Zeitung Heute : Wasserpistolen und Grimme-Preis: Vor 25 Jahren startete Radio Bremen "III nach 9"

Robert Bongen

Eigentlich ist es eine ganz normale Sendung, in der das Gespräch im Vordergrund steht. Soweit zur profanen Übersetzung des Wortes "talkshow". Die deutschen Fernsehsender mögen den Begriff - denn auf der Mattscheibe wird immer mehr getalkt. Talken darf jeder, so meint man jedenfalls. Und der Zuschauer freut sich. Am Frühstückstisch, nach dem Mittagessen und vor dem Einschlafen. 82 Talkformate sind es mittlerweile, die einem mehr oder weniger regelmäßig begegnen, als Daily Talk, politischer Talk, Late-Night-Talk oder demnächst als Gerichts-Talk.

Besonders aufregend allerdings ist keine der Shows. Vor 25 Jahren war das noch ganz anders. Damals begann das Projekt "Talk" im deutschen Fernsehen. Radio Bremen hob "III nach 9" aus der Taufe, damals ein kontrovers diskutiertes Fernsehexperiment, mittlerweile die Mutter aller deutschen Talkshows. Zwei Moderatoren unterhielten sich mit prominenten Gästen, wohlgemerkt live, in einer Zeit, in der allenfalls "Tagesschau" und "Sportschau" dieses Attribut für sich in Anspruch nahmen.

"Unterhaltung zum Mitdenken" lautete der Untertitel der Sendung, die von Anfang an für Furore sorgte. In "III nach 9" stritten sich Hausbesetzer mit dem Wohnungsbauminister, ließ ein Kameramann seine Kamera stehen, um mit "Wienerwald"-Chef Jahn zu diskutieren, wurde Minister Hans Matthöfer mit einer Wasserpistole beschossen.

Bereits die vierte Ausgabe erhielt den Grimme-Preis. 2144 Gäste hat "III nach 9" bis heute erlebt, das Erfolgsrezept hat sich nicht verändert: "Wir haben immer wieder neue und unbekannte Gäste, die wirklich etwas zu erzählen haben. Allzu seicht wird es dabei nie. Dafür sorgen schon die Moderatoren mit einem gewissen Spaß an der Oberflächlichkeit, gleichzeitig aber auch genügend Kompetenz, um in die Tiefe zu gehen", erläutert Dr. Bernhard Gleim, verantwortlich für "III nach 9" bei Radio Bremen.

38 Moderatoren hatte die Sendung bisher. Jeder von ihnen drückte ihr einen Stempel auf. Von Marianne Koch, Wolfgang Menge und Gert von Paczensky bis zu dem aktuellen Moderatoren-Duo Amelie Fried und Giovanni di Lorenzo. Eine Maxime galt dabei für alle Moderatoren. Amelie Fried: "Es ist eine Kunst, nicht die originellste und ungewöhnlichste Frage zu stellen, sondern dem Gast Lust zu machen, über sich zu erzählen." Ergebnis: Eine Gesprächskultur, die die Bezeichnung "Talk" verdient. Das nächste Mal am 8. Oktober um 22 Uhr auf N3.

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