Zeitung Heute : Website-Sharing: Mit dem Bus zu Britney

Hendrik Vöhringer

Im Internet wächst manchmal etwas zusammen, was auf den ersten Blick überhaupt nicht zusammen gehört. Verkehrsgesellschaft und Musiksender zum Beispiel. Wer in der Vergangenheit die aktuellen Single-Charts oder News über Pop-Star Robin Williams im Internet nachlesen wollte, konnte glauben, unter www.mtv.de richtig zu sein. Wer sonst als der Musiksender könnte sich hinter dieser einfachen Adresse verbergen? Doch statt Szene-News gab es hier nur Hinweise zu Straßensperrungen im Main-Taunus-Kreis, statt Konzerten mit Britney Spears nur Fahrpläne.

Die Main-Taunus-Verkehrs GmbH in Hofheim, kurz MTV, hatte sich die Domain für ihre Busfahrpläne vor Jahren gesichert. Der internationale Musikfernsehsender MTV hatte geschlafen und sich daher mit der Adresse www.mtvhome.de begnügen müssen. Die Verirrten, die auf der Homepage der Verkehsgesellschaft gelandet waren, mussten über Bannerwerbung vom Main-Taunus-Kreis mühsam in die Musikwelt zurück geholt werden. Was in einen Rechtsstreit um Domain-Rechte hätte ausarten können, ist zu einer friedlichen Kooperation der beiden Unternehmen geworden.

Links Hofheim, rechts München

Website-Sharing heißt die Lösung. Sowohl die Main-Taunus-Verkehsgesellschaft als auch der Musiksender nutzen die Adresse, nur eine dünne Linie trennt die beiden Angebote voneinander. Auf der linken Seite geht es nach Hofheim, auf der rechten nach München. Gleichzeitig sind sie aber auch miteinander verbunden: Durch ein virtuelles Liniennetz, das an ein öffentliches Nahverkehrssystem erinnert. Von der Haltestelle "Elekro-Chat" sind es nur sechs Stationen zum Fahrkartenschalter des Verkehrsunternehmens, vom "Hip-Hop-Radio" nur zwei Stationen zur Fahrplanauskunft.

Doch so reibungslos das "Verkehrssystem" jetzt funktioniert, so schwer war es, eine Lösung zu finden. Drei Jahre lang hatte man miteinander gestritten. Dann zeigten sich beide Seiten kompromissbereit. "Natürlich haben wir eingesehen, dass die Seite für den Musiksender unter inhaltlichen Gesichtspunkten wichtiger ist als für uns", sagt MTV-Geschäftsführer Ralf Scholz. Das vorläufige Ergebnis des Umdenkungsprozesses ist die gemeinsam genutzte Website.

Ab dem 1.Juni darf die gesplittete Homepage sogar von Music Television alleine genutzt werden. "Die Verhandlungen sind abgeschlossen, der Vertrag unter Dach und Fach", sagt MTV-Online-Chef Joel Berger. Was wird aber aus den Kunden der Verkehrsgesellschaft? Werden die jetzt auf den falschen Seiten herumirren müssen? "Es wird gerade am Anfang viele Hinweise zu der Homepage der Verkehrsgesellschaft geben", sagt Joel Berger. "Auch wichtige Seiten wie die Fahrplanauskunft, die viele Kunden mit einem Bookmark versehen haben, können weiterhin genutzt werden. Die Leute wollen schließlich Auskunft über die Fahrzeiten und nicht über Britney Spears."

So ganz ohne Gegenleistung wollten die Hofheimer die begehrte Domain dann doch nicht abtreten. Zwar kostet deren Übernahme durch den Musiksender keinen Pfennig. Die Unternehmen schlossen aber eine weitreichende Kooperation. Es wird gemeinsame Musik-Events geben. Käufer eines MTV-Monats-Tickets bekommen zusätzlich CDs geschenkt, sämtliche Kosten für die Änderung der Werbemittel mit dem Hinweis auf www.mtv.de übernimmt der Musiksender. Auch eine adäquate Ersatzadresse muss für die Verkehrsgesellschaft noch gefunden werden. Der etwas sperrige Name MTV-web.de gehört ohnehin schon dem Verkehrsbetrieb, MTV-Online.de dem "Märkischen Transfer-Verbund".

Das Problem der vergebenen Domain ist nicht neu. Auch MTV-Konkurrent Viva war bei der Registrierung einer Adresse zu langsam. Unter viva.de residierte bereits eine Koblenzer Softwareentwicklungsfirma, die auf ihrem Nutzungsrecht beharrte. Ein Link zur Homepage des Musiksenders war alles, was man gestattete. Jahrelang musste sich Viva mit der Adresse www.vivaliebtdich.de quälen, dann kaufte man eine Webadresse im Südsee-Kleinstaat Tuvalu. Seitdem ist Viva unter der Adresse viva.tv zu finden.

Angesichts von 1,8 Milliarden Webseiten weltweit gewinnt das Thema Internet-Domains zunehmend an Brisanz. Das hat auch das Unternehmen 1GlobalPlace bemerkt und das Print-Produkt "Domain Street Magazine" auf den Markt gebracht, das sich um alle Fragen rund um die Namensgebung im Netz kümmert. "Der Rückkauf von Domains wird häufig zum Millionenpoker", sagt Vorstand Tobias Wann von 1GlobalPlace AG. Oder endet vor dem Gericht wie der spektakuläre Fall um das Aktionshaus eBay in Frankreich. Dort hatte der direkte Konkurrent iBazar die Rechte an der Domain www.ebay.fr zugesprochen bekommen. eBay blieb zuerst nur der Name www.ebayfrance.com, hat aber jetzt die Übernahme der Domain angekündigt: zu einem Preis, der zwischen 66 und 112 Millionen Dollar liegen dürfte.

Von solchen Dimensionen ist die Junge Union Oberpfalz weit entfernt. "Wir wollen mit unserer Domain darauf aufmerksam machen, was im Zuge der EU-Osterweiterung durch die Bundesregierung beachtet werden muss", heißt es dort. Ihre Webadresse: www.gerhard-schroeder.de. Manchmal wächst auch im Internet nicht alles zusammen, was nicht zusammen gehört; so wie Britney Spears und die Bustickets nach Rödelheim.

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