Zeitung Heute : Weg durchs Chaos

Wie ein Ingenieur dem Terror in Libyen entkam

Er war auf der Flucht. Immer weiter nach Osten zur ägyptischen Grenze ging es über makellose Schnellstraßen. Hinter ihm lagen der Terror und der Irrsinn eines sich mit Söldner-Schwadronen an die Macht klammernden Regimes. Und er muss lachen, wenn er jetzt am Telefon davon erzählt, wie makellos die Betonpisten waren. Europäische Wertarbeit, er selbst war als Ingenieur nicht ganz unbeteiligt daran. Nur die Sandstürme habe man nicht planieren können.

Seit Jahren lebt der Mann in Bengasi. Er hat um Anonymität gebeten. Sein Unternehmen verdient am Bauboom in Libyen kräftig mit. Mehr darf er nicht sagen. Aber er erzählt nun, nachdem er in dem Land ausgeharrt hatte, um die technischen Anlagen seiner Firma an einheimische Mitarbeiter zu übergeben, von „bürgerkriegsähnlichen Zuständen“ und grausigen Szenen. Von unbemannt in den Straßen stehenden Panzern und Aufständischen, die Munitionsdepots überfielen. Nach den Mittagsgebeten, in deren Anschluss riesige Begräbniszüge durch die Straßen zogen, kam es zu den Scharmützeln. Da auch die Regierungstreuen keine Uniformen trugen, sei nicht zu erkennen gewesen, wer zu wem gehörte.

In dem Chaos tauchten die „Yellow Caps“ auf, eine Miliz französisch sprechender Schwarzafrikaner, die mit Macheten und gelben Mützen auf dem Kopf marodierend durch die Viertel von Bengasi zogen. Durch seine libyschen Mitarbeiter erfuhr der Ingenieur von einem Massaker, das etwas außerhalb der Stadt an 150 Menschen verübt wurde. Hier sei es eine Truppe mit Namen „Schwarze Missionare“ gewesen.

Begonnen hat alles einige Tage zuvor. Es ging um Beton und wofür er verwendet wird. Eine „merkwürdige Aktion“, sagt der Mann, habe zu dem Aufstand geführt, der nach den Vorgängen in Tunesien in der Luft gelegen habe. Gaddafi war für eine Rede nach Sabah in den Süden des Landes gereist. Während der Ansprache besetzten hunderte Libyer ein nahe gelegenes Wohnungsbauprojekt. Gaddafi hörte davon und erinnerte sich an ein lange vorher gegebenes Versprechen: „Jedem Libyer eine Wohnung, das ist in Ordnung“, sagte er. Noch in derselben Nacht nahmen Libyer sämtliche Wohnanlagen im Land in Beschlag, „ob fertig oder nicht“. Allein in Bengasi soll es 40 000 neue Unterkünfte geben. Sie sollten den Ölreichtum etwas gerechter verteilen, doch zog sich die Fertigstellung hin. Nach der Besetzungswelle drohte das Regime den Menschen mit dem Militär. Es dauerte zwei Tage, bis dessen Vormacht im Osten gebrochen war. Ob die Bevölkerung die Mittel hat, sich bis in die Machtzentrale in Tripolis vorzukämpfen, wagt der Ingenieur nicht zu beurteilen. „Die Motivation ist auf jeden Fall da“, sagt er.Kai Müller

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