Zeitung Heute : Wegen alter Munition kann das riesige Gebiet nur zögerlich für Wanderer geöffnet werden

Claus-Dieter Steyer

Der Ort Dallgow-Döberitz hinter der westlichen Berliner Stadtgrenze könnte getrost auf seinen Doppelnamen verzichten. Dallgow würde genügen, denn Döberitz existiert gar nicht. Es ist schon nach der Jahrhundertwende von der Landkarte verschwunden. Das kaiserliche Heer brauchte damals viel Platz zum Üben und Schießen. Da störte das Dorf, so dass die Umsiedlung der Einwohner durchgesetzt wurde. Geblieben sind nur die Namen Döberitzer Heide und Dallgow-Döberitz. Doch obwohl das Militär heute nur noch einen kleinen Teil der 40 Quadratkilometer großen Heide beansprucht, können Spaziergänger und Radfahrer noch immer nicht die Reste des alten Döberitz erkunden oder einfach ungehindert auf Tour gehen. Der einzige Wanderweg ist rechts und links eingezäunt.

Die alle 50 Meter stehenden Hinweistafeln weisen die Heide als "explosionsverseucht" aus. Rote, blaue und gelbe Punkte erklären den Grad der Belastung mit Munition, rot bedeutet höchste Gefahr. Die Brandenburgische Bodengesellschaft, die frühere militärische Liegenschaften im Land verwaltet und verkauft, hat dieses Regime sehr zum Unwillen vieler Anwohner und Ausflügler durchgesetzt. Sie bezweifeln die Munitionsbelastung und fordern die Freigabe weiterer Wege durch die unmittelbar an den Rand der Großstadt grenzende Heide. "Wir heißen Dallgow-Döberitz, dürfen aber nicht nach Döberitz", klagte der CDU-Ortsvorsitzende Wolfgang Gall auf einem Einwohnerforum. Außerdem sei es nicht günstig, ausgerechnet einen Lobbyisten des Naturschutzes mit der Entwicklung des Gebietes zu beauftragen. "Da fehlt der Interessenausgleich", meinte Gall.

Die Kritik galt dem Naturschutzförderverein, der im Auftrag der Bodengesellschaft die Heide schrittweise öffnen soll. Da das allerdings ziemlich langsam verläuft - die russische Armee verließ als letzter Nutzer das Gelände schon 1992/93 - wird offen der Verdacht einer bewussten Verschleppung geäußert. Die zweifellos reiche Pflanzen- und Tiervielfalt auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz, so lautet ein in der Gegend immer wieder zu hörender Vorwurf, solle vor den Menschen geschützt werden.

Der Chef der Bodengesellschaft, Joachim Klinke, kontert: "Wir sperren die Heide nicht für den Naturschutz, sondern wegen der Munitionsbelastung." Die Eröffnung des Wanderweges sei schon ein Kompromiss gewesen. Allein auf und neben der zehn Kilometer langen Wanderroute seien 21 scharfe Minen, 75 Granaten, 36 Raketen und anderes Kriegsgerät gefunden worden. Es sei deshalb nicht abzusehen, wann die ganze Heide betreten werden dürfe. Vorsichtige Schätzungen gehen von 250 Millionen Mark aus, die eine komplette Munitionsberäumung kosten würde. Die Anlage des ersten Wanderweges hat rund 15 Millionen Mark verschlungen.

Die gefundene Munition spiegelt die Militärgeschichte wider. Denn sie stammt vom Königlich Preußischen Heer, von der Sächsischen Armee, der Reichswehr, der Wehrmacht, der Roten Armee sowie der NVA und Volkspolizei. Besondere Schwierigkeiten bereiten die von der russischen Armee bei ihrem Abzug vergrabenen Munitions- und Waffenbestände. In dem Durcheinander der Heimkehr mussten die Kontrollbücher offenbar nicht mehr stimmen, so dass zu dieser billigen Entsorgung gegriffen wurde.

Auf dem ersten freigegebenen Wanderpfad lauern solche Gefahren nicht. Dafür erwarten den Spaziergänger einige markante Punkte. So überragt beispielsweise im westlichen Teil ein hoher Obelisk die Landschaft. Kaiser Wilhelm II. hatte ihn 1903 in Erinnerung an das erste Truppenmanöver Friedrich II. mit 44 000 Soldaten 150 Jahre zuvor aufstellen lassen. Auf der anderen Seite steht der Wanderer plötzlich vor einem alten Schwimmbecken mit Sprungturm, in denen einst auch Sportler der Olympischen Spiele von 1936 trainiert haben sollen.

Leider gibt es noch keinen Rundweg. Doch Dallgows Bürgermeister Hans-Günter Heppe hat schon einen interessanten Tourismus beobachtet: "Busgruppen beginnen ihre Tour hinter dem Havelpark und laufen die zehn Kilometer bis zum anderen Eingang in Elstal. Dort holt sie der Bus wieder ab", erzählt er. "Die meisten sind begeistert."Der Wanderweg beginnt hinter dem Parkplatz des Einkaufszentrums Havelpark an der B 5. Auskünfte erteilt die Gemeindeverwaltung Dallgow-Döberitz, Tel. 03322/29 840.

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