Zeitung Heute : WDR-Dokumentation - Im Gestrüpp der Stasi

Tina Heidborn

Immer mehr Menschen verschaffen ihrem Ärger über beleidigende oder gar diskriminierende Werbung Luft: 401 Protesteingaben erreichten den Deutschen Werberat, den selbsternannten Konfliktregler zwischen Werbewirtschaft und Bevölkerung, im vergangenen Jahr. "Das entspricht einem Anstieg von 30 Prozent", erklärte der Vorsitzende des Werberats, Jürgen Schrader, am Dienstag in Berlin. Häufigster Stein des Anstoßes: die Diskriminierung von Frauen. 38 Prozent aller Eingaben betrafen die sexistische, entwürdigende Darstellung des weiblichen Körpers.

"Grundsätzlich genügt eine Beschwerde aus der Bevölkerung, damit wir die Angelegenheit prüfen", erklärte Schrader das Vorgehen der 1972 gegründeten Selbstprüfungsstelle. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 253 Werbemaßnahmen beanstandet. 65 Fälle leitete der Werberat an die Zentrale zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs zur strafrechtlichen Verfolgung weiter. Bei den übrigen 188 Eingaben teilte der Werberat in 88 Fällen den Protest und beanstandete die Kampagne. Als "großen Erfolg" wertete Schrader die Tatsache, dass die meisten Werbungtreibenden daraufhin die Kampagnen freiwillig zurückzogen oder modifizierten: "Wir mussten im vergangenen Jahr nur in sechs Fällen eine öffentliche Rüge aussprechen - unsere schärfste Sanktionsmaßnahme". Sie greift erst, wenn die Werbungtreibenden auf die zuvor ausgesprochene Beanstandung nicht reagiert haben.

Kritik, dass eine öffentliche Rüge ein "zahnloses Druckmittel" sei, wies der Werberatsvorsitzende zurück. Die Erfahrung aus der Vergangenheit habe gezeigt, dass es für die Firmen schwierig sei, einmal öffentlich gerügte Kampagnen weiterhin zu schalten.

Am stärksten von Protesten betroffen war im vergangenen Jahr die Eigenwerbung der Medien. Zurückzuführen ist dies auf den gestiegenen Wettbewerb und die damit einhergehende "Werbeschlacht". Allein hier gingen Beschwerden zu 29 Kampagnen (1998: 19) ein.

Dennoch bleibt Werbeliberalität oberstes Prinzip. So kritisierte Schrader Pläne von Bundesministerin Andrea Fischer, Alkoholwerbung durch ein Verbot zwischen 6 und 22 Uhr in Radio und Fernsehen einzuschränken: "Werbung für alkoholische Getränke verschiebt Marktanteile, führt aber nicht zu Alkoholmissbrauch".

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