Zeitung Heute : Weg vom Tanten-Image

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„Das hat noch mit der Mutter-Ideologie aus der Adenauer-Zeit zu tun", vermutet Hilde von Balluseck, Professorin an der Alice Salomon Fachhochschule für Sozialpädagogik. Traditionell glauben viele Menschen in Deutschland, Kinder seien am besten bei ihren Müttern aufgehoben. Krippen und Kindergärten sehen sie eher als Notlösung und nicht als Bildungseinrichtungen - mit fatalen Folgen für das Berufsbild der Erzieherin. Erzieherinnen werden in Deutschland schlecht bezahlt, sie sind schlecht ausgebildet, und das Ansehen des klassischen Frauenberufs ist gering. „Sie gelten als eine Art Tanten, die in einem Schonraum putzige Dekoration an die Wände hängen“, sagt Klax-Pädagoge Michael Hinz. „Dabei sollten sie Partner der Kinder sein, ihnen als authentische Erwachsene gegenüber treten - mit Meinungen, Lebenserfahrungen und dem Wunsch, etwas weiterzugeben."

„Völlig antiquiert" findet auch Hilde von Balluseck die deutsche Art, über Erzieherinnen und kleine Kinder zu denken. „Gerade in diesem Alter sind Kinder so aufnahmefähig wie später nie mehr. Dass das so wenig genutzt und gefördert wird, ist eine Katastrophe." Zusammen mit Ö sterreich ist Deutschland das einzige Land in der EU, in dem Erzieherinnen lediglich in Fachschulen und nicht in Fachhochschulen oder Universitäten ausgebildet werden. „Im europäischen Ausland wird unsere Ausbildung nicht anerkannt", klagt Barbara Schmitt-Wenkebach, die seit 25 Jahren am Pestalozzi-Fröbel-Haus Erzieherinnen ausbildet. Sie findet ihre Schülerinnen zu jung - der erweiterte Hauptschul- oder der Realschulabschluss reicht, um eine Ausbildung zu beginnen. „ Sie brauchen aber Allgemeinbildung, auch Lebenserfahrung, um mit den oft älteren Eltern reden zu können, und sie brauchen die Fähigkeit, sich selbst fortzubilden - deswegen sollte das Abitur Voraussetzung sein."

Die Ausbildung besteht aus vier Semestern in einer Fachschule für Sozialpädagogik und einem Jahr Praktikum, für die Hauptschülerinnen ist noch ein Jahr Berufsfachschule für Sozialwesen vorgeschaltet. „Es sind Schulen und keine Hochschulen", sagt Schmitt-Wenkebach. „Wir haben feste Lehrpläne, wenig Freiraum. So können die Schülerinnen nicht auf selbstständiges Arbeiten vorbereitet werden." Und bei den Praktika lernten die Schülerinnen auch nicht genug: „Sie machen nur nach, was sie sehen - niemand hat Zeit, sich um sie zu kümmern - oder eine Ausbildung darin, sie anzuleiten“. Die jungen Erzieherinnen seien auch zu wenig darauf vorbereitet, Kinder nicht-deutscher Familiensprache zu fördern und mit Eltern aus anderen Kulturen zusammenzuarbeiten - eine wichtige Voraussetzung dafür, dass die Integration auch gelingt.

Wird sich in absehbarer Zeit an der Erzieher-Ausbildung etwas ändern? Einen ersten Schritt dazu hat Schmitt-Wenkebach zusammen mit Mitstreiterinnen aus der GEW und Hilde von Balluseck unternommen: Seit über zwei Jahren bemühen sie sich, an der Alice Salomon Fachhochschule in Hohenschönhausen einen Modellversuch ins Leben zu rufen. 25 Abiturientinnen oder berufserfahrene Erzieherinnen sollen in vier Jahren einen „Bachelor of Education" erwerben, in dem Kenntnisse über Sozialisation, Medienkompetenz, Elternarbeit, Sprachförderung, interkulturelle Arbeit sowie betriebswirtschaftliche Kenntnisse zur Leitung einer Einrichtung vermittelt werden sollen.

Das Land Berlin unterstützt die Bemühungen: „Wir wollen die Erzieherinnen-Ausbildung auf europäisches Niveau anheben", sagt Staatssekretär Thomas Härtel. Das Geld für den Modellversuch - 250 000 Euro müsste das Land zahlen, 250 000 Euro der Bund - werde zur Verfügung gestellt. Doch ach: Der Antrag, einen solchen Modellversuch einzurichten, muss von der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung abgesegnet werden, und die wehrt bisher ab: Die Länder fürchten, dass besser ausgebildete Erzieherinnen auch besser bezahlt werden müssen. Vorerst muss man sich also mit kleinen Reformen begnügen: Der Senat will etwa die Praktikumszeit mit der theoretischen Ausbildung verzahnen und neue Schwerpunkte setzen: interkulturelle Kompetenz, Methoden der Sprachförderung, Selbstbildung. Ende Juni steht der Antrag auf den Modellversuch erneut zur Diskussion, frühestens im Sommersemester 2003 könnten Studentinnen aufgenommen werden. Bis zu einer flächendeckenden Reform dürften also noch viele Jahre vergehen.E.M.

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