einem alten Industriegebiet. Darin ein Büro, drei silberne Computermonitore, zwei Schreibtische, Drehstuhl, Zimmerpflanze, Klimaanlage.

Eckhard Scholz ist der Mann am Wasserhahn. Dreht er ihn auf, kommt noch weniger von der Spree an im Spreewald und in Berlin als ohnehin. Nur dreht er in diesem Jahr fast gar nicht auf. Im April hat er die ersten Tagebau-Flutungen eingestellt. Die Restlöcher laufen nun langsam voll mit dem wiederkehrenden Grundwasser, es quetscht sich durch den giftigen Abraum an ihren Rändern, und wenn es da durch ist und in den Seen drin, ist es sauer. „Man kann sagen wie Essig“, sagt Scholz. Er kann seinen Wasserhahn nicht aufdrehen, wie er will. In Cottbus, dem Eingang zum Spreewald, müssen mindestens sechs Kubikmeter Wasser pro Sekunde ankommen, am Eingang nach Berlin acht. Liegen die Werte darunter, muss Scholz zumachen. Er sagt zur Spree nicht Fluss, sondern Vorfluter. „Das gute Vorflutwasser“, sagt er, es fließt dann an ihm vorbei. Weg nach „dort unten“, an den Unterlauf, nach Berlin. „Gutes Vorflutwasser“, es wird das einzige Lob sein, das die Spree an diesem Tag zu hören bekommt.

Scholz braucht das gute Wasser aber, um die Säure aus seinen Seen herauszubekommen, weil später sonst keiner in ihnen baden wird. Und weil die Spree jetzt schon jahrelang so wenig Wasser hat, dass Scholz sie kaum noch nutzen darf, hat er sich woanders umgesehen. Seine Firma, die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft, hat einen Vertrag mit Sachsen abgeschlossen. Die Sachsen halten in ihren Stauseen in Bautzen und Quitzdorf zusätzlich 20 Millionen Kubikmeter Wasser für ihn bereit und bekommen Geld dafür. Immer dann, wenn die Mindestpegel erreicht sind, lassen sie etwas Wasser in die Spree ablaufen. In diesem Jahr haben sie schon am 12. Juni damit angefangen, gut einen Monat früher als sonst, 14 Millionen Kubikmeter sind jetzt bereits weg. Seitdem werden auch die beiden Stauseen flacher, es kommt nicht mehr genug nach. Im ganzen Spreegebiet hat es in diesem Jahr nur halb so viel geregnet wie sonst. Scholz wird deshalb bald die Neiße anzapfen. Sie ist 70 Kilometer entfernt.

Gerhard Mitulla braucht das gute Wasser auch. Sein Schiff schwimmt da drauf, und es kühlt den Dieselmotor. Wenn das Schiff das Kühlwasser in einem Strahl wieder ausspuckt, dick wie 100 Kottmar-Quellen, dann ist es 40 Grad warm. Mitulla sagt „Allzeit gute Fahrt!“. Er ist Binnenschiffer in Berlin.

Die Hitze in diesem Sommer lässt die Algen gut gedeihen; die nehmen dem Fluss den Sauerstoff weg, die Fische und die Muscheln sterben. Die Trockenheit lässt die Spree in Berlin nahezu still stehen. Es fließt kaum noch etwas in die Stadt nach. Und das fördert wieder die Erwärmung und die Algen.

Mitulla sitzt auch auf einem Drehstuhl, einen alten Badewannenvorleger und ein Handtuch hat er zum Polstern draufgelegt. Er hält das Steuerrad in den Händen und schaut auf lauter Kurven vor sich. Das Wasser ist grün, es sieht aus wie Gelee.

„Die Spree hat krumme Kurven, man muss die ausbauen“, sagt er. Mitulla ist 45, Berliner, seit 25 Jahren Binnenschiffer, seit zwei Jahren fährt er jeden Tag unter der Woche Glasscherben aus der Stadt heraus. Er wollte öfter zu Hause bei seiner Frau und den Töchtern sein, deshalb macht er keine großen Touren mehr. Er hat nun einen Arbeitstag wie ein Beamter, sagt er. Früher fuhr er bis nach Holland.

Ein stilles Wasser

Was denn noch besser ist auf dem Fluss? Das Schiff verbraucht weniger Diesel hier, „die Spree ist ein stilles Wasser“, sagt Mitulla. Ozeanschiffer sind überschwänglicher, wenn es darum geht, das Wasser zu preisen. Sie dichten Liebeslieder für die See.

Mitulla muss sich wenig Sorgen machen. Dass der stille Fluss mit seinen Algen eines Tages vielleicht verfaulen könnte, das wird er nicht bemerken. Seine Fracht, die Tonnen von Glas mit den Marmeladeresten und den Bierpfützen dazwischen, stinkt auch. Und selbst wenn sie steht, die Spree, es wird nicht das Ende sein, sie wird schiffbar bleiben. „Es gibt ja noch die Schleusen und die Wehre“, die können den Pegel oben halten. Dann wird die Spree ein Kanal sein. Und wenn es tatsächlich so weitergeht, jedes Jahr immer weniger Regen, dann sind die Tagebauseen in der Lausitz eines Tages sauer oder vielleicht doch noch von der Neiße gerettet. Die Fischteiche am Mittellauf werden brach liegen.

Das Ende der Spree kommt in Spandau. Zwischen hässlichen Spundwänden aus Metall endet sie in der Havel. Gut zehn Kubikmeter Spreewasser pro Sekunde vermischen sich am Montagmorgen mit mickrigen zweieinhalb aus der Havel. Der kleine Fluss frisst den großen. Es sieht nicht so aus, als würde sich die Spree dagegen wehren. Sie ist ganz still. Es sieht so aus, als sei sie erschöpft. Und als läge ihr daran, dass sie keiner bemerkt.

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