Zeitung Heute : Weggeschlossene Gesellschaft

Zu wenig Platz, zu viele Drogen, schlechte medizinische Versorgung: Warum die Berliner Gefängnisse in die Schlagzeilen geraten sind

Claudia Keller

Die Vitamine waren für die anderen. Das ist Andreas Werner gleich aufgefallen. Kistenweise wurden sie von der Arztgeschäftsstelle 2 bestellt. Und er, Andreas Werner, hat sie geschleppt. Danach hat er von den Waren nichts mehr gesehen. „Wenn wir selbst was abhaben wollten, gab es nichts“, sagt er heute. Seit sieben Jahren sitzt Werner im Gefängnis in Berlin-Tegel ein. Davor saß er in Moabit; dort hat er in jener Arztgeschäftsstelle 2 gearbeitet.

Es ist eine Geschichte von illegalem Medikamentenhandel in Berliner Gefängnissen und von Ärzten, die Häftlinge möglicherweise nicht oder nur unzureichend behandeln. Andreas Werner hat sie schon öfter erzählt, nur geglaubt hat ihm kaum jemand. Bis jetzt.

Doch seit einer Woche stehen die Mitarbeiter eben jener Medikamentenausgabe im Verdacht, mit Arznei gehandelt zu haben, von der Werner spricht. Er fährt sich mit der Hand durch den grauen Igelhaarschnitt. Auf die Frage, für wen die Arznei denn gedacht sei, hätten die Angestellten damals geschwiegen.

Berlins Justizsenatorin Gisela von der Aue will einen Untersuchungsausschuss einsetzen, um die Vorgänge aufzuklären. Vergangenen Freitag wurde ein Staatssekretär entlassen. Und am Sonntag ist in der Tegeler Gefängniskirche der Häftling Eberhard Reichert, 56 Jahre alt, umgekippt und gestorben. Vor dem Gottesdienst. Reichert war seit Längerem schwer krank. Auch er hatte sich bei der Gefängnisleitung über unzureichende medizinische Behandlung beklagt. Deshalb wird der Untersuchungsausschuss wohl nicht nur in Moabit tätig werden, wo der Skandal begonnen hat. Auch Tegel und andere Berliner Anstalten sind in Verruf geraten.

Ob in der Tegeler Justizvollzugsanstalt mit Arznei gehandelt werde, wisse er nicht, sagt Werner. Er arbeitet hier nicht in einer Arztgeschäftsstelle, sondern als Redakteur bei der Gefängniszeitung „Lichtblick“. Er habe nur festgestellt, dass die Ärzte auch in Tegel „sehr knausrig“ mit Medikamenten seien, wenn es Häftlingen schlecht gehe. Wenn ein Finger blutet, gibt es sofort einen Verband. „Aber sobald es einem an etwas fehlt, was nicht so offensichtlich ist, wird man für einen Simulanten gehalten.“

Als einer von Werners Redakteurskollegen vor einem halben Jahr einen steifen Hals und Arm und Schmerzen hatte, weil er sich einen Zug geholt hatte, habe sich keiner gekümmert – bis es in der Gefängniszeitung stand. Dann fragte die Justizsenatorin, damals noch Karin Schubert, nach, was da los sei. „Die Ärzte“, sagt Werner, „haben dokumentiert, dass alles bestens gelaufen ist“. Damit sei das Thema vom Tisch gewesen.

Wem glaubt man in solchen Fällen – Ärzten oder Häftlingen?

Ärzte oder Anstaltsleiter kann man dazu nicht befragen. Die Gefängnismitarbeiter dürfen nicht mehr mit der Presse sprechen, seit Justizsenatorin von der Aue den Untersuchungsausschuss angekündigt hat.

Andreas Werner freut sich, dass das Thema nun auch in den Zeitungen „draußen“ diskutiert wird. Er habe nur eine halbe Stunde Zeit, hatte er anfangs gesagt, der „Lichtblick“ hat Redaktionsschluss, die Zeit drängt. Jetzt aber sitzt er im Büro des Gefängnispfarrers und beginnt, sich richtig in Rage zu reden.

