Zeitung Heute : Wassertiere jagen

Britta Wauer

Wie eine Ost-Berlinerin die Stadt erleben kann

Als ich neulich mit einem Freund aus der Schweiz essen war, haben wir eineinhalb Stunden auf den Salat gewartet. Ich war hungrig, der junge Mann hatte seinen Appetit besser im Griff. Dafür hatte er einen anderen Anlass an den Fähigkeiten des Kreuzberger Lokalpersonals zu zweifeln: Er hatte Schorle statt Apfelsaft bekommen, und das, so meinte der Schweizer, würde ihm hier immer passieren. Die Deutschen könnten sich einfach nicht vorstellen, dass jemand im Hochsommer Saft bestellt. Dagegen ist es für Schweizer jenseits jeder Vorstellungskraft, dass wir überall Wasser reinschütten, und dann auch noch welches mit Kohlensäure!

Eine französische Freundin findet, dass wir zu wenig Fisch essen. Eine Zeit lang hatte sie sich damit abgefunden, dass wir Berliner kein Meer vor der Haustür haben und Fische somit Mangelware sind. Aber dann war sie mal am Liepnitzsee und hielt ihre Füße ins Wasser. Wie es das Schicksal wollte, krochen nacheinander zwei kleine Krebse an ihren Zehen vorbei. Die Französin war fassungslos und behauptete, diese Tierchen seien in ihrer Heimat seit 1930 ausgestorben. Von da an hatte sie gar kein Verständnis mehr für das Fehlen jeglichen Wassergetiers auf den Berliner Speisekarten.

Nun hat mir ein junger Mann Spaghetti Vongole gekocht. Die Venusmuscheln waren frisch und schmeckten wie in Italien. Woher er die hatte? Aus einem Supermarkt namens „Mitte Meer“, gleich hinter dem Hamburger Bahnhof. Liebhaber der mediterranen Küche sollten den kennen. Sehr günstig gibt es dort eine riesige, meist spanische, Auswahl an Weinen, Fisch und anderen Spezialitäten: Zwiebeln in Balsamessig, Nudeln, Kaffee, dazu Paella-Pfannen und rustikales Tongeschirr. In einem Extra-Raum liegen die Fische auf Eis. Große Mengen sollte man vorbestellen, aber eigentlich ist alles da: Calamari, Miesmuscheln, Austern, Karpfen, Lachs. Stolz habe ich der Französin von der Entdeckung berichtet, aber sie hatte den Markt längst selbst gefunden – und war zur Abwechslung einmal angetan davon, was man in Berlin bekommen kann.

„Mitte Meer“, Invalidenstraße 50 in Mitte, montags bis freitags 9-20 Uhr, Sonnabend 9-16 Uhr. www.mitte-meer.de

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