Zeitung Heute : Web-Comics: Kulleraugen und Kind von Gwyneth Paltrow

Erik Heier

Der Kleine sieht aus wie ein Ei mit implementiertem Korkenzieher. Der Große könnte als schematisch verknappte Version von Moritz Bleibtreu durchgehen, mit Schmolllippen und Kulleraugen. Wenn die beiden miteinander, nun ja, reden, geht das selten über Konversationsfragmente wie "Aha!", "Oh weh!" oder "Cool!" hinaus. Reden ist Silber, Universalität ist Gold: "Novoman & Ravi" sind die Protagonisten eines als Flash-Animation realisierten Web-Comics, den die Berliner Firma "Karo Toons" entwickelt hat. Eine Zeichentrickserie mit interaktivem Navigationssystem, die speziell für das Internet konzipiert ist.

Jedes Level offeriert verschiedene Wahlmöglichkeiten, die die Erzählung verzweigen: ein Handy-Display, auf dem man sich durch Party-Flyer klicken kann, ein Autoradio mit verschiedenen Musik-Optionen, eine virtuelle Polaroid-Kamera, mit der Erinnerungsbilder geschossen werden können. Nach Ende jeder Geschichte kann der User entweder zum Beginn der Schleife zurückgehen und eine Parallelepisode erleben, oder er wechselt zum nächsten Level.

Gemein ist den Flash-Gestalten ein - freilich unterschiedlich stark ausgeprägtes - Interesse an netten Partys und weiblicher Begleitung. Was sich jedoch in Berlin, dem Ort des Geschehens, nicht immer einfach bewerkstelligen lässt. In einer Episode darf der Zuschauer dem Versuch beiwohnen, ohne größere Blessuren in einen Dance-Club zu gelangen. Der Kampf gegen die Warteschlange lässt die beiden in einem beklagenswerten Zustand zurück. Wenn sie nun aneinander zerren, um den anderen entweder auf den Heimweg oder doch wieder in den Club zu lotsen, dann liegt die Entscheidung beim Betrachter. Je nach Klick.

"Novoman & Ravi" war für die Regisseurin Katrin Rothe und den Zeichner und Programmierer Peter Lorenz der Anlass gewesen, im April 2000 "Karo Toons" zu gründen. Peter Lorenz, genannt "Auge", 37-jähriger gebürtiger Berliner, hatte einst in Weimar studiert, "weil es dort die größte Punkerdichte in der DDR gab". Dort machte er sein Diplom in Bauwesen, belegte dabei "alle möglichen Gestaltungs- und Darstellungsfächer" und sang in einer Punkband namens "Die roten Nelken", bevor er nach Berlin kam und die Comic-Buchhandlung "Bei Renate" gründete.

Noch heute, amüsiert sich Katrin Rothe, käme es vor, dass alte Bekannte in stiller Verzückung verharrten, wenn sie erzählt, dass sie mit dem damaligen Bandleader der "Nelken" zusammen sei. Die 30-Jährige wiederum, in Weimar geboren, machte vor eineinhalb Jahren an der Hochschule der Künste in Berlin ihren Studienabschluss für experimentelle Filmgestaltung. "Karo Toons" residiert seit wenigen Wochen im ehemaligen Redaktionsgebäude des "Neuen Deutschland" nahe des Ostbahnhofs. Hier haben die beiden ein paar Räume gemietet und mit dem Aufbau eines kleinen Trickfilmstudios begonnen.

"Einen guten Kurzfilm sieht man allenfalls auf Festivals, aber kaum im Fernsehen", sagt Katrin Rothe. Das Internet hält sie daher für die Rettung des Kurzfilms: "Wenn ich Lust auf gute Filme habe, rufe ich mir einfach einen auf." Wer auf bewegte Comics steht, wird im Web denn auch reichlich fündig. Als Ausgangspunkt bietet sich die vom Online-Magazin Wired betriebene Seite animationexpress.com an. Klick. Da klärt Steve Martin höchstpersönlich per Flash-Animation den Surfer mit feinsinniger Ironie über seine und Gwyneth Paltrows Schwierigkeiten auf, ein gemeinsames Kind zu haben - was vornehmlich an dem Umstand scheitert, dass sich beide noch nie getroffen haben. Klick. Bill Clinton erfreut sich in einer Call-in-Sendung an Fragen zu seinem Familienverhalten - zumindest solange, bis sich Hillary am anderen Ende der Leitung meldet. Klick. Und auch Erich Honecker darf im mauerlosen Internet aus Ruinen auferstehen, wenn auch nur als virtuelles Wandbild. Zu einer gewissen Berühmtheit auch außerhalb des Internets brachte es vor einem Jahr eine Flash-Animation, die den gerichtlichen Streit der Haudrauf-Combo "Metallica" mit der seinerzeit noch florierenden Tauschbörse "Napster" thematisierte, zu Ungunsten der kopierfeindlichen Musikanten.

"Richtige" Zeichentrickfilme zu produzieren, ist für eine kleine Firma wie "Karo Toons" kaum finanzierbar. Anders sieht das bei Flash-Animationen aus, die verhältnismäßig günstig hergestellt und über das Netz recht einfach vertrieben werden können, mit kurzen Ladezeiten. Für ihre Web-Cartoon-Serie bekamen "Karo Toons" Fördermittel beim Media-Programm der Europäischen Kommission. Insgesamt sind 26 jeweils dreiminütige Episoden geplant. Zwei wurden bislang fertiggestellt. Für einige Wochen wurde die Animation samt Navigationssystem ins Internet gestellt. Testweise. Momentan sind auf der Webseite nur die beiden fertigen Episoden abrufbar, ohne Navigation.

Noch sind "Novoman & Ravi" eher Liebhaberei als Erlösquelle. Animationen und Grafiken produziert "Karo Toons" derweil für verschiedene Auftraggeber: für Architekten, Design-Agenturen oder Musiker. Für den Clip "Inspector Bresitouffe" teilte sich "Karo Toons" zusammen mit einer anderen Firma bei der Berlin Beta 2000 den "Flash Attack Award". Die Produktion für das Musik-Label "Plattenmeister" lief, ebenso wie ein anderes Flash-Video namens "Falter", unter anderem auf MTV und Viva. Derzeit beteiligt sich "Karo Toons" am CD-Rom-Projekt einer kroatischen Künstlerin, die sich in aller Welt acht Flash-Animateure zusammensuchte, um eine kroatische Märchensammlung zu visualisieren.

Fraglich ist allerdings, wie Internet-Animationen mehr sein können als nette Gimmicks, für die man ungern bezahlt. Oder ob Werbung als Finanzierungsquelle ausreicht. "Entertainment im Internet: Wo ist bloß das Gelobte Land geblieben?" fragte jüngst ein Autor des "Animation World Magazine". Manchmal stellen sich Katrin Rothe und Peter Lorenz ähnliche Fragen.

Man sei auf der Suche nach Produzenten und Investoren, um das Flash-Projekt mit "Novoman & Ravi" weiter voranzutreiben. Momentan wäre dies allerdings ein wenig problematisch, sagt Katrin Rothe, da die Internetfirmen ihre Werbe-Etats hoch und ihre Produktionsbudgets herunterfahren würden: "Viele kapieren nicht, dass Content das Wesentliche ist, das die Leute anzieht." Für "Novoman & Ravi" käme daher auch ein Sendeplatz im Fernsehen recht. Dann natürlich ohne Navigation. Was jedoch irgendwie schade wäre.

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