Zeitung Heute : Wegelagerei an Autobahnrouten: "Zustände wie im Mittelalter" - Polizei oft hilflos

Etwas benommen wacht Gerhard Lauch (Name von der Redaktion geändert) um vier Uhr morgens in seinem Wohnmobil auf. Nur schemenhaft sieht der Berliner eine Gestalt, die vom Fahrerhaus her in den Wohnbereich eindringt, sich das auf einer Ablage befindliche Handy greift und wieder verschwindet. "Ich war wie benebelt, unfähig sofort in Aktion zu treten", schildert Herr Lauch dem Tagesspiegel sein unerfreuliches Erlebnis.

Auf der Rückfahrt vom Spanien-Urlaub hatten Gerhard Lauch und seine Frau auf einem Rastplatz bei Narbonne, zwischen Perpignan und Montpellier, einen Rastplatz angefahren, um dort ein paar Stunden Schlaf zu finden und frisch die Weiterfahrt nach Deutschland anzutreten. "In Spanien an der Autobahn waren wir schon immer supervorsichtig, weil wir ja im Tagesspiegel gelesen hatten, dass dort Autobahngangster ihr Unwesen treiben", berichtet Lauch.

Er und seine Frau sind glimpflich davon gekommen. Das Handy ist weg und, wohl noch ärgerlicher, die Schlösser am Wohnmobil sind ramponiert und müssen ausgetauscht werden. Andere Opfer hat es da schon härter getroffen. "Manchmal sollen die Gauner sogar durch die Lüftungsschlitze Gas ins Auto leiten, damit die Insassen bewusstlos werden", hat Gerhard Lauch gehört. Wenn die Betäubten dann irgendwann aufwachten, waren die gesamte Barschaft sowie alle Wertsachen perdu, die Räuber über sämtliche Berge.

Die Lauchs waren in besagter Nacht nicht die einzigen Opfer der Autobahnräuber bei Narbonne. Eine halbe Stunde nachdem die Ganoven bei ihm im Wohnmobil gestanden hatten, sah der Berliner, wie sie sich am Fahrzeug eines Italieners zu schaffen machten. Die alarmierte Polizei war noch nicht eingetroffen, doch konnte Lauch die Räuber verscheuchen, indem er sich laut bemerkbar machte. Als nach zwei Stunden die Polizei endlich eingetroffen war, erfuhren die Urlauber, dass auf dem Parkplatz einige Meter weiter ein dritter Tourist Opfer der wohl selben Täter geworden war. "Und das Deprimierende an der Sache ist, dass die Polizei so hilflos erscheint. Seien sie hier, werde auf einem anderen Parkplatz ein Verbrechen verübt, hieß es. Sie könnten nicht überall sein. Dabei zuckten sie nur mit den Schultern", erzählt Lauch.

"In der Nacht erfuhren wir auch, dass sich in Frankreich Menschen zusammenschließen, die sich vorher noch nie begegnet sind, die aber im Konvoi die Südautobahn nach Spanien sicher passieren möchten. Alles nur aus Furcht vor den Räubern. Das muss man sich mal vorstellen. Hier erleben wir jeden Tag Hochtechnologie in allen Lebenslagen und dort macht man Erfahrungen wie im Mittelalter. Das ist doch schlimm", entrüstet sich der Tagesspiegel-Leser.

Dass der Trip von oder nach Spanien über Frankreichs Autobahnen auch ohne Überfall kein billiges Vergnügen ist, wollen Touristen wie die Lauchs ja noch hinnehmen. "Doch wenn wir mit unserem kleinen Wohnmobil schon Mautgebühren zahlen müssen wie ein Lastwagen, immerhin mehr als 200 Mark für eine Strecke, dann sollte auch für Sicherheit an den Autobahnen gesorgt werden", findet Leser Lauch. Die Autobahn an sich sei ja toll, kein Vergleich mit den deutschen. Auch die Rasthäuser seien wirklich prima. Doch aufhalten könne man sich dort offensichtlich nicht ungefährdet.

Die Erfahrungen der Berliner werden vom Allgemeinen Deutschen Automobil Club (ADAC) bestätigt. "Uns haben allein in dieser Reisesaison bereits einige hundert Mitglieder berichtet, dass sie Opfer von Autobahnräubern geworden sind. Die Angaben beziehen sich jedoch nicht nur auf Frankreich und Spanien. Auch aus Italien, Polen und anderen osteuropäischen Ländern wurden Vorfälle gemeldet", berichtet Christof Henn, Redakteur der "Motorwelt", der Mitgliederzeitschrift des Clubs. In Italien werden Autotouristen oft durch Betrügereien an Tankstellen abgezockt oder Räuber auf wendigen Mofas nutzen Ampelstopps, um durchs offene Autofenster Handtaschen oder Mäntel zu angeln. "In Polen geht es meist ums ganze Auto", schreibt die "Motorwelt". Vorzugsweise auf wenig frequentierten Parkplätzen wird Touristen mit gediegenem Auto aufgelauert, die Insassen brutal zum Aussteigen gezwungen, und fort ist das Gefährt samt Inhalt. Mit einer breiten Palette übler Vorgehensweisen müssen Autofahrer auch in Tschechien, der Slowakei und Ungarn rechnen.

Seine Mitglieder berät der Autoclub in den Geschäftsstellen, im Internet oder per Faxabruf. Jedem Bürger hingegen stehen die Beratungsstellen der Polizei (Auskunft in Berlin unter Telefon 69 95) offen. Spezielle Länderinformationen erhält man auch über das Auswärtige Amt der Bundesregierung (Telefonnummer: 018 88 / 170, Telefaxnummer: 018 88 / 17 34 02, im Internet unter www.auswaertiges-amt.de ).

Auf Auslandsfahrten verzichten möchte Gerhard Lauch auch in Anbetracht der gemachten Erfahrungen nicht. Er will sich nun informieren, wie er sein Fahrzeug besser sichern kann, um künftig vor ungebetenen Gästen geschützt zu sein. Ihm und anderen rät der ADAC, auf bewachten Campingplätzen zu übernachten. gws

Vollständigen Schutz gegen Ganoven aller Schattierungen gibt es nicht. Das Risiko, beraubt oder bestohlen zu werden, lässt sich allerdings verringern, indem man einige Hinweise des ADAC beachtet

Alle Wertsachen, die nicht unbedingt auf Reisen benötigt werden, sollten an sicherem Ort zu Hause bleiben.

Wertsachen wie Schecks, Bargeld und Reisedokumente versteckt am Körper tragen und möglichst auf mehrere Personen verteilen.

Notrufnummer des entsprechenden Landes im Auto griffbereit haben, um eventuell über Handy Hilfe zu rufen.

Bei Pausen sollte ein Reisender am Fahrzeug bleiben.

Auch wer sein Auto nur kurz verlässt, etwa beim Tanken, sollte den Zündschlüssel abziehen und das Auto verschließen.

Keine Gegenstände sichtbar im Fahrzeug liegen lassen.

Camper sollten ihr Fahrzeug mit einer Alarmanlage sichern.

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