Zeitung Heute : Watte im Ohr

Hartmut Wewetzer

Matthias Platzeck erlitt in den vergangenen Wochen zwei Hörstürze und einen Kreislaufzusammenbruch. Welchen Zusammenhang gibt es zwischen diesen gesundheitlichen Problemen und Stress?


Plötzlich hören sie schwer, oder sogar fast gar nichts mehr. Wie Watte im Ohr. So beschreiben viele Betroffene das Gefühl, einen Hörsturz zu erleiden. Der bisherige SPD-Vorsitzende Matthias Platzeck war noch nicht lange im Amt, da bekam er ihn, den Hörsturz. Zwei Monate später folgte ein Kreislauf- und Nervenzusammenbruch, einen Monat später, Ende März dieses Jahres, dann ein erneuter Hörsturz. Für die meisten Menschen haben diese ganzen Gesundheitsprobleme eine wesentliche Ursache: Stress.

Ganz so einfach ist die Antwort allerdings nicht, wie Hans-Peter Zenner zu bedenken gibt. „Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis, dass Stress als Ursache eine Rolle spielt“, sagt der Chef der HNO-Klinik an der Uni Tübingen. „Unsere Patienten kommen aus allen Kreisen und Berufsschichten, Hörsturz ist keine Managerkrankheit.“ Es gibt Menschen, die keinen Stress haben und dennoch einen plötzlichen Hörverlust erleiden. Und es gibt beruflich stark Belastete, die nie Probleme mit dem Hören haben.

Was hinter einem Hörsturz steckt, ist bis heute ungeklärt. Die Ärzte vermuten schlechte Durchblutung, Flüssigkeitsstau im Innenohr, Störungen der Sinneszellen des Gehörs oder ein verstopftes Blutgefäß im Bereich des Innenohrs – „Ohrinfarkt“ – als mögliche Ursachen.

Behandelt wird mit entzündungshemmendem Kortison – „derzeit das Medikament der ersten Wahl“, sagt John-Martin Hempel, Experte für Hörstörungen am Münchner Klinikum Großhadern. In manchen Fällen werden auch entwässernde oder durchblutungsfördernde Mittel eingesetzt. Allerdings gibt es kaum Untersuchungen, die wissenschaftlich hieb- und stichfest eine Wirksamkeit belegen. „Für solche Studien gibt es keine Geldgeber“, sagt Zenner. In vielen Fällen – die Zahlen schwanken zwischen rund 30 und 90 Prozent – wird alles von selbst wieder gut. Das Gehör kehrt wieder. „Spontanheilung“ nennen das die Ärzte. „Je größer die Hörstörung, umso schlechter sind die Heilungsaussichten“, sagt Zenner.

Auch wenn Stress kein Auslöser für einen Hörsturz ist – dieser wird selbst oft zur Quelle für seelische Belastung. „Ein Spitzenpolitiker muss zu 100 Prozent verstehen, was man ihm sagt“, erläutert Zenner. „Wenn das nicht gewährleistet ist, erhöht das den Stress.“ Ein Hörsturz macht also alles noch schwieriger.

Führungskräfte, die seelisch überfordert seien, würden immer häufiger vorkommen, berichtet Ion Anghelescu, Psychiater an der Berliner Uniklinik Charité. „Viele von ihnen können Stress aushalten – aber es gibt eine Grenze.“ Typisch für eine drohende Überlastung sind schlechter Schlaf, gestörte Konzentration und depressive Stimmung.

Anghelescu rät den Betroffenen, sich ihre Kraftreserven zurückzuholen. Nicht sieben Tage in der Woche arbeiten, sondern einen Tag für die Familie freihalten. Im Urlaub auf Arbeit und E-Mails verzichten. Sport treiben, sich Ruhepausen gönnen. Platzeck könnte auf dem richtigen Weg sein.

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