Zeitung Heute : Wasserrutschen

Ariane Bemmer

Wie eine West-Berlinerin die Stadt erleben kann

Die Ampel ist rot, ich warte, es wird grün, ich setze mich. Wasser sprudelt um mich herum, mit den Händen halte ich mich an einer Stange in Kopfhöhe fest. Ich muss jetzt loslassen. Ich zögere. Es ist die „Turbo Rutsche“. Aber eben doch nur eine Rutsche. Oder nicht?

Sie ist freigegeben ab zwölf. Da werde ich, drei Mal so alt, ja wohl mit Anstand herunterkommen. Ich zögere. Die Rutsche ist ein gelber Schlauch, meine Füße hängen schon drin. Ich müsste jetzt nur loslassen, dann würde ich auf einem blubbernden Wasserbett nach unten sausen. Von außen habe ich den Schlauch schon gesehen. Er sah harmlos aus. Na los, schreit mein Neffe, er ist zehn und fein raus. Ich lasse los, eine Kurve, ich denke: geht ja noch!, nächste Kurve, ich denke: Hilfe!, ich öffne den Mund, kreische, schlucke Wasser, gurgele, denke: Das ist mein Ende!, da donnre ich, Füße hochgestellt, Haare quer im Gesicht, den Badeanzug am Kinn, ins Freie, kriege noch mehr Wasser ins Gesicht, Vollbremsung. Ich sitze jetzt, schreie aber immer noch, ein paar Badegäste drehen sich um. Sprudelnd, sprotzend, schnaufend zupfe ich mich in Form und torkele auf zitternden Beinen zum Whirlpool, um das Erlebte zu verarbeiten. Der Zehnjährige rutscht weiter: „Magic Eye“ und „Black Hole“. Auf dicken Gummiringen, die sich um sich selbst drehen während sie durch die Kurvenbahn pesen, oder auf dem Bauch, dem Hintern durch die dunkle Röhre, vorwärts, rückwärts, ohne Ende.

Eigentlich meide ich Schwimmbäder. Ich schwim- me schlecht, mit hochgerecktem Kopf, ich schlucke Wasser, Chlor brennt in den Augen, macht Falten und die Haare strohig. Als der Neffe sagte: Lass uns baden gehen, dachte ich: Oh nein! Dann dachte ich: Na ja, wenigstens ins „Blub“, da mache ich Massage und du schwimmst. Aber da ist der Badebereich bis 2006 gesperrt. So landeten wir in Bad Liebenwerda, da steht das „Wonnemar“, ein riesiges Badezentrum inkl. Rutschentower. Fünf Stunden waren wir da, ich schwamm keinen einzigen Meter. Ich lernte: Mit Kindern baden gehen, hat mit schwimmen nichts zu tun.

„Wonnemar“, Bad Liebenwerda, 170 Kilometer auf der A13 Richtung Dresden nach Süden. Telefon: 03 53 41 /49 02-0

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