Neben Werner sitzt Pfarrer Rainer Dabrowski und nickt ab und an. Klagen über zu wenig Medikamente oder schlechte medizinische Versorgung spielen in den Gesprächen, die er jeden Tag mit Häftlingen führt, keine große Rolle. Er ist eher fürs seelisch Große und Ganze zuständig.

„Wir verstehen gar nicht, was Häftlinge heutzutage zu jammern haben. Denen geht’s doch gut.“ Es ist einer jener Sätze, die Dabrowski oft hört, zum Beispiel, wenn er abends Vorträge in Berlin hält.

Tegel ist Deutschlands größtes Gefängnis. 1743 Männer sitzen hier in roten Backsteinmauern und 70er-Jahre-Bauten ein. Sie haben gedealt, geklaut und betrogen, sie haben überfallen, verletzt und gemordet. Die meisten sind für ein paar Jahre hier, ein kleiner Teil sitzt lebenslänglich. Viele von ihnen sind drogenabhängig. Die Tegeler Gefängnisanlage ist so groß wie 14 Fußballfelder. Es ist eine kleine Stadt mit Arbeitsamt, Betrieben und Schulen, mit einem Fußballverein, Theater und Konzerten und einer eigenen Zeitung. Auf den Fluren hängen Telefone, von denen die Häftlinge nach draußen telefonieren können, es gibt Fernseher in den Zellen.

Aber es gibt Probleme in Berlins Gefängnissen, die nicht auf den ersten Blick sichtbar werden. Viele Mitarbeiter wurden eingespart, Berlin ist eine arme Stadt. Dafür werden die Gefangenen immer mehr. Obwohl die Kriminalität von Jahr zu Jahr sinkt, werden immer längere und schwerere Strafen verhängt. Das Tegeler Gefängnis ist zu 113 Prozent belegt. Dass ein Straftäter wegen guter Führung nach der Hälfte der Haftzeit entlassen wird, kommt nur noch selten vor. Immer mehr werden bis zum Tod weggesperrt, auch wenn dies in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird.

„Manchmal wundere ich mich, dass die Atmosphäre trotzdem noch gut ist“, sagt Pfarrer Dabrowski. Er setzt sich bei der Gefängnisleitung für Verbesserungen ein, er vermittelt, wenn Wärter mit Gefangenen nicht klarkommen. Aber vor allem spricht er mit den Gefangenen, wenn es sein muss, auch mal drei Stunden.

Ein Beispiel: Da sagt ein Anwalt zu einem Betrüger, du wirst bestimmt freigesprochen. Dann kriegt er zehn Jahre. Er kommt hier an, sitzt über Monate mit anderen zusammen im „Zugangshaus“, kleine Zellen, kein warmes Wasser, Klo neben dem Bett. Er sagt: „Das halte ich nicht aus, ich bringe mich um.“ Der Pfarrer wird gerufen. Dabrowski, rundlich, schwarze Hose, schwarzes Jackett, erzählt die Geschichte und zeigt beim Rundgang auf einen alten Backsteinbau mit kleinen Fenstern. Man sieht Stockbetten. Das Zugangshaus. „Okay“, habe er dem Mann gesagt, „dann müssen wir die Beerdigung planen: Welcher Sarg, welche Blumen, wer soll eingeladen werden? Das machen wir nächste Woche.“ In den sieben Tagen bis zum nächsten Treffen habe er dem Mann einen Arbeitsplatz besorgt. Der habe dann in der nächsten Woche nicht mehr von Selbstmord gesprochen, sondern von seinem neuen Kumpel.

