Zeitung Heute : Webwasher: Werbung, wisch und weg

Niko Deussen

Wer nicht wirbt, der stirbt. Die alte Reklame-Regel gehört zum verbalen Rüstzeug jedes Werbemanagers. Die Droh-Devise soll das Wachstum der Werbeetats immer neu anfachen. Doch ob die Werbegelder auch so viel bewirken, wie die Agenturen den Budgetverwaltern unablässig beteuern, ist zweifelhaft. "Die Hälfte meiner Werbemillionen ist verschwendet", stöhnte schon Henry Ford, "ich weiß nur nicht, welche."

Das Werben in gedruckten Medien, im Fernsehen oder in den Sportarenen ist ja durchaus erfolgreich. Doch gerade das Hoffnungsmedium der Zukunft, das World Wide Web, erweist sich als resistent gegen jegliche Form von Propaganda. Im Internet versickern die Reklamegelder wirkungslos wie in einem Schwarzen Loch. Auf den Homepages hängen die Werbebanner nutzlos wie nasse Fahnen. Sie stoßen in der Web-Gemeinde auf wenig Gegenliebe. "Sie werden kaum angeklickt", bedauert der Berliner Internetberater Mortimer zu Eulenburg. Nur drei von tausend Surfern schauen hinter die Werbeblöcke. Der Grund ist nicht nur stoischer Gleichmut gegenüber den oft heftig pulsierenden Werbeflächen. Auf vielen Monitoren ist eine Lücke, wo sonst die Werbung darauf wartet angeklickt zu werden. Eulenburg: "Die Internetsurfer benutzen mittlerweile Programme wie Webwasher, um die Werbung von ihren Seiten verschwinden zu lassen." Auch Berni Lörwald glaubt, dass die kläglichen Klickraten auf das Wirken des Werbefilters zurückgehen.

Der Pressesprecher der webwasher.com AG aus dem westfälischen Paderborn schätzt, dass die Filtersoftware bereits auf 3,5 Millionen Computern für ein werbefreies Surfen sorgt. In begeisterten E-Mails feiern die Fans die Paderborner Programmschmiede: "Am Anfang war das Internet. Dann kam der Webwasher - dessen Schöpfer sei gedankt!" Auf der Hitliste der freien Shareware, auf den CD-Beilagen der Computermagazine unters Volk gebracht, kletterte der Werbe-Killer im Dezember auf den dritten Platz. Der Reklame-Räuber, gerade mal 650 Kilobyte groß, kann auch direkt vom Server des Softwarehauses kostenlos heruntergeladen werden. Nur Firmen zahlen eine jährliche Lizenzgebühr.

Vor den Browser gehängt, erkennt das Software-Sieb fast jedes Internet-Inserat - etwa an den standardisierten Formen und Formaten. "Wenn eine Grafik eine bestimmte Größe hat", sagt Roland Cuny, Mitentwickler des Miniprogramms, "dann wird sie ausgeblendet." Der Webwasher wischt alles vom Bildschirm, was den Surfer nervt: Banner, Buttons, blinkende Bilder und plötzlich aufspringende neue Internetseiten, so genannte Pop-ups. Sie werden erst gar nicht vom Service-Rechner angefordert. Bis zu 45 Prozent weniger Daten rauschen so durch die Leitungen. Dadurch bauen sich die Seiten auch sehr viel schneller auf, was enorm Zeit spart. Für große Unternehmen summiert sich der Spareffekt: "Wenn jeder Mitarbeiter täglich nur eine Minute spart", rechnet Roland Cuny vor, "kommen Millionenbeträge zusammen."

Entwickelt wurde die Software bei Siemens - zunächst nur für den Hausgebrauch. Ende 1998 kam das Programm auf den Markt. Die Werbebranche reagierte panisch, sogar über juristische Schritte wurde laut nachgedacht. Doch Heinrich von Pierer, Chef des größten deutschen Elektronikkonzerns, zeigte Flagge: "Wenn wir den Webwasher nicht anbieten, kommt morgen aus den USA ein vergleichbares Produkt."

Schon ein Jahr später, im Oktober 1999, gründete Siemens dann gemeinsam mit der Metro-Gruppe die webwash.com AG, an der beide Unternehmen zusammen die Aktienmehrheit halten. Seither ist der Web-Wächter ("keep your web clean") stark gewachsen. Heute basteln in Paderborn über 35 Programmierer an der Verbesserung des "Bildschirmschoners" und an neuen Filterprogrammen. Ein Börsengang ist allerdings nicht geplant.

Seit ein paar Monaten sind auch die Protestwellen verebbt. Das Tagesgeschäft erfordert alle Kraft. Denn der Markt für Internetwerbung beginnt wegzubrechen. "Die Preise für die Banner sinken dramatisch", beklagt etwa Mortimer zu Eulenburg. Hatten Experten den Jahresumsatz in diesem Werbesegment in Deutschland noch zu Beginn des Jahres 2000 auf 500 Millionen Mark taxiert, korrigierte Forrester Research den Betrag nach unten: auf 300 Millionen, mehr nicht. Viele Internet-Unternehmen, so genannte Start-Ups, die sich nur über Werbung finanzieren wollten, sind inzwischen schon wieder pleite. "1999 stürzten sich viele Venture-Kapitalfirmen auf werbefinanzierte Konzepte", resümiert Ralph Günther von der Wagniskapitalgesellschaft bmp AG, "die stehen nun vor einem Scherbenhaufen."

Auch Eulenburg zählt die Web-Werbung zu den abgeschlossenen Kapiteln des Internet: "Die Tage der Banner scheinen gezählt." Ganz aufgegeben hat die Branche allerdings noch nicht. So gibt sich etwa Urs Wolfensberger, Geschäftsführer der Publigroupe-Tochter Multimedia Developement, kämpferisch: "Auch gegen Produkte wie den Webwasher werden sich Mittel und Wege finden lassen."

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