Zeitung Heute : Weg von der Haft

Die Sicherheitsbehörden waren auf die Abschiebung Kaplans vorbereitet – aber nicht auf seine Flucht

Frank Jansen

Wie kam es dazu, dass der „Kalif von Köln“, Metin Kaplan, verschwinden konnte?

Alles lief nach Plan, jedenfalls noch am Dienstagabend. Metin Kaplan war in seiner Wohnung in dem Hochhauskomplex in Köln-Chorweiler, die observierenden Verfassungssschützer waren sich da ganz sicher. Schließlich war der „Kalif von Köln“ noch am Montag in seiner Wohnung aufgesucht und „augenscheinlich krank“ vorgefunden worden, nachdem er der Auflage, sich montags bei der Polizei zu melden, nicht nachgekommen war. Ein Sohn des Islamistenführers hatte ein ärztliches Attest bei den Behörden vorgelegt. Auch am Dienstag hatten die Beamten des Bundesamtes für Verfassungsschutz die Wohnung unter Beobachtung und keinerlei Verdacht.

Am Mittwochmorgen, am Tag des Prozesses, übergab der Verfassungsschutz die Observation: Ab 8 Uhr 15 war die Kölner Polizei zuständig. Weil die Erlaubnis zur Abschiebung Kaplans erwartet wurde, erschien dieses Vorgehen sinnvoll. Als das Urteil der Münsteraner Richter am frühen Abend kam und das Amtsgericht Köln um 18 Uhr 25 einen Haftbefehl erliess, war Kaplan nicht mehr da. Die Polizisten kamen aus dem Hochhaus, wie sie hineingegangen waren: ohne „Kalif“.

Die Polizei hatte verdeckte Ermittler eingesetzt, die sich nicht direkt vor der Wohnungstür postierten, sondern an den Hauseingängen standen. Nun weiß die Polizei nicht einmal, ob der Chef des verbotenen Vereins „Kalifatsstaat“ noch in der Mietskaserne steckt, in einer der anderen 260 Wohnungen. Und ihr sind auch noch die Hände gebunden: Polizeibeamte dürfen Wohnungen nicht ohne konkreten Verdacht oder „Gefahr im Verzug“ durchsuchen. Bei der Größe der Chorweiler Betongebirge und der hohen Anzahl türkischer Namensschilder dürfte es auch schwierig sein, das mögliche Versteck Kaplans einzugrenzen.

Wer hat Schuld? Wenn der Gesuchte, das Hochhaus verlassen haben sollte, liegt das Versagen eindeutig bei der Kölner Polizei – dann nämlich haben die Beamten Metin Kaplan beim Verlassen des Gebäudes schlichtweg übersehen. Befindet er sich noch in dem Komplex, so erscheint zumindest die Überwachungstaktik mangelhaft. Aber hätten nicht auch die Kollegen vom Verfassungsschutzlänger – vielleicht sogar gemeinsam mit den Polizisten – observieren müssen? Die Gefährlichkeit Kaplans war bekannt. Er hatte 1996 zum Mord an einem Berliner Rivalen aufgerufen. Ein Jahr später wurde der „Gegenkalif“ Ibrahim Sofu erschossen. Die Täter wurden nie gefasst.

Von einer Sicherheitslücke wollte die Polizei dennoch nichts wissen, der Verfassungsschutz äußerte sich nicht. Polizeipräsident Klaus Steffenhagen wies den Verdacht der fehlenden Abstimmung zwischen den Behörden zurück. „Wir haben Informationen ausgetauscht“, sagte Steffenhagen. „Was der Verfassungsschutz gemacht hat, können wir nicht sagen.“

Wohin könnte Kaplan geflüchtet sein, sollte er sich nicht in Chorweiler verstecken? Zu vermuten wäre zunächst ein Unterschlupf in den nahen Niederlanden. Von hier aus agitiert der in Deutschland seit 2001 verbotene Verein weiter. Die Zeitung „Beklenen Asr-I Saadet“ wird in Holland produziert und in die Bundesrepublik geschmuggelt. Aber auch hier zählt der „Kalifatsstaat“ noch 800 Anhänger. Das sind 800 potenzielle Verstecke.

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