In Dabrowskis Büro in Haus II mit dem abgetretenen grünen Teppichboden, dem Resopaltischchen und den drei Stühlen sitzen sie alle, die durch Heime, Schulen, Ausbildungsplätze, durch alle sozialen Sicherungssysteme durchgefallen sind. Männer, die meinen, Frauen seien nur zum „Ficken“ da, die nur gelernt haben, draufzuschlagen, Skinheads, arabische Macho-Jungs, Drogenabhängige. Hier beim Pfarrer zwischen den Regalen mit den Bibeln, Kreuzen und Abendmahlskelchen weinen sie. „In der restlichen Anstalt zeigen die keine Gefühle“, sagt Dabrowski, „denn das Einzige, was ihnen geblieben ist, ist ihr männlicher Stolz“. Manchmal schafft er es, ihnen klar zu machen, dass die Freundin sich vielleicht nicht trennt, wenn man mal mit ihr spricht, dass sich der Konflikt mit dem Vater lösen lässt. In seinem Büro können Männer ihre Frauen und Kinder treffen außerhalb der wöchentlich vorgesehenen 45 Minuten mit Glasscheibe dazwischen und 20 anderen Gefangenen daneben. An Dabrowskis Schreibtisch sind auch schon Kontaktanzeigen verfasst worden. Neulich habe einer geschrieben: „Bin Panzerknacker. Suche Frau.“ Hundert Zuschriften seien gekommen. „Wenn man will, kann man als Häftling leicht Kontakt draußen finden.“ Aber man müsse den ersten Schritt tun. Dabrowski ist oft auch bei der ersten Begegnung mit der neuen Freundin dabei. Sonst stünden die sich eine halbe Stunde gegenüber und sagten nichts. „Viele hier haben nie gelernt, mit jemandem zu reden,Vertrauen aufzubauen. Die sind so unreif, das kann man sich gar nicht vorstellen. Wir holen die einfachsten Grundlagen der Erziehung nach.“

Es ist 15 Uhr 30 an diesem Dienstag. Die Tischlereien, die Kfz-Werkstätten und Küchen, die Schneiderei und Schusterei beenden die Arbeit. Die Häftlinge sind in ihre Häuser zurückgekehrt. Eine Stunde lang können sie sich jetzt unter Aufsicht auf den Fluren treffen, im Hof Runden drehen, in den Fitnessstudios Muskeln aufpumpen. Kräftige, tätowierte Kerle setzen für einen Moment die Hanteln ab, wenn der Pfarrer am Fenster vorbeigeht, und winken. Im Block der „Lebenslänglichen“ erzählen zwei, dass sie einen Nachruf aufgesetzt hätten. Ob er mal lesen könne. Der Tod von Eberhard Richter in der Gefängniskapelle sei für die Häftlinge „ganz schlimm“. Er rühre an die Urangst, hier nicht mehr rauszukommen, im Gefängnis zu sterben.

Wer mal ein paar Jahre hier sei, wisse, dass draußen in der Regel niemand mehr auf ihn warte, sagt der Seelsorger. Sich dann nicht aufzugeben, verlange viel Energie. Die Hoffnung aufrechtzuerhalten falle leichter, wenn man arbeite. Aber nur 65 Prozent der Häftlinge arbeiten tatsächlich. Wer beschäftigt sein will, muss eine Bewerbung ans anstaltsinterne Arbeitsamt schicken. „Wer zum ersten Mal im Gefängnis ist, 24 Stunden in der Zelle sitzt, der tut alles, um rauszukommen“, hatte Andreas Werner zuvor gesagt. „Der putzt auch acht Stunden lang unbezahlt Klos.“ Dass so viele junge, kräftige Männer in den Zellen rumhängen und nicht arbeiten können, sei ein großes Problem. Vor allem dann, wenn sie wegen der Überbelegung auch noch zu zweit in den kleinen Zellen sitzen. Dabrowski spannt die Arme auseinander. In manchen Häusern könne man von einer Wand zur anderen greifen, so klein seien die Räume. Wenn der eine das Zimmer betrete, müsse der andere aufs Bett. Die Toilette steht zwischen den Betten, ohne Abschirmung. „Die Stimmung wird aggressiver“, sagt Andreas Werner. Eine Arbeitsstelle zu finden ist auch für die drogenabhängigen Häftlinge oft der einzige Anreiz, einen Entzug zu machen. Denn an Drogen ranzukommen ist leicht, sagt Dabrowski. Besucher, Mitarbeiter – in keiner deutschen Haftanstalt sei es möglich, Drogen auszuschließen.

Über Tegel wird es dunkel. Der Pfarrer hat bald Feierabend. „Bei uns sitzen Sie sicher“, steht auf einem roten Backstein, den er als Briefbeschwerer auf seinem Schreibtisch liegen hat. Seit 16 Jahren arbeitet Dabrowski in Tegel und ist jeden Abend froh, hier rauszukommen. Er geht dann joggen, ins Kino, ins Theater. 53 Jahre ist er jetzt alt – und damit an der Altersgrenze, an der sich viele Häftlinge endgültig aufgeben.

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