Zeitung Heute : Wege zur Erfolgsressource Wissen

R.-C. Henkel C. Schössler

Deutsche Unternehmen erzielen mehr als 55 Prozent ihrer Wirtschafsleistung aus wissensbasierten Branchen. Damit sind sie Weltmeister des Wissens. Das Fraunhofer Instituts für Arbeitswissenschaft und Organisation (IAO) hält das nicht für ausreichend. Mit einer Studie förderte das IAO zu Tage, dass die Hälfte der Firmen nur 20 bis 40 Prozent des vorhandenen Wissenspotenzials nutzt. Dabei liege die größte unternehmerische Herausforderung der kommenden Jahre in der effizienten Nutzung dieses intellektuellen Kapitals. Das IAO-Credo: Individuelles Know-how muss in dynamisches Unternehmenswissen integriert werden - mit Wissensmanagement.

Genügend Modelle zur Implementierung von Wissensmanagement gibt es (vergleiche K & B vom 17. Februar 2002). Doch in den Betrieben bleiben die vielversprechenden Ansätze oft graue Theorie. Woran es liegt, ist offensichtlich: am "Faktor Mensch". Der so häufig nach außen kommunizierte Teamgedanke ist in Wirklichkeit oft nicht mehr als ein Potemkisches Dorf. Viel zu häufig beherrscht Konkurrenz- oder Abteilungsdenken das Klima. "Betriebe, die ein Wissensmanagement installieren wollen", rät darum der Leverkusener Unternehmensberater Rüdiger Funke, "sollten ihre Mitarbeiter von Anfang an in das Vorhaben mit einbeziehen." Ansonsten könne die für den internen Wissenstransfer angeschaffte Technologie leicht zu sündhaft teuren Datenfriedhöfen verkommen, "weil kaum ein Mitarbeiter von den darin enthaltenen Daten und Möglichkeiten Gebrauch macht."

Die Bereitschaft zum Erfahrungs- und Wissensaustausch muss geweckt werden. "Die Mitarbeiter müssen begreifen", sagt Funke, "dass geteiltes Wissen nicht ärmer, sondern reicher macht - und zwar jeden Einzelnen ebenso wie die gesamte Firma." Erst auf Basis dieser Grundeinstellung könnten dann auch Softwarelösungen helfen.

Einen einfachen - und sogar kostenlosen - Einstieg bietet die Internetplattform "community of knowlegde" an. Unter der Adresse www.c-o-k.de können Informationen über die fachlichen Anforderungen und die Leistungsfähigkeit der aktuellen Techniken und Tools abgerufen werden. Werkzeuge, Fallstudien und Methoden werden vorgestellt und es gibt auch einen Überblick über die verschiedenen Rollen, die bei einem funktionierenden Wissensmanagement besetzt werden müssen. Praktischerweise existiert auch ein Glossar, denn wer weiß schon, dass in der Fachsprache "Menschengebundenes Wissen und Personalentwicklung" mit KEEP abgekürzt wird: Know-how-, Expertise- and Experience-Preservation.

Doch Internet-Hilfe hin, Fachtermini her: Ohne Kommunikation von Angesicht zu Angesicht wird Wissenstransfer nicht funktionieren. Unternehmensberater Funke rät deshalb in der Anfangsphase unbedingt zu kleinen Projekten. Seine Überzeugung: "Damit die Belegschaft begreift, dass von einem regen Wissensaustausch tatsächlich jeder Einzelne persönlich wie fachlich profitieren kann, sind Erfolgserlebnisse sehr wichtig."

Hört sich logisch an - und ist in der Praxis trotzdem ein ungeheuer hartes Brot. "Die Implantierung von Wissensmanagement ist so ein bisschen wie die Kombination von Marathon und Hindernislauf", skizziert Funke die Situation. Er zitiert dabei aus einer Studie der "AfW Wirtschaftsakademie" in Bad Harzburg: Demnach beklagen 73 Prozent der befragten Manager, dass vor allem Konkurrenzdenken zwischen den Mitarbeitern die Weitergabe von Wissen behindere. 46 Prozent der Interviewpartner sei unklar, wer im Unternehmen überhaupt welches Wissen für die eigene Firma ins tägliche Rennen wirft. Stolze 83 Prozent der Befragten gaben an, dass in ihrem Unternehmen bislang nicht exakt definiert ist, wer auf welches Wissen Zugriff hat. Ein weiteres Problem sind Hierarchien. Ein Drittel der vom AfW befragten Mitarbeiter attestiert dem eigenen Management "Unfähigkeit zum Loslassen- oder Teilenkönnen". Und nur in den wenigsten Unternehmen spielt das Kriterium fürs persönliche Fortkommen überhaupt eine Rolle. Eine rühmliche Ausnahme: Der Münchener Elektronikriese Siemens. Dort wurde die "European Computer Driving Licence" (ECDL) als Standardqualifikation für alle Mitarbeiter eingeführt. Ziel: Wer die Lizenz hat, dem öffnen sich die Türen zur Karriereleiter bedeutend leichter. Der Personalchef kann ja sicher sein, dass der Bewerber an elektronischen Medien fit ist - und somit auch für jedes elektronische Wissensmanagementsystem. Er hat in sieben Teilprüfungen bewiesen, dass er Informationen aus dem Web beschaffen, gewichten und in den Wissenskreislauf einbringen kann.

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