Zeitung Heute : WDR-Chef für neuen Sendeplatz des Bericht aus Berlin - Das Erste will bei Sportrechten mitrennen

Thomas Gehringer

Der "Bericht aus Berlin" gehört nach Ansicht von Fritz Pleitgen "unbedingt auf einen anderen Sendeplatz". Nach Meinung des WDR-Intendanten wäre das Informationsflaggschiff der ARD am Sonntag am besten aufgehoben, was allerdings wegen der etablierten Programme schwer umzusetzen sei. Als Schwachstellen im Ersten bezeichnete er am Montag vor Journalisten in Köln außerdem das Programmschema am Mittwoch- und am Donnerstagabend. Dabei hat die ARD gerade erst die von Programmdirektor Günter Struve groß angekündigten Schemaänderungen am Donnerstag- sowie am Montagabend in aller Stille wieder rückgängig gemacht, noch ehe sie wirksam wurden. Der Grund dafür ist nach Berichten der "Funkkorrespondenz" (Köln) die Angst vor Marktanteilsverlusten.

Trotz der gerade verkündeten Kooperation von Kirch und Murdoch im Abofernsehen glaubt Pleitgen, Chef der größten ARD-Anstalt, nicht an dramatische Veränderungen. Premiere werde es weiterhin schwer haben. Pleitgen sieht in der weiteren Konzentration auf dem Fernsehmarkt "eine Bestätigung für die Existenz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks". Zwar werde es immer schwieriger, in den Verhandlungen um Senderechte mitzuhalten, dennoch hofft Pleitgen, dass ARD und ZDF das Rennen um die Übertragung der Fußball-Europameisterschaft 2004 noch einmal gewinnen können. Auch einige Spiele der WM 2002 will man sich sichern. Pleitgen: "Da werden wir mit Kirch reden müssen." Den Programmausbau der ARD hält der WDR-Chef für "ausgereizt". Ein eigener Jugendkanal sei unternehmerisch interessant, meinte er mit Blick auf das gescheiterte Experiment mit "Eins Live TV" im WDR Fernsehen: Doch für ein weiteres Programm "fehlt uns das Geld." Auch ein eigener Nachrichtenkanal als Gegenposition zum von Pro 7 geplanten Sender N24 sei weder notwendig noch politisch durchsetzbar. Dagegen werde die ARD in den nächsten Wochen neue Online-Angebote entwickeln. Angesprochen auf den stockenden Aufbau einer Mediathek in Berlin, bekannte Pleitgen, dass er sich mit dieser Frage bisher kaum befasst habe: "Nach meiner Kenntnis gibt es bei uns keine Verweigerungshaltung, allerdings andere konzeptionelle Vorstellungen." Der WDR-Intendant, der als Vizepräsident des Brüsseler Forums Informationsgesellschaft in der vergangenen Woche nach Seattle gereist war, sieht den öffentlich-rechtlichen Rundfunk trotz der gescheiterten Verhandlungen bei der WTO-Konferenz bedroht. In dem weiterhin angestrebten Dienstleistungsabkommen der Welthandelsorganisation sollen die audiovisuellen Medien miteinbezogen werden. Unter ein Subventionsverbot würden möglicherweise auch die Rundfunkgebühren fallen, wodurch ARD und ZDF die Existenzgrundlage entzogen wäre. Pleitgen hat bei den Gesprächen in Seattle vor allem Vertreter aus Kanada und Frankreich als Alliierte erkannt.

Als Ausgleich zum Intendanten-Geschäft will der langjährige Fernsehkorrespondent auch weiterhin journalistisch tätig sein. Neben der Moderation beim "Presseclub" wird Pleitgen im Sommer 2000 den Kaukasus bereisen und eine zweiteilige Reportage voraussichtlich für das Weihnachtsprogramm produzieren.

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