Zeitung Heute : Waten unter Wasser

Anthropologe der Freien Universität findet neue Hinweise für eine fast unmögliche Evolutionsgeschichte des aufrechten Ganges

Ortrun Huber

Was unterscheidet den Menschen vom Affen? Chromosomensatz, Sprechvermögen oder Intellekt? Das auch, aber am offensichtlichsten erscheint wohl eine Differenz: der aufrechte Gang. Professor Carsten Niemitz, Leiter der Arbeitsgruppe Humanbiologie und Anthropologie am Institut für Biologie der Freien Universität, setzt sich seit Jahren mit der Evolution des aufrecht stehenden und gehenden Menschen auseinander. Seine These: Wir sind nicht – wie lange angenommen – von den Bäumen geklettert, sondern vielmehr dem flachen Wasser entstiegen. „Es gibt eine Fülle von Hinweisen, die nahelegen, dass sich die unmittelbaren Vorfahren des Menschen in den Uferzonen von Seen, Flüssen und anderen Gewässern aufhielten“, sagt der Anthropologe. Jetzt konnte der Wissenschaftler seine These in der Fachzeitschrift „Naturwissenschaften“ mit neuen Argumenten untermauern.

Unsere Vorfahren haben die Ufernähe gesucht, weil sie als noch waffenlose Wesen mit geringer Körperkraft die dort für sie notwendige, proteinreiche Nahrung wie Muscheln oder Fisch fanden, sagt Carsten Niemitz: „Um sich im Wasser fortbewegen zu können, haben sie sich dauerhaft aufgerichtet.“ Der Anthropologe belegt seine Theorie mit zahlreichen Beobachtungen. Warum hat nur der Mensch so lange Beine und große Füße? Schnell laufen kann man damit nicht – aber sehr wohl lange Entfernungen zurücklegen, lange stehen und eben in seichtem Wasser waten.

Amerikanische Wissenschaftler, so argumentiert Carsten Niemitz weiter, untersuchten die fossilen Knochen des Paranthropus, eines etwa drei Millionen Jahre alten Vormenschen, auf Einlagerungen bestimmter Isotopen, die deutliche Hinweise auf die Ernährung geben. Ihr Fazit: Paranthropus kann nicht in erster Linie, wie bisher vermutet, ein vegetarisch lebender „Nussknacker“ gewesen sein. Er hat sich sehr wahrscheinlich hauptsächlich mit Nahrung versorgt, die er aus Gewässern gesammelt hat: nämlich Muscheln, Fisch und Weichtiere. Diese waren zum einen leicht zu erbeuten, zum anderen versorgte diese Nahrung den Urmenschen mit tierischen, mehrfach ungesättigten Omega-3-Fettsäuren, die für die Ausbildung des Gehirns unersetzlich sind. Denn das Gehirn des Menschen besteht zu rund 60 Prozent seiner Trockenmasse aus hochwertigen Fetten, die aus Omega-3-Fettsäuren aufgebaut sind. „Eine dauerhafte ökologische Anpassung an Flachwasserbeute könnte also eine Voraussetzung für die später einsetzende Evolution unseres großen, leistungsfähigen Gehirns gewesen sein“, sagt Carsten Niemitz.

Einen weiteren Hinweis für seine These entnimmt Niemitz aus Szenen von Dokumentarfilmen. Diese zeigen Gorillas oder Schimpansen, die durch flache Gewässer waten, um Nahrung zu suchen. Dabei stellen sich die Menschenaffen mitunter auch auf zwei Beine – und gehen!

Neueste Erkenntnisse, die seine These untermauern, hat der Wissenschaftler aufgrund thermografischer Untersuchungen gewonnen. So erstellte Thomas Zimmermann vom Thermografischen Institut Berlin im Auftrag von Carsten Niemitz Wärmebild-Aufnahmen von Affen wie Makaken und Bonobos sowie von Menschen. Da das Wärmebildverfahren Infrarotstrahlung sichtbar macht, kann an den Aufnahmen abgelesen werden, wo und wie stark Wärme von einem Körper an die Atmosphäre abgegeben wird.

Das Ergebnis war überraschend: Während Affen Wärme vor allem über das Gesicht, die Arme und Beine abgeben, strahlen Menschen vor allem über das Gesicht und den Oberkörper. Alle darunterliegenden Körperteile des Menschen sind hingegen durch das Fettgewebe der Unterhaut gut isoliert. „Meiner Ansicht nach gibt es für diese Art der Wärmeregulierung bei Menschen keine andere Erklärung, als dass unsere vormenschlichen Ahnen in einem Umfeld lebten, in dem sie sich an längeres Waten in kühlem Wasser anpassen mussten“, so Carsten Niemitz in der Fachzeitschrift „Naturwissenschaften“.

Evolutionär gesehen war die Fortbewegung auf zwei Beinen für die Ahnen des heutigen Menschen eigentlich mit einschneidenden Nachteilen verbunden: Die Vormenschen liefen langsamer und mussten mehr balancieren, sie benötigten mehr Energie und belasteten ihre Gelenke stärker als im Vierfüßlergang. Dennoch hat sich der Mensch vom gut angepassten Vierbeiner zum aufrecht gehenden Zweibeiner entwickelt. Warum? „Alle bisherigen Theorien bieten keine Szenerie mit ausreichend starken Selektionsfaktoren, die diese Nachteile hätte dauerhaft ausgleichen können“, erklärt Anthropologe Carsten Niemitz. „Der Grund dafür ist, dass die Frage nach der Aufrichtung zumeist falsch gestellt wird. Entscheidend ist nicht, warum sich unsere Ahnen aufrichteten, sondern, warum sie nach einem Anlass, sich aufzurichten, dauerhaft stehen geblieben sind.“

Im Internet:

www.biocircle.fu-berlin.de/

humanbio

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